Rot ist das Blut, rot ist die Liebe. Ganz in Rot präsentiert sich symbolhaft die Ausstellung des künstlerischen Pop-Duos Pierre et Gilles an den Wänden des Postfuhramtes der Galerie C/O. Dabei kommt sie in ihrer Hängung erstaunlich klar daher, geradezu museal, wobei das wichtig ist. Denn der Kitschfaktor des glitzerprallen Werkes der beiden Franzosen liegt bei gefühlten 99 Prozent. Wer die Alten Meister liebt, der ist bei Pierre et Gilles an der falschen Adresse. In diesem Werk treffen furios Werbe-Trash, schwule Körperästhetik und die Niedlichkeit eines katholischen Andachtsbildchens zusammen. Allerdings treibt hier Madonna ein böses Spielchen. Das Personal dieses Pink & Pop-Universum kann sich sehen lassen: ein schräg-schrilles Stelldichein von Heiligen, Huren und schönen wie körperbewussten Jungs.

Glyzerintränen sind eines der Markenzeichen von Pierre et Gilles. Das sagt viel über die Künstlichkeit der Werke aus, mehr noch über die Gefühle, die nur Pathosformel sind, auch wenn hier weiße Plüschhasen hoppeln und pastellfarbene Plastikblümchen blühen. Allerdings wirkt die makellose Nacktheit der Foto-Ikonen in etwa so steril wie die einer Ken- oder Barbiepuppe.

Was uns die zwei Franzosen da präsentieren, ist nicht immer jugendfrei. Der Männerstolz zeigt sich hier und da in beachtlicher Größe - mancher Besucher verharrt minutenlang davor. Vor Bewunderung oder Unglauben? Doch für viele wirken diese Motive im Laufe des Rundgangs durch zwei Etagen nur inflationär und - pardon - ermüdend. Lust und Eros ohne Geheimnis als blanke Oberflächenspieglung kommen allzu fad daher.

Seit 1977 arbeiten sie zusammen

Über dreißig Jahre sind Piere et Gilles nun schon ein Tandem, im Leben und in der Liebe. Die Arbeitsaufteilung der zwei erfolgreichen Porträtisten ist festgelegt: Pierre, Jahrgang 1950, fotografiert. Anschließend retuschiert und übermalt Gilles, Jahrgang 1953, die Fotografien. Der Kniff besteht darin, dass das Foto, Medium der unendlichen Reproduzierbarkeit, im Akt des Übermalens den Charakter des hochwertigen Unikats bekommt. Dabei gleicht die Fertigstellung eines Bildes einer rauschhaften Inszenierung. Vorab entstehen kleine Zeichnungen, dann wird die Dekoration gebastelt und an der Beleuchtung getüftelt. Die beiden verfügen über einen riesigen Fundus an Schminke, Kostümen und Accessoires.

Wer die beiden je in ihrem mit barockem und glitzerndem Kram ausstaffierten Haus in Pré-Saint-Gervias nahe Paris besucht hat, der weiß: Hier verwirklicht sich das von vielen Künstlergenerationen über Jahrhunderte immer wieder proklamierte Ideal von der Einheit von Kunst und Leben. Zu diesem hedonistischen Lebensstil von Pierre et Gilles gehört es auch, die mitunter nicht leichte, zuweilen profane irdische Existenz durch ihre hyperreale und Kunst-und Märchenwelt ins "Schöne" einzutauchen. Eskapismus ist sicher ein Deutungsmodus des Werkes, das mittlerweile in einigen europäischen Museen vertreten ist und geliebt wird von Supersammlern wie Francois Pinault (den sie auch verkitscht haben). Der zweifache Museumsbesitzer in Venedig sammelt leidenschaftlich gerne ganze Serien und kunstmarktkompatible Arbeiten. Und in dieses Muster passen die beiden Künstler perfekt.

Die Bilder sind dunkler geworden

Ihre Ikonen sind längst unsere und ins allgemeine Bildgedächtnis eingegangen: Yves Saint Laurent, Iggy Pop und die schrille Nina Hagen im ledernen Sado-Maso-Outfit; Catherine Deneuve als reine "weiße Königin" wirkt in ihrem edlen Kostüm vergleichsweise "normal". Dass die beiden Künstler von der quietschbunten Konsum- und Warenwelt des Pop beeinflusst sind, ist nicht zu übersehen.

Doch das ist nicht alles: Die beiden plündern auch ganz ungeniert die Kunstgeschichte mit ihren (religiösen) Traditionen. Höllensturz wie Heiligendarstellungen gehören zum festen Motivbestand. Manche Tableaus in ihren barocken Glitzerrahmen verwandeln sich gar in Altaraufsätze. Ihrer Technik sind die zwei treu geblieben, doch die Bilder haben sich die letzten Jahre deutlich verändert. Sie sind größer geworden, die Farben dunkler und die Motive atmen Endzeit- oder Kriegsstimmung. Ein Soldat steht im gnadenlosen Granatenfeuer ("Boom", 2008) und ein Clown ("Un autre matin", 2008) mit blutverschmierter Nase liegt in einer Müllhalde aus Wegwerfprodukten, eine stählerne Industriearchitektur bildet die düstere Kulisse. Doch das Blut bleibt reiner Kunstsaft.