Blur-Sänger Albarn

"Wir Engländer sind so sensibel"

Der Sänger der Bands Blur und Gorillaz hat mit The Good, The Bad & The Queen ein All-Star-Projekt gegründet. Im Interview mit Morgenpost Online.de erzählt Damon Albarn, was er von Supergruppen und Sozialromantik hält. Und erklärt nebenbei noch schnell, wie der Weg aus der derzeitigen weltpolitischen Lage aussehen könnte: Einfach miteinander feiern!

Noch einen Doppelten bitte! Damon Albarn ist genervt. Weil in den vielen Kippenpackungen auf dem Hotelzimmertisch gähnende Leere herrscht, der Vorrat an Hochprozentigem aufgebraucht ist, weil ihm Interviews mit der deutschen Presse zu gefällig sind und weil er jetzt noch eines geben muss. Derweil offenbaren sich Ex-Clash-Bassist Paul Simonon und Ex-Verve-Gitarrist Simon Tong als ausgesprochene Gentlemen und belächeln ihren Bandboss bis zur Mildestimmung. Plötzlich offenbart sich, was diese unwirkliche Nebenband von Blur und den Gorillaz tatsächlich verbindet. The Good, The Bad & The Queen ist die Popgruppe mit den markantesten Zahnlücken.

Morgenpost Online: Gentlemen, Ihnen ist gemeinsam, dass Ihre ehemaligen Bands sämtlich heroisiert werden. Definieren Sie den Begriff Supergroup neu?

Damon Albarn: Dieses verhasste Band-Modell aus den Sixties? Irgendwer von der Plattenfirma hat uns mit der Platitüde belegt. Nein, wenn wir etwas neu definieren, dann ist es der Punkt der Inspiration, der notwendig ist, wenn man Musik machen will. Ich habe mir, wie alle wissen, meine Inspirationen in der Vergangenheit aus der Pophistorie und aus Mali gezogen. Weil Paul und ich nur zwei Straßen voneinander entfernt wohnen und täglich die gleichen Eindrücke haben, war die Inspiration für die Band die auf bizarre Weise erholsame Gegend, in der wir leben.

Morgenpost Online: Ist aus Damon Albarn ein Sozialromantiker der düsteren Sorte geworden?

Albarn: Sozialromantik wurde mir schon zu Zeiten von Blurs „Parklife“ unterstellt, was absolut absurd ist. Wir verklären mit dem neuen Album schließlich nichts, sondern portraitieren in den Songs unsere Eindrücke von dem Stadtteil, in dem wir leben. Dieser Stadtteil steht in meinen Augen stellvertretend für ganz London, letztlich sogar für ganz England. Das Album ist ein romantischer Kommentar zum Leben im heutigen England.

Morgenpost Online: Das Leben im modernen England hat etwas Romantisches?

Albarn: Romantik hat ja nicht zwangsläufig nur eine angenehme Seite. Romantik steht für mich auch nicht nur für Liebe. Du kannst eine Romanze mit dem Gaskessel haben, der sich am Ende deiner Straße, an einem Kanal befindet. Ich gebe zu, dass meine Definition von Romantik etwas fast schon Außerirdisches hat, das ich durch die Augen der englischen Psyche betrachte.

Morgenpost Online: Könnten Sie die englische Psyche etwas expliziter definieren?

Albarn: Haha! Nein, denn man muss englisch sein um die englische Psyche verstehen zu können. (Singt „Who are you?“ von The Who). Ich werfe in den Texten des neuen Albums ja auch die Frage auf, wer die Engländer eigentlich sind. Sind es die Hooligans mit ihrer lachsfarbenen Haut, für die wir berühmt sind? Oder war Freddie Mercury der Prototyp eines Engländers, weil er aus Sansibar stammte? Dieses Bild des frustrierten Engländers, der von unseren Poeten geschildert wurde, der sich in seine Melancholie flüchtet, weil der Himmel wolkenverhangen ist, stimmt jedenfalls nicht mehr. Schließlich bringt Starbucks auch den Engländern ein bisschen Sonne ins verregnete Herz.

Morgenpost Online: Die Welteroberer sind also inzwischen die Eroberten.

Paul Simonon: Außer in unserem Viertel. Zwischen Westbourne Grove und Golborne Road haben wir keine einzige Starbucks-Filiale. Aber sie haben recht. Wir sind eine Piraten-Nation, auch in kultureller Hinsicht. Wir klauten, was uns als Rock 'n' Roll verkauft wurde und verscherbelten es an die Amerikaner zurück.

Albarn: Exakt. Die Beatles in allen Ehren. Aber letztlich haben sie den Amerikanern ihre kulturelle Seele zerstört, weil die Amerikaner lieber die Beatles hörten als das, was ihr eigenes Land in musikalischer Hinsicht großartig gemacht hatte. Die kennen ihre eigene Kulturgeschichte nicht mehr, weil sie irgendwann entschieden haben, dass die Beatles so viel geschmeidiger waren als Bo Diddley. Die Beatles waren für Amerika das, was Green Day für The Clash sind.

