Das neue, 160 Millionen Dollar teure Werk des "Dark Knight"-Regisseurs Christopher Nolan ist keine Comic-Verfilmung, beruht auf keinem Bestseller und trägt keine Fortsetzungsziffer. Der Film ist vorbildlos und einzigartig. Einige Zuschauer bezeichnen "Inception" als verwirrend. Das stimmt nicht. Nur wer zwischendurch Popcorn holt oder SMS in den Äther schickt, verliert den Durchblick. Was stimmt, ist dies: Nolan zerrt uns auf lauter unbekannte Wege. In seiner nahen Zukunft ist es möglich, in Träume einzudringen. Zwei Menschen werden mit einer Maschine verbunden, die einem den Zugang zum Traum des anderen öffnet, zu dessen Unterbewusstsein. Dominic Cobb - Leonardo DiCaprio - ist solch ein Eindringling, ein professioneller. Er hat sich darauf spezialisiert, die geheimsten Ideen zu stehlen, als eine Art Rififi-Sigmund Freud. Alle Frauen, in deren Träumen Leo herumgeistert, sollten ihre wertvollsten Gedanken gut verstecken.
Hie Realität, da Traum - so weit, so übersichtlich. Doch Nolan stellt eine lange Reihe von Spielregeln auf, und er wendet sie im Laufe der zweieinhalb Stunden alle an. Schmerz kann von den Traumtouristen empfunden werden, wohingegen eine tödliche Verletzung zum Rückfall in die Realität führt. Es ist auch möglich, im Traum zu träumen und eine dritte Ebene zu eröffnen. Oder eine vierte. Ein Traum im Traum im Traum im Traum. Vor solcher Komplexität schrecken die meisten Regisseure zurück, erst recht ihre Financiers. Eine Viertelmilliarde Dollar (inklusive Werbung) hat Warner Bros. in diese Filmmatroschka gesteckt, auf das Versprechen des Christopher Nolan hin, er werde dem Publikum einen Ariadnefaden fürs Zurechtfinden in dem Levellabyrinth in die Hand drücken.
So gibt es eine Figur namens Ariadne (Ellen Page), die im richtigen Moment jene Fragen stellt, die den Zuschauer piesacken.
Für Freud speisten sich Träume aus der Ursuppe des Unterbewussten und dem Fast Food des Alltags; ein Jahrhundert später, kann das Kino in Anspruch nehmen, mit seiner permanenten Bilderproduktion Träume mitzunähren, Tag- wie Nachtträume.
Nolans Träume sind klar, logisch, fließend. Das erste Traumlevel, auf das Leonardo DiCaprio vordringt, sieht aus wie ein verregnetes "Blade Runner"-Los Angeles, das zweite wie die Raumstation von "2001" und das dritte wie ein alpiner Bond-Set. Und überall tummeln sich Figuren mit realen Pistolen und MGs. Nolans Traumvisionen sind in hohem Maße erdgebunden, weil sein Film eben nicht von Träumen träumt, sondern von Genres: vom Gangster-, vom Großer Coup- und vom Action-Film.
Die "Inception"-Traumorte sind nur Hilfskonstrukte, um in der Realität klare Ziele zu erreichen: Dominic Cobb will wieder Zugang zu seinen Kindern, und sein Auftraggeber möchte einen Geschäftsrivalen ausschalten. Der metaphysische Überbau stürzt desto schneller ein, je heftiger Cobb's Eleven umherballert. In der zweiten Filmhälfte wird beinahe immer geballert.
Unter den Assoziationen , die "Inception" hervorruft, führen die eines Computerspiels am weitesten. Die Helden müssen sich ihren Weg durch fünf Levels freischießen, bevor sie den Gedanken pflanzen können. Nolan kümmert nicht, welche Idee da sprießen soll, er folgt dem Gesetz der Spiele, dass es auf den Weg, die Hindernisse und die Zahl der Explosionen ankommt. Während sich Warner Bros. über diese gamekompatible Steilvorlage freut, vergrößert Nolan wieder den Abstand zwischen Spiel und Kino: Rasanz und Komplexität auf "Inception"-Level liegen jenseits der Reichweite der Konsole.
Nolans handwerkliche Leistung ist enorm. In den meisten Blockbustern hat man das Gefühl, dass Charaktere und Handlung hinter den Spezialeffekten nur dritte Geigen spielen. Nolans Fabel ist derart originär, dass sie die Effekte mühelos in Zaum hält - das will etwas heißen bei deren Güte. Die größte Bewunderung nötigt jedoch ab, wie Christopher Nolan seine Geschichte erzählt.
Man durchlebt "Inception" in dem Gefühl, die Lage nicht wirklich zu überblicken - aber genug zu wissen, um die gerade ablaufende Szene zu verstehen. Nach zwei Stunden kann Nolan triumphierend vier Traumebenen mit vier Tempi rasend schnell ineinander schneiden - und wir folgen ihm willig.
Action: USA 2010, 148 Min., von Christopher Nolan, mit Leonardo DiCaprio, Joseph Gordon Levitt, Ellen Page





