Krisen-Kunst

Wie Tino Sehgal aus nichts viel Geld macht

Er schafft die flüchtigsten Werke der Kunstwelt, die dennoch Käufer finden. So gelingen Tino Sehgal nicht nur Strategien für die Wirtschaftskrise, sondern auch Kunst über die Krise. Morgenpost Online hat den Künstler getroffen und herausgefunden, wie sich Tanz mit Volkswirtschaft vereinen lässt.

Foto: David Weightman / ORIGINAL zu : O:\\BILDER\\B_FERT

Tino Sehgal hat Schuhgröße 42 und den ökologischen Fußabdruck eines Zweijährigen. Seine Kunst ist derart ressourcenarm, dass man ihm ein grünes Gütesiegel auf den Pulli pappen möchte. Sehgal braucht kein Papier für Entwurfsskizzen.

Er muss keinen Marmor aus dem Steinbruch heraushauen. Auch giftige Chemikalien für das Entwickeln etwaiger Dokumentationsfotos entfallen. Tino Sehgals Kunst nutzt nur eine Ressource: den Menschen. Der gilt als vergleichsweise energiearm und vollständig abbaubar.

"Die schwierigste ökonomische Frage ist sicherlich die der Nachhaltigkeit", sagt der Künstler beim Kaffee im "Keyser Soze", einer entspannten Bar in Berlins Mitte. Sehgal hat ein Faible für Nachhaltigkeit, das an Exzentrik grenzt. Wenn der 33-Jährige für ein Projekt nach New York muss, setzt er sich nicht in den Flieger, sondern besteigt ein Schiff.

Schon klar, kann man jetzt sagen: als Sohn eines indischen IT-Managers und einer Deutschen in London geboren, dann im süddeutschen Daimler-Benz-Country aufgewachsen und schließlich in die Arme der Großstadt geflüchtet, um Teil der intellektuellen Kulturweltbürgerschaft zu werden.

Ein typischer linker Reflex dieses linken Typen mit den leicht verstrubbelten Haaren. Doch ganz so einfach ist das nicht. "Unsere Gesellschaft ist nicht wirklich tragfähig, weil sie die Ressourcen der Zukunft verbraucht", sagt Sehgal. "Das ist kein Thema, das sich eindeutig links oder rechts verorten lässt."

Das Problem an unserer Gesellschaft ist, dass sie zu viele überflüssige Dinge produziert. Das Gute an Sehgals Kunst ist, dass er überhaupt keine Dinge produziert. Er schafft "konstruierte Situationen", die dem Besucher im Ausstellungsraum begegnen. Temporäre Ereignisse, die am Ende wieder spurlos verschwinden und nur in der Erinnerung des Betrachters gespeichert bleiben.

Seinen Durchbruch hatte Sehgal 2005 auf der Venedig-Biennale mit seinem Werk "This is so contemporary". Sobald ein Besucher den deutschen Pavillon betrat, umtanzten ihn drei Museumswächter, die aufgekratzt "Ooooh, dies ist so zeitgenössisch!" trällerten. Auf Englisch.

Einen derart sinnarmen Satz bekommt man sonst nur von beschwipsten Sammlergattinnen auf Kunstmessenpartys zu hören. Man hätte Sehgals Werk als Verballhornung des Kunstmarktchichis, der Biennale, ja der ganzen Kunstwelt verstehen können. Doch so einfach ist auch das wieder nicht.

Je länger das Gespräch dauert, desto eindringlicher macht sich der scharfe Intellekt hinter Sehgals sanften braunen Augen bemerkbar. Er hat nicht nur Tanz, sondern auch Volkswirtschaftslehre studiert. "Ich war 18 und hatte Abi", erzählt Sehgal, "und wie jeder andere in unserer Gesellschaft musste auch ich mir überlegen, womit ich ein Einkommen generieren kann und will."

Das Volkswirtschaftslehrestudium war der Versuch, das Dilemma von der theoretischen Seite zu beleuchten. Der Tanz war eine ganz praktische Antwort: "Ich war beschäftigt, es gab auch eine Einkommensperspektive, aber ich stellte nicht wirklich etwas Materielles her."

