Von Beginn an hat Birgit Minichmayrs Schauspielkunst größte Erwartungen geweckt und sie auch erfüllt. Unisono bescheinigte ihr eben die internationale Berlinale-Kritik für ihre PR-Mitarbeiterin Gitti in Maren Ades Film "Alle anderen" Atem raubende Präsenz. Für ihr facettenreiches Spiel wurde die 32-jährige Schauspielerin mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet - vorläufige Höhepunkt einer an Preisen reichen Karriere.
Auch am Wiener Burgtheater ist Minichmayr ein prominentes Ensemblemitglied, das dem Haus die gewünschte Internationalität verleiht. Minichmayr mixt gekonnt die Genres, wechselt zwischen Theater und Film souverän hin und her. Ein anderer Auftritt zeigte sie als traumverlorene Sängerin: Bei der Echo-Verleihung tauchte sie mit ihrer rauen Stimme in den Song "Auflösen" ein, den sie mit Campino als erste Duett der "Toten Hosen" auch für das aktuelle Album aufgenommen hatte.
Birgit Minichmayr wurde 1977 in einem Vorort von Linz geboren. Früh fing sie an, Klavier zu spielen und zu singen, war in der Schulzeit bei jeder theatralischen Aktivität dabei und mit ihrer Mutter eine regelmäßige Landestheatergängerin. Die Liebe zur Literatur entdeckt sie mit 15 Jahren, als in der Schule Goethes "Faust" durchgenommen wird und sie die legendäre Aufzeichnung mit Käthe Gold als Gretchen hört. Am Mozarteum in Salzburg wird sie nicht aufgenommen, besteht aber die Aufnahmeprüfung am Reinhardt-Seminar, wo sie mit Klaus Maria Brandauer einen Lehrer findet, der ihre Qualitäten fördert.
Nach drei Jahren am von Klaus Bachler geleiteten Burgtheater bescheinigt ihr Brandauer: "Birgit Minichmayr ist eine exzellente Schauspielerin geworden. Das ist fein und freut den alten Lehrer. Aber sie ist mehr als das. Manchmal ist sie elf Jahre alt und manchmal so alt wie die Welt. Beruflich und privat, was bei ihr untrennbar ist, ist sie ein prachtvoller ,Kerl'. Ihre Fantasie ist überreich und sie besitzt eine schier nie versiegende geistige und körperliche Kraft. Sie ist eine charismatische Künstlerpersönlichkeit; man geht jetzt bereits wegen ihr ins Theater und in nicht all zu ferner Zukunft werden Scharen zu ihren Aufführungen pilgern."
In Windeseile erobert Minichmayr die Burg - als junges Mädchen wie als Tragödinnenmegäre. Die tiefste Prägung erhält sie mit dem Regisseur Klaus Michael Grüber. Sie spielt 2003 in seiner "Ödipus in Kolonos"-Inszenierung die treue Tochter Antigone, die den blinden Vater Ödipus auf seiner langen, ausgesetzten Wanderschaft begleitet: "Ich kam zur Bauprobe und habe zunächst nur diese lange schöne Hand gesehen, diese langen Finger. Er hat vor dem Bühnenbild geredet, ich habe nur die Hand gesehen und war gleich verliebt. Allein schon durch seine Erscheinung löste Grüber eine totale Faszination aus. Bei den Proben habe ich ihn stundenlang angeguckt und versucht, ihm nachzuspielen. Grüber besaß eine magische Aura. Er hat nicht viel geredet. Er ist einfach neben einem gesessen und hat intensiv zugesehen. Wie er über Energie in Anselm Kiefers Bühnenbild arbeitete, war fantastisch." Grüber bleibt für sie der "große Mystiker" unter den Theatermenschen.
