H.G. Wells

Erfinder von "Krieg der Welten" hat Geburtstag

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Wer ihn nicht kennt, kennt seinen "Krieg der Welten": H.G. Wells' Radiohörspiel erregte 1938 Aufsehen – viele hielten es für eine echte Reportage und fürchteten einen Angriff Außerirdischer. Im Kinofilm spielte Tom Cruise die Hauptrolle. Wells ist auch nach 100 Jahren noch aktuell. Eine Hommage zum Geburtstag.

1866 bis 1946 – genug Lebenszeit, um ein epochales Werk zu schaffen: Herbert George Wells lebte in einer der gedrängtesten und katastrophalsten Epochen westlicher Geschichte, in der zwei Weltkriege nur die offensichtlichsten Extrempunkte waren. Seine Literatur ist aktuell wie eh und je: Mit der Heraufkunft eines neuen technokratischen Macchiavellismus beschäftigt sie sich ebenso wie mit den kulturellen Auswirkungen rasant wachsender Mobilität in Zeit und Raum.

Sein entsetzliches Denkbild vom "Krieg der Welten", von beispiellosem Massenmord und begleitendem Massenentsetzen, wurde erst vor wenigen Jahren wieder von Hollywood zum Unterhaltungsstoff bearbeitet.

Im Sommer 2005 herrschte also wieder Krieg – im Kino. Die Marsmenschen kamen, und ausgerechnet Steven Spielberg, der Erfinder der rührenden extraterrestrischen Existenz E.T., hatte sie geschickt. Man sehe dem Zeitgeist zu, wie er sich häutet. 1982, als "E.T." in die Kinos kam, war Friedensbewegung, und Spielberg zeigte nach seinen eigenen Worten die "Schönheit" von E.T.s Charakter, der "humansten" Figur im ganzen Film.

Eine Generation von Außerirdischen später hatte Spielberg "eine richtig fiese Invasion aus dem All" inszeniert, fischige Marsianer vor amerikanischer Trümmerlandschaft. Ohne den 11. September wäre das nicht passiert.

Auf den Traumwerker Spielberg war Verlaß: Mit sicherem Instinkt kramte er H.G. Wells' hundert Jahre alten Roman über den "Krieg der Welten" aus dem Regal, die Zeit war reif. Ende der achtziger Jahre war eine apokalyptisch inspirierte Fernsehserie gleichen Titels noch im Unbedeutenden gestrandet und wohl nicht zuletzt an der allgemeinen Überzeugung gescheitert, der Westen würde schon selbst für seinen Untergang sorgen.

H.G. Wells' Geschichte von der Invasion der Marsianer funktioniert vielleicht nur dann, wenn der Himmel den Leuten auf den Kopf zu fallen droht. Alles Böse kommt von oben – was nichts daran ändert, daß es in der hundertjährigen Stoff- und Rezeptionsgeschichte des "Kriegs der Welten" nicht einen einzigen Fall gab, in dem mit den fremden Marsianern nicht fremde Menschen gemeint gewesen wären.

Ende des 19. Jahrhunderts hat Herbert George Wells, der Fabianist, Darwinist, Antisemit, Menschenrechtler und Fortschrittspessimist, innerhalb weniger Jahre das Repertoire des Science-Fiction festgelegt: Zeitreise, Unsichtbarkeit, die genetische Maßanfertigung und eben die Invasion durch feindliche Außerirdische. Sein Roman "Krieg der Welten" von 1898 ist in diesem Ensemble so etwas wie die Prophezeiung der "couch potato".

Seine Marsianer sind von der eigenen Technik verkrüppelt. "Sie waren Köpfe, nichts als Köpfe" – "eine bloße Gehirnmenge". Einmal mit ihren unheimlichen Zylindern auf Erden gelandet, kriechen sie solange im Staub herum, bis sich die mitgebrachten Prothesen endlich ausgepackt haben. Diese Marsianer, schlaf-, geschlechts- und körperlos, sind Abbilder der Menschen einer hochtechnisierten Zukunft, vor der sich Angst zu haben lohnt. "Ohne den Leib mußte das Gehirn ein bei weitem selbstsüchtigerer Geist werden als mit dieser Grundlage menschlichen Gefühls."

Von diesem Gedankengut läßt die wohl auf ewig berühmteste Adaption des Romans nichts übrig. Am 30. Oktober 1938, als das verkommene Genie Orson Welles und sein "Mercury Theatre on the Air" für CBS eine Hörspielbearbeitung von Howard Koch umsetzten, waren die Marsianer vor allem die Nazis in New York; das Münchner Abkommen und der Einmarsch ins Sudentenland lagen nur Wochen zurück, soeben hatte Präsident Roosevelt angesichts der Krisensituation in Europa intensive Rüstungsanstrengungen angekündigt.

Was heute gern schmunzelnd als das größte Kuriosum der Mediengeschichte verkauft wird, hatte also einen traurigen Hintergrund: Welles' zu großen Teilen als Live-Reportage getarntes Hörspiel vom Angriff der Marsianer auf New Jersey und New York löste eine Massenpanik aus. Flüchtende verstopften die Straßen, auf den Marktplätzen kam es zu spontanen Gottesdiensten, Notärzte waren im Dauereinsatz, ein Selbstmord ist bezeugt.

Heute müßten echte Außerirdische vor allem wohl gegen das ironische Potential der Menschheit ankämpfen, damals war das anders. Die großen Networks arbeiteten erst seit einem Jahrzehnt, und seit Roosevelt 1933 die "fireside chats" erfunden hatte, kam auch die Stimme des Herrn aus dem Äther. Es hatte die ersten Live-Berichte aus dem spanischen Bürgerkrieg gegeben, die Hindenburg war vor aller Ohren abgestürzt, seit dem Münchner Abkommen wurden mehr Radios verkauft denn je. Orson Welles erklärte später, "die Zahl der Spinner in Amerika unterschätzt" zu haben, tatsächlich aber hatten die neuen Medien den Alarmismus entdeckt.

15 Jahre später war Amerika auch medial gestählt, die Angst war eine neue, und George Pals Paramount-Produktion "Kampf der Welten" Teil eines marsianischen Feldzugs nach Hollywood. Die Titelliste reicht von "Red Planet Mars" bis zu "Invasion vom Mars", den Oscar für Spezialeffekte aber kriegte die Wells-Adaption, in der schwanenhalsige, bumerangförmige fliegende Untertassen Los Angeles mit Hilfe grüner Strahlen in viele Einzelteile zerlegen. Die Angst vor dem Atomkrieg war allgegenwärtig im Film, nach kaum zehn Minuten wurde der Geigerzähler ausgepackt, der Marsianer entpuppt sich als radioaktiv.

Und: Der Glauben kehrte zurück, obwohl sich die Romanvorlage in religiösen Fragen als ambivalent erwies. Zwar kam es auch bei Wells zu Stoßgebeten, der Vertreter der Geistlichkeit aber war schlicht unvernünftig, am Ende wahnsinnig. "Wozu ist denn die Religion gut, wenn sie beim ersten Unglück zusammenbricht?", wurde er angeherrscht.

"Kampf der Welten" hingegen endete als Odyssee keineswegs durch den Weltraum, sondern durch die Kirchen L.A.s. Und als irdische Bakterien die fiesen Marsianer endlich besiegt haben, läuten die Kirchenglocken.

( wfr )