Mit seiner ersten Arbeit landete Sehgal 2000 nicht auf der Ballettbühne sondern im Kunstmuseum von Gent. "Die Aufgabe der bildenden Kunst ist es schon immer gewesen, ökonomische Produktionsformen zu spiegeln. Und im Kern geht es bei mir ja auch darum, wie man auf eine andere Art als gewöhnlich etwas produzieren kann", sagt er. Sehgals Produkte können natürlich gekauft werden. Die ephemeren Werke kosten zwischen 25.000 und 75.000 Euro. Dafür bekommt der Sammler vergleichsweise wenig. Doch dazu später mehr.

Es mag Menschen geben, die Sehgals Werke für Scharlatanerie halten. Andererseits lässt sich Kunst nie auf ihren Materialwert reduzieren. Außerdem liefert er die passende Produktionsstrategie zur Kunstmarktkrise: Aus fast nichts wird ein enormer symbolischer und ökonomischer Wert geschöpft.

"Tino Sehgal hat den Begriff des Werks ganz neu definiert", sagt die Kuratorin Mirjam Varadinis. Im letzten Sommer hat der Künstler den "Zurich Art Prize" bekommen. Am Donnerstag starten zwei Ausstellungen des Künstlers in der Stadt. Das Haus Konstruktiv zeigt ein Werk, in dem ein Betrachter von Schauspielern umzingelt und zum Gegenstand einer Diskussion wird.

Im Kunsthaus Zürich kann man Tänzer beobachten, die Bewegungen aus Künstlervideos von Bruce Nauman und Dan Graham aufführen. In einem anderen Raum wird man von einem emeritierten Ökonomie-Professor in ein Gespräch über Marktwirtschaft verwickelt.

Das letztgenannte Werk mit dem Titel "This is exchange" will das Kunsthaus für die eigene Sammlung ankaufen. Wie immer, wenn jemand einen Sehgal erwirbt, wird es materialarm vonstattengehen. Es gibt nichts Schriftliches. Nur einen mündlichen Vertrag. Als das New Yorker Museum of Modern Art im letzten Sommer eine Sehgal-Arbeit kaufte, saßen neben dem Künstler und einem Notar ein gutes Dutzend Museumsleute am Tisch.

Schließlich galt es, sich die Vertragsklauseln genau zu merken. Ein Käufer erwirbt von Sehgal das Konzept, die Idee des Werks. Hat der Künstler die Arbeit mit den Tänzern vor Ort einstudiert, darf das Museum die Arbeit für immer behalten und nach Belieben zeigen. Man kann sich gut vorstellen, wie das Wissen um die konkrete Aufführungspraxis eines Sehgals künftig von Kuratorengeneration zu Kuratorengeneration weitergegeben wird - wie der Initiationsritus eines Geheimbundes. Oder wie ein altes Volksmärchen, das die Großmutter erzählt.

Ein Sehgal-Sammler bekommt zudem das Recht, ein Werk auszuleihen oder weiterzuverkaufen. "Ich habe mal eine Arbeit von mir zurückgekauft", sagt der Künstler. "Die hat das Doppelte des Originalpreises gekostet, aber das war in Ordnung, weil der Sammler sehr früh gekauft hatte." Dass man augenscheinlich mit einem reinen Konzept spekulieren kann, erscheint absurd - und doch wieder nicht.

"Vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers haben die Banker ja auch mit immateriellen Werten spekuliert. Mit Erwartungen, Risiken", sagt Sehgal. "Nur, dass ihre Fähigkeit, mit Immateriellem umzugehen, anscheinend nicht ausreichend war, denn irgendwann wusste keiner mehr, was da eigentlich genau gehandelt wird." Man kann es auch so sehen: Sehgals flüchtiges Werk ist nicht nur eine Produktionsstrategie für die Krise. Es ist auch eine Kunst über die Krise. Mehr Zeitgenossenschaft geht eigentlich kaum.

* Sehgals Doppelausstellung im Haus Konstruktiv und im Kunsthaus Zürich ist vom 23. April bis zum 31. Mai zu sehen.