Die junge Schauspielerin ruht sich an der Burg nicht auf frühem Ruhm aus, sucht die Veränderung, geht zu Frank Castorf nach Berlin: "Die Volksbühne war genau das Pendant, das ich brauchte. Ich wusste intuitiv, an diesem Haus bewirbt man sich nicht. Das Ensemble hat mich unglaublich toll aufgenommen. Ich fühlte mich gleich zu Hause." Doch es bleibt ihr nicht verborgen, in welche Krise die Volksbühne geraten war und wie schwer es für Castorf wurde, mit seinem "religious turn" ein neues Interesse bei Publikum und Presse zu entfachen. Sie empfindet es als ungerecht, dass Castorf eine so massive Ablehnung erfährt und setzt ihre ganze Energie in Castorfs "Gier nach Gold" und seiner "Schneekönigin" und auch in Gotscheffs "Iwanow" ein, um dem Haus neuen Glanz zu verleihen.
Ihr Engagement an der Volksbühne sieht Minichmayr im Rückblick als eine "absolut erfüllende Zeit, die komischerweise auch ein Ablaufdatum hatte. "Die Art, wie sich Castorf und auch René Pollesch mit Theater auseinandersetzen, war für mich einzigartig. Den Zugang zum Theater, den Castorf hat, hatte ich vorher noch nie erlebt, er hat mir absolut gefallen." Kein anderer Regisseur habe ihr so viel über Timing und Komik beigebracht wie Castorf, erzählt Minichmayr, denn davor hatte sie immer große Angst. Sie fragte sich oft selbstquälerisch, wo ihre eigene Komik sei. In Luc Bondys "König Lear" konnte sie 2007 die neu erworbene Komik ausspielen. Ihre Rückkehr ans Burgtheater wurde als Triumph gefeiert.
Die Intensität, für die Minichmayr in Maren Ades "Alle anderen" gepriesen wurde, hat im Theater eine Entsprechung in der jungen namenlosen Frau zwischen zwei Männern in Karl Schönherrs "Weibsteufel" gefunden. Martin Kusejs Inszenierung im Akademietheater ist verdient zum Theatertreffen eingeladen. So muss das Berliner Publikum nicht allzu lange auf die nächste herausragende Rollengestaltung der famosen Birgit Minichmayr warten. Im "Weibsteufel" spielt sie eine verschlossene, junge Frau, die gegen die engen Grenzen ihrer Ehe und die trostlos vergehende Lebenszeit revoltiert. Ihr Tanz am Ende der Inszenierung ist ein Tanz in ein anderes Leben, ein Abschied für immer. Diese junge Frau wird weggehen, ihr früheres Leben zurücklassen - so wie eine Schlange, die sich häutet.
In der Arbeit an Karl Schönherrs 1914 entstandenem Drama löste für Minichmayr die abgehackte Sprache eine große Einsamkeit aus. Die wuchtigen Baumstämme von Martin Zehetgruber betonen die Archaik des Geschehens und verstärken die Ungleichheit in der Beziehung: "Und gleichzeitig evozieren die Baumstämme Assoziationen von einem getriebenen Dasein, das jederzeit vom Absturz bedroht ist. Die Figuren begegnen sich nie auf Augenhöhe. Wir haben lange danach gesucht, was dieser Weibsteufeltanz sein könnte. Bei Schönherr kommt die Musik von außen. Wir haben den Tanz durch den Monolog eingeleitet: In ihren Körper kommt eine andere Freiheit hinein. Es ist, als würde sie in ein anderes Reich kippen. Die Männer gehen in die Unbeweglichkeit, während ich die Schlussszene durchtanze."
Birgit Minichmayrs Spiel zeichnet sich durch eine hohe emotionale Verdichtung aus. Sie dringt mit instinktiver Sicherheit zum Kern der Figuren vor, ihr Flow öffnet sich in einer Batailleschen Schamlosigkeit. Wo andere Schauspielerinnen Halt machen, setzt sie zum Schritt über die Grenze an. Dieses Durchbrechen von Grenzen und Strukturen geschieht nicht in intentionaler Direktheit, sondern ist gleichsam das Resultat einer Persönlichkeit, die nicht Halt macht, wenn sich ihr eine Schwierigkeit in den Weg stellt.
"Weibsteufel" am 14. und 15. Mai im Haus der Berliner Festspiele; Karten: (030) 25 48 91 00
Internet: www.berlinerfestspiele.de