Morgenpost Online: Und sie waren für die USA das, was Blur und jetzt The Good, The Bad & The Queen für die Kölner Krautrock-Legende Can sind.

Albarn: Jetzt werden Sie bloß nicht empfindlich. Sie sind zwar Deutscher, aber deswegen müssen Sie jetzt nicht so sensibel sein.

Morgenpost Online: Das müssen Sie als Engländer gerade sagen.

Albarn: Ja, wir Engländer sind gut im Sensibelsein! Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, woran das liegt. Ob es Winston Churchill mit seinen dicken Lippen war, der uns so gefühlig gemacht hat? Oder der Tee? Das moderne Leben hat diesen Effekt auf Menschen. Aber merken Sie eigentlich, was wir hier gerade in scherzhafter Weise betreiben? Wir giften uns in der guten, alten europäischen Weise an. Das ist die europäische Krankheit. Ich bin Engländer, Sie sind Deutscher. Wir haben viel mehr gemeinsam, als wir uns bewusst sein wollen.

Morgenpost Online: In unserer Lächerlichkeit, uns als grundsätzlich unterschiedlich darstellen zu wollen?

Albarn: Das ist der europäische Geist. Von diesem Geist lebt unser Album. Von wegen Sozialromantik! Ich lebe zwar in einer verdammten Traumwelt mit meinem Geld und meinem Ruhm. Aber ich bin nicht an den Stadtrand von London gezogen, sondern lebe in einem Stadtteil, in den es sehr arme Familien und sehr hippe Typen gibt.

Morgenpost Online: Solche wie Paul Simonon?

Albarn: Ohne The Clash hatte es Blur nie gegeben. Was Paul und die anderen Typen der Band vor allem hatten, war eine Haltung. Das war Antagonismus und Fatalismus. Davon habe ich ganz entscheidend partizipiert. Diese Ingredienzien, vor allem die Vielfalt ihrer Musik, stellten für mich in ihrer Gesamtheit immer den Prototypen einer modernen, britischen Band dar. Keiner von uns kommt umhin zuzugeben, dass England nach wie vor von Rassismus geprägt ist. Aber um den überwinden zu können, zelebrieren wir in unserer Musik die Vielfalt Englands. Man muss den Reichtum an Kulturen feiern, statt ihn in kleine Teile zu zerlegen.

Morgenpost Online: Das klingt ja fast wie das Manifest einer Multikulti-Partei.

Albarn: Nennen Sie es, wie Sie wollen. Der einzige Weg aus der momentanen, weltpolitischen Situation heraus, manifestiert sich jedes Wochenende auf den Straßen des Viertels, in dem Paul und ich leben. Man feiert miteinander, ist neugierig aufeinander und zelebriert friedlich die kulturellen Unterschiede. Ich verstehe auch die Rhetorik deutscher Politiker in der Hinsicht nicht. Was soll das Gerede gegen den EU-Beitritt der Türkei? Ist in Berlin nicht längst die größte türkische Gemeinschaft außerhalb Istanbuls ansässig? Aber ich sollte nicht über Deutschland reden. In England gibt es in der Hinsicht genug zu tun.

Morgenpost Online: Zum Beispiel Textzeilen mit Autsch-Wirkung wie „Drinking all day, cause the country’s at war“ schreiben.

Albarn: Ich hätte es auch „zunehmendes Unwohlsein über die mangelnde Empathie der Briten“ nennen können. Aber dann hätte die Zeile diesen Autsch-Faktor verloren. Ich habe mir für dieses Album zum ersten Mal wirklich die Haare gerauft beim Verfassen der Texte. Bei meiner letzten Band, Gorillaz, war das ganz anders, weil es ohnehin keinen interessierte, was wir da sangen. Ich finde, dass allgemein zu viel Augenmerk auf Texte gelegt wird. Aber wenn man mit einem von The Clash in einer Band spielt, gibt man sich als Texter automatisch Mühe. Meine komplette Plattensammlung besteht aus Alben, die in einem bizarren, afrikanischen Dialekt, in arabisch, spanisch oder chinesisch besungen wurden.

Morgenpost Online: Was reizt Sie an diesen Platten?

Albarn: Die Musik. Wenn die mich nicht erreicht, können die Texte noch so toll sein. Dann passiert bei mir nichts. Wenn ich „London Calling“ von The Clash höre, packt mich dieser brillante Song wegen der Dringlichkeit der Musik. Warum ist der Song wohl in der ganzen Welt erfolgreich gewesen? Bestimmt nicht, weil Leute in Japan perfekt Englisch sprechen und Cockney verstehen.

Morgenpost Online: Gibt es in der Band einen gemeinsamen Nenner?

Simon Tong: Die Antwort wird Sie enttäuschen. Ja, den gibt es und er lautet einfach und simpel: Musik. Wir sind Musiker und werden das für den Rest unseres Lebens bleiben. Zu diesem Leben gehört der Wunsch, sich sein Leben von anderen Musikern bunt gestalten zu lassen. Deswegen existiert The Good, The Bad & The Queen.