Morgenpost Online: Frau Thalbach, Theater, Film, Opernregie – wohin gehört nun Ihr Herz?

Katharina Thalbach: Mein Herz gehört in meinen Brustkorb, und da soll es auch noch eine Weile bleiben. Ansonsten bin ich mir gar nicht so sicher, es ist jedenfalls schön, regelmäßig etwas Abwechslung zu haben. Und ich hoffe nicht, dass ich mich für irgendetwas entscheiden muss. Ansonsten würde ich sicherlich zuerst Theater spielen. Das hängt damit zusammen, weil man im Theater am direktesten den Austausch mit dem Publikum hat. Da bin ich immer wieder aufgeregt wie in der Schule.

Morgenpost Online: Wie entscheiden Sie sich für dieses oder jenes Projekt?

Katharina Thalbach: Rein aus dem Bauch heraus. Wobei ich natürlich auch kucken muss, wie das zeitlich zusammen passt. Die Oper fordert ja immer eine eher langfristige Planung. Und dann kommen andere Angebote dazwischen. Aber die Oper bleibt für mich ein Herzensgewinn. Die Oper ist ja auch das letzte, was für mich dazu gekommen ist. Moment, das stimmt ja gar nicht. Das Neueste ist „Zwei auf einer Bank“ in der Bar jeder Vernunft, wo ich selber singen muss. Das mache ich jetzt auch im August wieder. Gut, wenn Sie das erwähnen.

Morgenpost Online: Oper ist eine bürgerliche Kunst, das Theater will auch proletarischer sein. Jede Gattung hat ihren sozialen Auftrag. Für wen in der Gesellschaft schlägt Ihr Herz?

Katharina Thalbach: Sicherlich nicht für eine Elite. Es ist schon geschrieben worden, ich sei eine Volksschauspielerin. Das nehme ich als Kompliment. Im Übrigen sehe ich ja gar nicht genau, wer da immer im Zuschauerraum drinne sitzt. Am Besten ist es, wenn man das Gefühl hat, man erwischt die Oma und das Enkelkind, den Taxifahrer und den Bankier. Und am Schönsten ist es, wenn alle ein ähnliches Gefühl zu einer künstlerischen Produktion entwickeln können. Dann ist die Kunst richtig.

Morgenpost Online: Genau genommen gelten Sie als ein Berliner Original.

Katharina Thalbach: Warum auch nicht? Wenn ich mit meiner Stadt identifiziert werde, ist es mir doch angenehm. Ich bin in Berlin geboren, in beiden Teilen zuhause, kenne das Leben mit und nach der Mauer. Gut, mein Vater kommt aus der französischen Schweiz, insofern fließt in mir auch anderes Blut.

Morgenpost Online: Wie ist das mit dem Dialekt? Im Osten wird mehr berlinert, aber eigentlich steht der Dialekt eher im Verruf.

Katharina Thalbach: Darüber habe ich nie nachgedacht. Aber ich erinnere mich: Als ich in den Westen kam, da haben mich die Leute vom Fernsehen gefragt, ob ich überhaupt Hochdeutsch könne? Ich habe geantwortet: Nee, wir haben im Osten Shakespeare immer so gesprochen. In Bayern denkt kein Mensch über seinen Dialekt nach. Das Berlinerische wird leider immer ein bisschen gleichgesetzt mit proletarisch sein. Was total dämlich ist. Ich kenne viele Intellektuelle, die sogar noch viel mehr berlinern als ich.

Morgenpost Online: Was halten Sie für die größte künstlerische Blütezeit Berlins?

Katharina Thalbach: Die Zwanziger Jahre, natürlich. Wenn man darüber nachdenkt, was in der Zeit alles in Musik und Malerei entstanden ist. Und es gab noch viele Juden in Berlin, die einen großen Teil der Kultur geprägt haben. Große Geister haben sich ausgetauscht. In der Zeit hat sich alles noch – ob Kultur, Dichtung, Sport, Journalismus – wunderbar gemischt. Bei Brecht kommen ja auch andauernd Vergleiche zum Sport vor. Damals war Berlin die Weltstadt. Da hätte ich schon ganz gerne gelebt.

Morgenpost Online: Leben wir nicht in schillernden Zeiten?

Katharina Thalbach: Die Nachwelt wird sagen, was an unserer Zeit schillernd war und was nicht. Wir stecken einfach nur drin.

Morgenpost Online: Das Schiller-Theater wird im Oktober wieder eröffnet.

Katharina Thalbach: Find ich großartig. Als die ein TV-Porträt über mich gedreht haben, sind sie mit mir auch ins Schiller-Theater gegangen. Ich habe eine Baustelle gesehen und mein Herz ist vor Freude gehüpft, weil es endlich wieder ein funktionierendes Theater wird. Als das Maxim Gorki Theater umgebaut wurde, haben wir ja dort zwei Produktionen gespielt. Und es war so ausgeräumt von den Truppen, die vor uns dort waren. Die haben ja alles mitgehen lassen. Es war wie ein Schiff, das im Trockendock vor sich hinrostet.

Morgenpost Online: Das Berliner Ensemble, wo bereits Ihr Vater, der Regisseur Benno Besson, an der Seite Brechts wirkte, ist ebenfalls ein Teil Ihrer Tradition.

Katharina Thalbach: Nee, das war meine Schule.

Morgenpost Online: Wie finden Sie die frühere Brecht-Bühne unter Leitung von Claus Peymann?

Katharina Thalbach: Es ist jetzt was ganz anderes. Aber ich finde, Claus Peymann ist ein ganz cleverer Theaterleiter. Ich fange dort im September mit den Proben zu Brechts „Im Dickicht der Städte“ an. Ich rede mit Peymann seit Jahren, aber wir hatten immer keine geeigneten Projekte gefunden oder ich hatte keine Zeit.

Morgenpost Online: Wo wird denn Brechts Werk derzeit am besten gespielt, gepflegt, bewahrt?

Katharina Thalbach: Keine Ahnung. Das sollen die Kulturkritiker beurteilen.

Morgenpost Online: Sie sind auch Mitbegründerin der Filmakademie, die um die Deutschen Filmpreise herum ein ziemlicher Glamourbetrieb der Schönen und Erfolgreichen geworden ist.

Katharina Thalbach: Dass ich nicht gerade die Person bin, die unbedingt im Abendkleid über den roten Teppich gleitet, ändert nichts daran, dass das mit dem Glamour ok ist.

Morgenpost Online: Aus Liebe hatten Sie 1976 gemeinsam mit Ihrem Lebensgefährten, dem Schriftsteller Thomas Brasch, die DDR verlassen. Eine Frage nach Ost-West-Befindlichkeiten…

Katharina Thalbach: Ach nee, nächste Frage.

Morgenpost Online: Sie haben einmal gesagt, den Leuten andere Wege aufzeigen zu wollen als den Strick. Welches Lebensmotto gilt derzeit?

Katharina Thalbach: Im Augenblick denke ich viel übers Universum nach. Das beschäftigt mich total. Ich bin gerade staunend durch die Philosophie in Jostein Gaarders „Sophies Welt“ gehuscht – und die Tatsache, dass unser kleiner Planet irgendwann wieder verschwindet, lässt mich etwas demütig werden. Aber man soll sich sowieso nie zu wichtig nehmen.