Studie

Die Profi-Orchester an den Schulen nerven

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Birgitta vom Lehn

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Gemeinhin gilt es als hilfreich und ehrenhaft, wenn klassische Musiker Basisarbeit in Schulen leisten. Doch die Ergebnisse sind miserabel, wie eine Studie der Bremer Jacobs University jetzt belegt. Noch schlimmer: Über ein Drittel der Schüler steht den Projekten sogar "ablehnend" gegenüber.

Musik kann nicht anders - sie muss gut sein. Für das Gehirn, für die Motivation und für die Bildung. Deshalb verlegte die Deutsche Kammerphilharmonie auch im April 2001 ihren Arbeitsplatz in eine Gesamtschule in Bremen. Die Gesamtschule liegt im Bremer Stadtteil Tenever, einem sozialen Brennpunkt mit 40 Prozent Einwandererkindern und 45 Prozent Transferleistungsempfängern.

Das Projekt war in Deutschland einmalig und versprach viel - entsprechend wurde die Idee gefeiert. Ein brillanter Einfall des sich selbst finanzierenden Orchesters, schließlich kommt soziales Engagement gut an.

Seit Pisa ist klar: 23 Prozent der 15-Jährigen, vor allem männliche, kommen nicht über das Grundschulniveau im Lesen, Schreiben und Rechnen hinaus und sind obendrein extrem schulmüde. Und schulmüde Jungen gibt es an der Bremer Gesamtschule. Deshalb schien klar, dass das Orchester ein Segen für die Schule sein würde.

Profimusiker marschierten mit Geigen und Celli über den Schulhof und probten in der Aula ihr Repertoire, während die Pennäler nebenan Vokabeln büffeln. Prominente erarbeiteten mit Schülern Musikstücke. Musik in die Schule - das galt vielen als Wunderrezept gegen den Bildungsnotstand.

Entsprechend feiern sich die 36 Musiker selbst als "Katalysator" und "Zukunftslabor" mit der "Chance zu nachhaltigen Wirkungen". Das Ensemble gewann Preise, darunter den Zukunftsaward 2007 in der Kategorie "Beste soziale Innovation" und den Deutschen Gründerpreis 2008.

Die Schüler seien "mit Feuereifer dabei, wenn es heißt, die Schule zum Klingen zu bringen", liest man in der Orchester-Broschüre. "Keine elitäre Musikerziehung, sondern die Orientierung am eigenen Leben bringt die automatische Freude an der Musik, am Komponieren und am Texten."

Eine Studie der privaten Bremer Jacobs University (JU) rückt das Projekt in ein etwas anderes Licht. Zwischentöne, die bislang niemand hören wollte, werden nun laut: Das Team um den Sozialwissenschaftler Klaus Boehnke befragte ein halbes Jahr nach dem Orchestereinzug in die Schule sämtliche Schüler und Lehrer, was sie davon hielten und welche Erwartungen sie an die künftige Zusammenarbeit knüpften. Ausgewertet wurden 772 Schüler- und 47 Lehrerfragebögen.

Ernüchterndes Ergebnis

Das Ergebnis ist ernüchternd: Nur etwas mehr als 13 Prozent der befragten Schüler finden "großen oder sehr großen Gefallen" an klassischer Musik, während 87 Prozent "der Klassik gar nichts oder nur wenig abgewinnen können". Damit ist das Kerngeschäft der Philharmoniker, die klassische Musik, nur für eine Minderheit der Kinder und Jugendlichen an der Schule interessant.

Immerhin 65 Prozent der Schüler begrüßten dennoch den Orchestereinzug, 28 Prozent standen ihm kritisch gegenüber, und gut sieben Prozent lehnten ihn völlig ab. Was die Musiker am meisten enttäuschen dürfte: Zu den Musikprojekten mit der Kammerphilharmonie äußerten sich 38 Prozent der Schüler "ablehnend", weitere 36 Prozent "zumindest skeptisch" und lediglich ein Viertel der Kinder und Jugendlichen gab an, "gern" oder "sehr gern" mitzumachen.

Dass ihr Stadtteil durch das Orchester aufgewertet würde, glaubten die Schüler nicht. Aber dennoch wünschten sich 70 Prozent noch mehr gemeinsame Musikprojekte und Musikunterricht durch die Philharmoniker. Vor allem Mädchen und jüngere Schüler wollten mehr Musikunterricht und solche, die schon mit den Musikern zusammengearbeitet hatten.

Allerdings führt ein Zuviel oft auch zur Übersättigung. So berichtet eine Schülerin: "Ich weiß, dass viele in meiner Klasse überhaupt keine Lust mehr darauf haben, Musik zu machen. Die, die am meisten Musik machen, haben am wenigsten Lust dazu, weil es immer dasselbe ist ... Wir haben zum Beispiel überhaupt keinen Kunstunterricht, wir haben nur Musik. Das geht ziemlich vielen auf die Nerven."

"Sorgenkinder" werden nicht erreicht

Auch mögen offenbar diejenigen am liebsten die Musikprojekte, die sich eh wohl an der Schule fühlen. Allen voran die Schüler der Musikprofilklassen. Dieses "zunächst einmal unbefriedigende Ergebnis", dass nämlich ausgerechnet die "Sorgenkinder" und "schulfernen" Kinder und Jugendlichen nicht erreicht werden, könnte sich im Laufe der Zeit aber noch ändern, hoffen die Forscher. Erfreulich sei, dass die materielle Situation der Eltern oder der ethnische Hintergrund keine Rolle bei den Einstellungen der Schüler zum Orchester spielen.

Die Lehrer unterstützten zu 93 Prozent das Orchesterprojekt. 56 Prozent wünschen sich eine stärkere Einbindung aller Schüler in die Projekte, aber auch eine stärkere Einbeziehung des Kollegiums in Entscheidungsprozesse.

"Die Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Weiterführung der Zusammenarbeit scheinen somit erfüllt zu sein", schreiben die Forscher. Orchester-Pressesprecher Enno Samp findet das Ergebnis "nicht wahnsinnig verwunderlich". Schließlich handle es sich lediglich um eine erste "Bestandsaufnahme", und da sei es doch klar, dass "noch nicht alles perfekt" sei.

Zwischen Uni und Orchester sei der Kontakt in der letzten Zeit "etwas eingeschlafen", sagt Studienautorin Nicola Bücker. Dabei wäre es schade, wenn man auf die geplante Folgeuntersuchung verzichten würde. Denn nur so könnte man überprüfen, ob das "Zukunftslabor" wirklich alle oder doch nur ausgewählte Schülergruppen erreicht.

Es gibt lediglich Untersuchungen über die langfristigen Folgen von erweitertem Musikunterricht für Schüler verschiedener Altersstufen. Die positiven Effekte, die unter anderem der Frankfurter Musikpädagoge Hans Günther Bastian beschrieben hat, fielen "jedoch häufig relativ gering" aus, schreiben die Bremer Wissenschaftler.

Bildungsakteure können an der Bremer Studie jedenfalls ablesen, dass nicht alles, was gut klingt, auch automatisch gut wirkt. So wünschenswert es ist, wenn möglichst viele Kinder und Jugendliche singen und musizieren lernen - Musik gegen Kunst, Technik oder andere Fächer auszuspielen und damit ganze Interessengruppen, vor allem ältere Schüler und Jungen, zu vergraulen, ist offenbar keine gute Lösung für eine weiterführende allgemeinbildende Schule.