Was für ein Spektakel! Welch ein Aufwand! Hier ist die Kunst vor allem künstlich. Selbst der rote Samtvorhang ist digital. Er öffnet sich auf einer 360-Grad-Videowand zur Ouvertüre der Show-Extravaganz „The Circus: Starring Britney Spears“, mit der die amerikanische Pop-Prinzessin am Sonntag als einzige Deutschlandstation ihrer Welttournee in der O 2 World Station machte.
Der Ansager auf der Bildwand, es ist Amerikas meistgehasster Internet-Blogger Perez Hilton im Queen Elizabeth I.-Kostüm, preist „the return of the fine Lady Spears“, hofiert sie minutenlang in der Manier eines Tingeltangel-Conférenciers als „Queen of the Circus“, als „mistress of ceremonies“, als „the ringleader in charge“.
Und da ist sie. Tadaa! Sie schwebt aus luftiger Höhe mitten in die Halle, Tänzer am Boden, Trapez-Akrobaten an der Decke, und die inzwischen brünette Britney Spears eröffnet den Abend mit „Circus“, dem Titelsong ihres aktuellen Albums, das so etwas wie ein Comeback markiert und den Berufs-Teenager nun mit 27 Jahren als ernst zu nehmende Showgröße zu etablieren versucht.
Ein Dressurakt in vier Teilen
Drei stilisierte Manegen bilden das Bühnenbild inmitten der Halle. Im Vorprogramm begeistern die Artisten des „Big Apple Circus“ für 20 Minuten mit Jonglage, Kraftartistik und Clownerie. Inspiriert von Attraktionen wie dem Ringling Bros. and Barnum & Bailey Circus bis zum Cirque de Soleil wird im Anschluss ein Dressurakt in vier Teilen und auf höchstem Niveau präsentiert – Pop als zirzensische Volksbelustigung mit allen Mitteln, die sich von zeitgenössischer Entertainment-Technik kaufen lassen.
Und Britney Spears, der hochgezüchtete Kinderstar von einst, scheint vor der Vernunft kapituliert zu haben. Die erfolgreiche Sängerin, die ihr Leben seit sie acht Jahre alt war im Licht der Öffentlichkeit, im Blitzlicht der Paparazzi und im Kunstlicht der Konzertbühnen verbrachte, steht nach ihren vergeblichen Ausbruchsversuchen wieder auf dem Boden der Tatsachen. 2007 wollte sie ihr Leben zurück, wusste aber nicht welches. Sie rebellierte mit Glatze und ohne Höschen gegen ihr sauberes Role-Model-Image. Sie landete auf Entziehungskuren und in der Psychiatrie. Und wurde letztlich entmündigt. Der Vater verwaltete fortan ihr Millionenvermögen.
Doch das alles scheint nun vergessen. Der massive Einsatz von Familie und Management, seinen Zögling wieder generalstabsmäßig auf den rechten Weg zu führen, trägt Früchte. Britney Spears ist wieder da. „The Circus: Starring Britney Spears“, diese überbordend aufwendige Revue-Extravaganz, fährt weltweit Millionenumsätze ein. Und auch die Besucher in der mit rund 15.000 Besuchern nahezu ausverkauften O2 World bereiten ihr einen freudigen Empfang.
Mit „Piece Of Me“ und dem Megahit „Radar“ endet der erste Akt. Und inzwischen ist klar, dass diese Show über weite Strecken ohne Livemusiker auskommt – obwohl eine Band an der Manege postiert ist. Sie wird vor allem in der zweiten Hälfte der Show noch zum Zuge kommen. Die Musik ist aber großteils elektronisch konserviert und rattert in bester Soundqualität durch die Halle.
Und weil Miss Spears des gleichzeitigen Singens und Tanzens offensichtlich nicht mächtig ist, singt sie zumeist Playback – also gar nicht. Dafür zieht sie sich in langen Pausen wiederholt um, meist handelt es sich um strassbesetzte Bikini-Teile, mal Schwarz, mal Pink, mal aus Leder. Sie rekelt sich im goldenen Käfig, lässt sich bei „Ooh Ooh Baby“ von US-Magier Ed Alonzo (der auch schon in zwei Shows des Berliner Wintergarten Varieté zu erleben war) von der Bühne zaubern, um blitzschnell und mit frischer Garderobe am Rand der anderen Manege wieder aufzutauchen, immer umringt vom versiert choreographierten Tänzerensemble.
Und dann singt sie tatsächlich live
Und dann, nach einer quirligen Bollywood-Ensemblenummer zu „Me Against The Music“, bekommt Miss Spears ein Mikrophon in die Hand. „What's up, Berlin!?“ ruft sie. „How are you feeling out there?” Und gratuliert noch schnell ihrem Zauberer Ed, der Geburtstag hat. Sie setzt sich auf einen riesigen blauen Regenschirm, um die Ballade „Everytime“ zu singen, ja, tatsächlich zu singen, echt live.
Diese Show ist Kunsthandwerk erster Güte, das ihr Regisseur Jamie King auf den Leib geschneidert hat. King war bereits bei den letzten drei Madonna-Konzert-Unternehmen federführend, was man auch „The Circus: Starring Britney Spears“ anmerkt. Nur: ein Konzert ist das nicht. Eher fühlt man sich wie bei der abendlichen Edel-Animation in einem All-Inclusive-Luxushotel an der türkischen Riviera.
Spears wirkt über weite Strecken eher unbeteiligt
Immer wieder wird Zwielicht und Tingeltangel zitiert, wird Laszivität in knappem Glitzerdress und hochhackigen Schuhen inszeniert. Britney Spears schwingt als Dompteuse die Peitsche, wird als Domina begehrt von Tänzern in Lack und Leder, die bei „Freakshow“ aus dem Bühnenboden krauchen und sich wundersam auf der Videowand vermehren. Selbst Marilyn Manson wird zitiert: Seine Coverversion des Eurythmic-Songs „Sweet Dreams“ läuft zu einem vom Film „Eyes Wide Shut“ inspirierten Britney-Video. Nahezu jeder Song wird üppig aufbereitet, was immer wieder längere Umziehpausen zur Folge hat. Britney Spears wirkt über weite Strecken eher unbeteiligt in dieser gigantischen Hochglanz-Farce. Sie muss einfach nur da sein, das reicht offenbar schon.
Bei allem Aufwand: ein seltsam kühles Spektakel, so sinnfrei wie unterhaltsam. „Ooops ... I Did It Again“ gehört übrigens nicht zum Repertoire, dafür „If You Seek Amy“, „Mannequin”, „I'm A Slave 4 U“ und natürlich „Toxic“. Wobei stets begleitende Filme auf der Bildwand laufen. Nur Livebilder von der Sängerin, bei anderen Konzerten dieser Größenordnung durchaus üblich, sieht man nicht. Ihr erster großer Hit wird als Krönung ans Finale platziert: „Baby One More Time“. Und beim Schlussakkord verschwinden Spears und Ensemble im Bühnenboden. Zur Zugabe erscheint sie noch einmal in stilisierter Polizeiuniform und gibt den begeisterten Fans „Womanizer“ mit auf den Nachhauseweg. Jubel, Verbeugung, Konfettikanonen.
















