Seit Clint Eastwood zu so bewundernswerter Spätform aufgelaufen ist, wird es immer schwieriger, über seine Filme zu schreiben, ohne gefährlich viel zu verraten. In "Mystic River" hängt viel an dem Verdacht, Tim Robbins könne Sean Penns Schwester umgebracht haben.
In "Million Dollar Baby" trifft uns unvermittelt ein Tiefschlag, als die boxende Hilary Swank sich von einer Sekunde auf die andere gelähmt im Krankenbett findet und der Aufsteigertriumph in einen Sterbehilfekonflikt umkippt. Und auch "Der fremde Sohn" hat nach der Hälfte solch einen Moment, der Eastwoods neustes Werk radikal aus seiner anfangs eingeschlagenen Bahn wirft.
Zunächst sieht alles nach einem nostalgisch angehauchten Mutterdrama aus. Durch das Los Angeles des Jahres 1928 rattern heimelig-rote Straßenbahnen, und Christine Collins (Angelina Jolie) flitzt auf Rollschuhen als Aufseherin die Reihen der stöpselnden Frauen in der Telefonvermittlung entlang, die aus Hunderten alter Filme vertraut sind.
Eines Tages jedoch kommt die Alleinerziehende nach Hause, und ihr zehnjähriger Sohn Walter ist verschwunden und bleibt es, bis die Polizei nach fünf Monaten meldet, er sei Tausende Kilometer entfernt gefunden worden. Sie inszeniert ein Wiedersehspektakel auf dem Bahnhof, die Fotografen knipsen, und der Polizeichef strahlt - bis die Mutter behauptet, dieser Junge sei ihr fremd.
Dass der Gefundene kleiner ist als Walter, vom Lehrer nicht erkannt wird und die Gebissabdrücke nicht übereinstimmen - kein Indiz hilft der Mutter, weil die Polizei sich ihren "Erfolg" nicht verderben lassen will. Schließlich weist der Polizeichef Christine zu anderen Unbequemen in die Irrenanstalt ein. Dissidenten für verrückt zu erklären war offenbar keine sowjetrussische Erfindung, soso.
Früher wäre das mehr als genug Stoff für einen kompletten Film gewesen, ein saftiges Muttertiermelodram. Doch zum einen befinden wir uns im Zeitalter der wilden Genre-Mixe - Science Fiction mit Komödie, Krimi mit Western, Vampir- mit Liebesfilm, je unwahrscheinlicher, desto besser - und zum anderen handelt es sich um eine wahre Geschichte, welche bald die persönliche Dimension zum öffentlichen Skandal weitete.
Ein Freund des Drehbuchautors Michael Straczynski stieß darauf, als er alte Zeitungsbestände digitalisierte, und - o Wunder! - die Vorgänge waren noch nie verfilmt worden, obwohl sie Los Angeles vor acht Jahrzehnten bis in die Grundfesten erschüttert hatten.
Gerade hat man sich in die "Mutter kämpft um ihr Kind"-Schiene à la "Frau vom Checkpoint Charlie" eingesehen, da schwenkt "Der fremde Sohn" um in Richtung "Einer flog über das Kuckucksnest"-Horror, und Angelina Jolie findet sich in ihrer "Durchgeknallt"-Umgebung wieder (abgesehen davon, dass sie diesmal die Winona-Ryder-Figur gibt).
Dann verlagert Eastwood den Schwerpunkt erneut, diesmal auf "Chinatown"- und "L.A. Confidential"-Gebiet, und ein Korruptionssumpf breitet sich vor unseren Augen aus, den ein mutiger Pastor (John Malkovich) trockenzulegen versucht. Darauf wiederum setzt der Film eine Serienmördergeschichte - und selbst das ist nicht die letzte Volte.
Eastwood mit seinem ökonomischen Erzählstil zwingt dies alles relativ harmonisch unter einen Hut, aber zuweilen beschleicht einen doch das Gefühl, dass man von Geschichten, die gewaltig sein könnten wie Eisberge, lediglich die Spitze zu sehen bekommt.
Immerhin finden sich überall Eastwood-Schleifspuren in seine Vergangenheit. "Der fremde Sohn" lässt sich als Komplementär zu "Mystic River" betrachten; dort zerstörte das Verbrechen an einem Kind noch ein Vierteljahrhundert später eine Gemeinschaft, hier entblößt eine Kindesentführung die Verderbtheit einer ganzen Stadt.
Oder die mystischen Eastwood-Enden: Sowohl im "Texaner" als auch in "Erbarmungslos" und in "Baby" verschwand der Held einfach im Dunkel des Ungewissen; im "Sohn" ist es nicht anders.
Der verbindende Faktor der disparaten Elemente ist natürlich Angelina Jolie, die in Gatsby-esken Ensembles wie ein Filmstar daher kommt, obwohl ihre Figur eigentlich nur wie eine kleine Angestellte aussehen kann, die gern wie ein Filmstar aussähe (und das ist ein wesentlicher Unterschied). Sie lässt uns an ihrem Gefühlsbad ausgiebig teilnehmen, gibt sich tränenüberströmt, stoisch, zu Tode betrübt.
Vergleicht man dies mit ihrem letzten großen Ausbruch in "A Mighty Heart", wo gerade ihr Ehemann von Islamisten im Internet geköpft worden ist, wirkt sie hier von der Regie besser geführt. In "Heart" schien man einem Gefühlsvulkan beizuwohnen, der die Anstrengung, eine Eruption zu vermeiden, immer gleich sichtbar mitspielte; in "Sohn" erlaubt ihr Eastwood solche darstellerischen Mätzchen nicht.
Allerdings stellt er sie vor zunehmend höhere Hürden, und wenn Christine Collins gegen Schluss den Mann in der Todeszelle an die Wand pinnen und verzweifelt anschreien muss, wäre wahrscheinlich auch eine Meryl Streep an der Absurdität der Anordnung gescheitert.
In einer Szene wettet Christine mit Kolleginnen, wer den Oscar für den Besten Film des Jahres gewinnen wird. Christine setzt auf einen Außenseiter, eine kleine Komödie mit Clark Gable und Claudette Colbert namens "Es geschah in einer Nacht".
Wir wissen, dass sie Recht behalten wird, aber wir spüren zugleich, dass "Der fremde Sohn" sich hiermit ein Augenzwinkern zu viel an die Oscar-Wähler des Jahres 2009 gestattet. Etwas weniger wäre auch hier mehr gewesen.
















