Eigentlich war es immer so, dass Berlin neugierig wie ein keckes Mädchen auf New York schaute, um sich dort Trends abzugucken. Doch die Zeiten haben sich längst geändert. Die City am Hudson hat sich das in Berlin immer erfolgreicher agierende Gallery Weekend kopiert. Nach Berliner Vorbild öffneten im Mai in Manhattan über 50 Institutionen ihre Türen über ein langes Wochenende.
Wer will da von einer Krise in der Berliner Galerienszene sprechen? Werner Tammen, Verbandspräsident des Landesverbandes Berliner Galerien (LVBG) jedenfalls nicht. Im Gegenteil, 50 bis 60 Galerien seien hinzugekommen, wesentliche Schließungen hätte es nicht gegeben, wenngleich einige Umzüge in kleine Räume, was sicherlich finanzielle Gründe hatte, oft eben auch Neuorientierung und -Ausrichtung. Positiv sei gewesen, dass sich die Berliner Galeristen während der Krise auf den Standort Berlin konzentrierten. Man jettete nicht mehr zu jeder Messe rund um die Welt, sondern investierte erst einmal „vor der eigenen Haustür und suchte nach neuen Formen der Zusammenarbeit“.
470 Galerien will der LVBG heute in der Hauptstadt zählen, verstreut auf fast alle Kieze, vom Wedding bin nach Wilmersdorf – „der größte Standort in Europa“, schwärmt Tammen, dessen lichte Galerie vis-a-vis des Checkpoint Charlie zu finden ist. Allein in diesem stark touristisch frequentierten Areal in Kreuzberg haben sich mittlerweile an die 50 Galerien etabliert, in der Zimmerstraße fing es an, dann kamen Kochstraße, Charlottenstraße und später die Lindenstraße hinzu.
Berlin kooperiert mit New York
Nach der Wende, vor allem aber auch seit Anbruch des neuen Jahrtausends erlebte Berlin einen ungeahnten Aufstieg zu einer angesagten, internationalen Kunstadresse. Die Wurzeln für das neue Galerien-Glück lagen damals in der August- und Linienstraße, zu den begnadeten Trüffelschweinen der ersten Stunde gehörte „Judy“ Lybke, heute längst Galerie-Millionär mit Malerstars wie Neo Rauch.
Die große Bandbreite der Galerien ist heute sicher eins der Erfolgsrezepte für die Attraktivität. Die Mischung macht es: groß neben klein, minimalistisch designte Fabriketage wie flippiges Kellerloch, bekannte internationale Top-Galerien neben qualitätsvollen Produzentengalerien auf Zeit. „Hätten wir hier ausschließlich 30 oder 40 Top-Galerien wäre das sicher nicht so“, sagt Tammen. „Davon abgesehen bringen die Jungen mit ihren Gründungen frisches Blut in den Markt. Man gründet seine Galerie in Berlin – und eben nicht in Köln. Weil alle hier sind. Das Phänomen müssen wir pflegen.“ Das hat immer noch etwas von Aufbruchstimmung, das wirkt wiederum auf entsprechende Privatsammler zurück, die es immer stärker in die Berliner Öffentlichkeit zieht, wie zuletzt Thomas Olbricht mit „Me Collectors Room“ in der Auguststraße in Mitte bewies. Publikumswirksam verlegte er die Eröffnung seines Kunsthauses auf ein Gallery Weekend, er wusste: wer Rang und Namen hat in der glamourösen Kunstwelt tummelte sich an diesen Tagen in der Stadt. So war es dann auch wirklich.
Nicht vergessen darf man bei aller Euphorie um den Standort aber nicht, dass hier Mieten wie Lebensunterhaltungskosten im Gegensatz zu Metropolen wie Paris und London moderat sind. Von hellen, großen Atelierräumen (samt Kochnische), wie sie das neue Bethanien in der Kottbusser Straße anbieten kann, davon wird man andernorts nur träumen können.
10.000 Künstler, häufig nur auf Zeit, leben und arbeiten nach Verbandsschätzungen in Berlin. Olafur Eliasson gehört dazu, Jonathan Meese, John Bock, Monica Bonvicini, Thomas Demand, um nur einige zu nennen, die es auf dem Kunstmarkt geschafft haben. Viele internationale Museen schielen bereits auf den Produktionsort Berlin, wenn es um künstlerische Entdeckungen geht. Dass Häuser wie das Museum of Modern Art und das Metropolitan Museum, renommierte New Yorker Institutionen, im nächsten Jahr bereits zum dritten Mal mit den Staatlichen Museen kooperieren, belegt den Imagezuwachs. Der europäische Brückenschlag soll auch künftig Früchte schlagen.
Auch die großen internationalen Galerien kommen heute nicht mehr am Standort vorbei, schätzt Tammen die Lage ein. „Die gerieten durch ihre eigenen jungen Künstler immer mehr unter Druck, weil diese längst ihre Ateliers in der Stadt bezogen haben. Die Gefahr besteht also, dass sie sich einer hiesigen Galerie anschließen. Berlin ist ein Muss, zumindest für eine Dependance.“
In den letzten Jahren, so Tammen, hätte sich die Sammlerschaft extrem verändert, sowohl im Milieu als auch im Alter. Vor zwanzig Jahren galt das Sammeln als klassische bürgerliche Tugend. Heute besteht die Klientel aus den Jungen der Kreativwirtschaft, aus den Bereichen Mode, Design, Architektur. „Von den jungen Leuten wird Kommunikationsfähigkeit in kulturellen Bereichen verlangt. Hätte man beispielsweise die Ausstellung im MoMA nicht gesehen, wäre man auf der nächsten Party wie ein Aussätziger behandelt worden“, lacht Tammen. „Zudem kennt aus dem Bereich fast jeder einen jungen Künstler, das bindet zurück an die Galerien, jeder dockt bei jedem an.“
Konkurrenzverhalten ist schlecht
Trotz dieses Domino-Effektes sei es notwendig, dass sich die Galerien gemeinsam „zusammenraufen“, sich keine „galeristischen Einzelinteressen“ durchsetzen, wie unlängst durch das Konkurrenzverhalten von der ABC Messe und des Art Forums. Künstler sind Einzelwesen, Atmosphären ändern sich schnell wie sich Gunst verliert – und Städte wie Wien oder Istanbul haben längst das Zeug zu neuen Kunst-Metropolen, auch hier brodelt es gewaltig.
Doch mit Image allein verdient man nichts. Vergessen wir nicht, dass die Galerien in der Hauptstadt weiterhin ihr Geld nicht hier machen. Nach wie vor werden die Umsätze zu 70 Prozent im Ausland verbucht. „Aber es wird besser“, sagt Tammen. Beim letzten Gallery Weekend und Art Forum war es zu sehen – potente Käufer wie Sammler waren anwesend. Und wer Geld braucht, auch dafür gibt es Alternativen mit dem „Berlin Art Finance“, ein Kunstkaufmodell, das auf Initiative des Landesverbandes und der Berliner Bank zurück geht. Berlin war immer gut in der Improvisation – Not macht schließlich erfinderisch. Da kann sich Manhattan noch ne' Scheibe abschneiden.





