"Inglourious Basterds"

Sehen Sie Tarantino unbedingt im Original

Quentin Tarantinos neues Meisterwerk "Inglourious Basterds" ist alles andere als ein Trashfilm. Seine zweieinhalbstündige Arbeit ist reich an guten Momenten - allerdings vor allem dann, wenn man den Film in seiner Originalfassung sieht. Am Donnerstag kommt er endlich ins Kino.

Dies ist keine Filmkritik. Dies ist das Bekenntnis einer Bekehrung. Denn eigentlich hatten wir mit Quentin Tarantino ja schon abgeschlossen. Zu sehr hat er sich in seinen letzten Filmen in blinde Zitierei von Trashfilmen, Stilisierungen früherer Kinoästhetiken und blutspritzende Gewaltorgien erschöpft.

Und die ersten Trailer von "Inglourious Basterds" schienen schlimmste Befürchtungen zu bestätigen, es ginge hier nur um eine Handvoll amerikanischer Soldaten, die hinter der Kampflinie in Indianer-Manier auf Nazi-Hatz gehen: auflauern, massakrieren und skalpieren.

Der Film beginnt denn auch mit Ennio-Morricone-Musik und der Zeile "Es war einmal im Nazi-besetzten Frankreich": klarer Verweis auf den Italo-Western "Once upon a time in the West", der bei uns, auch passend in diesem Zusammenhang, "Spiel mir das Lied vom Tod" hieß. Doch nein: Statt eines weiteren schrägen Genre-Trash-Hybriden sieht man hier ein überraschend geschlossenes Kunststück, das seine Spannung einmal nicht tarantinoesk aus wilden Schnittfolgen und poppigem Musikteppich bezieht.

Mit Adolf Hitler ins Kino

"Inglourious Basterds", der am Donnerstag endlich in unsere Kinos kommt, ist in fünf Akte eingeteilt wie ein klassisches Drama, mit Peripetie, Retardation und Katastrophe am Ende. Und die Bastarde um Brad Pitt machen darin nur einen Teil aus. Weit mehr Raum nimmt der wohlsituierte, aber umso grausamere SS-Oberst Hans Landa ein - für den Christoph Waltz wohlverdient in Cannes ausgezeichnet wurde und auch für den Oscar nominiert gehört. Und da ist dann noch die Jüdin Shosanna (Mélanie Laurent), deren Familie von Landa umgebracht wird und die sich nun, ähnlich wie die Basterds, rächen will. An Lauda und an allen Nazis. Und weil sie ein Kino in Paris betreibt und ein verliebter Wehrmachtsheld (Daniel Brühl) darauf besteht, dass die Premiere eines deutschen Propagandafilms in ihrem Kino stattfinden muss, soll eben diese Premiere zum Fanal werden. Kommen doch Goebbels, Himmler, ja selbst Adolf Hitler.

Nur hier, im Kino, konnte der bekennende Filmfreak Tarantino wohl auf Hitler treffen, der, wie leidlich bekannt ist, derselben Leidenschaft frönte. "Operation Kino" heißt denn auch das Code-Wort für den Attentatsplan, bei dem am Ende, im fünften Akt, alle Fäden konsequent zusammengeführt werden.

Tarantino hat fast ein Jahrzehnt an diesem Film gearbeitet, und doch wirkt diese "Operation Kino" jetzt, so kurz nach "Operation: Walküre" - der ebenfalls in Berlin und Babelsberg gedreht wurde, ebenfalls mit einer Unzahl deutscher Darsteller - wie eine Parodie darauf. Eine Anti-Walküre, die sich freilich, im Gegensatz zu dem Stauffenberg-Film mit Herrn Cruise, einen Dreck schert um Historie - und sie am Ende sogar, aber mehr soll hier nicht verraten werden, beherzt umschreibt.

Eine Rache-, eine Erlösungsfantasie. Ein Befreiungsschlag, bei dem die Nazis wörtlich und popkulturell ausgeschlachtet werden. Komisch, dass da nicht schon früher einer drauf kam! Seltsam auch im Nachhinein, dass Mel Brooks sich vor drei Jahren noch nicht traute, die Verfilmung seiner Nazi-Persiflage "The Producers" auf der Berlinale zu zeigen - wirkt die doch im Vergleich geradezu handzahm.

"Inglourious Basterds" ist ein Rächerfilm. Und einer der ersten, wenn nicht der erste überhaupt, der diesen in anderen Genres wie Western und Thriller leidlich bekannte Topos auf den Kriegsfilm überträgt. Umso überraschender aber, dass Tarantinos größtes Stilmittel dabei eben nicht die exemplarische Darstellung von Gewalt ist (auch wenn das Skalpieren und das Einritzen von Hakenkreuzen auf Soldatenstirne durchaus drastisch ins Bild gerückt wird), sondern der - gleichfalls messerscharfe - Dialog.

Dieser Aspekt mag in der Rezeption früherer Tarantino-Werke ein wenig untergegangen, mag in der lauten Baller- und Bummer-Ästhetik überhört worden sein. Aber im Grunde wird Tarantino, der Regisseur, stets etwas überschätzt und Tarantino, der Drehbuchautor, sträflich missachtet. Denn die Dialoge waren auch in seinen früheren Filmen, man denke nur an "Pulp Fiction" oder "Jackie Brown", immer ein starker Reiz. In den "Basterds" bringt Tarantino diese Kunst der Konversation nun zur Vollendung. Er müsste damit eigentlich als Dramatiker entdeckt werden, den man spielend auch auf die Bühne bringen könnte. Denn die spannendsten, abgründigsten Szenen sind hier eigentlich immer jene, an denen zwei Menschen am Tisch sitzen und reden: etwa die grandiose, ganze 20 Minuten dauernde Verhörszene gleich zu Beginn.

Zu geschwätzig? Von den zweieinhalb Stunden Material sollte Tarantino, wie man hörte, nach Cannes gut 40 Minuten wegschneiden. Stattdessen hat er noch vier Minuten hinzugefügt. Gut so. Denn sein jüngstes Werk ist nicht nur ein Konversationsstück, das die Rede, das Sprechen zelebriert, es ist zugleich auch ein Exkurs über Sprache und Sprachen an sich. In anderen Kriegsfilmen aus Hollywood schlüpfte ein Richard Burton mal eben in eine Wehrmachtsuniform, schon konnte er sich unerkannt unter die Feinde mischen. Hier wird einmal gezeigt, wie selbst Alliierte, die des Deutschen durchaus mächtig sind, an ihrer nicht ganz perfekten Aussprache scheitern können. Und der Film, der gleich in vier Sprachen parliert, in Englisch und Deutsch, Französisch und Italienisch, kostet jede Minute davon in meisterlich verfasssten und genüsslich gespielten Dialogen aus.

Synchronisation ist ein Verbrechen

Welch ein Verbrechen aber, wenn ein deutscher Verleih mal wieder meint, dies seinem Publikum nicht zumuten zu können, und das Ganze synchronisiert. Als könne man keine Untertitel lesen. Es kann nicht oft genug gesagt werden, aber diesmal muss man es geradezu einfordern: Geht nicht in die deutsche Fassung! Man muss die "Basterds" dringend im Original sehen. Sonst bringt man sich um die besten Momente dieses an guten Momenten nicht eben armen Meisterwerks.

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