Weil er seine Lenden nicht im Zaum hatte, mußte er sich einen neuen Job suchen. Arturo Lucas nennt das, was damals mit der Frau seines Chefs geschah verschmitzt lächelnd "Indiskretion".
Ja, er war einmal ein Hitzkopf. Heute ist der 75jährige eisgrau auf dem Kopf und am Kinn.
Zuerst bedauerte er sehr, daß er den Job verloren hatte. Denn es war ein guter Job für einen jungen Mann wie ihn. Er wurde 1930 in Matanzas auf Kuba geboren. Die Suche nach einem Job verschlug ihn in die Hauptstadt. Er wurde Barkeeper in der "Floridita Cocktail Bar". Angelernt hat ihn der legendäre Barmann Constantine, Erfinder des Daiquiri. Lucas mixte fortan Mojitos für Marylin Monroe, Cuba Libres für Marlon Brando und half Hemingway frühmorgens, den Heimweg zu finden.
"Er wohnte ja etwas außerhalb und war sehr ausdauernd beim Trinken." Der spätere Literaturnobelpreisträger mischte gern mal Daiquiris und andere Getränke. Der alte Mann, die Cocktails und das Bier - das war selbst für einen erprobten und geübten Trinker wie Hemingway etwas viel. Doch das war nun vorbei nach dem Rauswurf. Lucas fand einen neuen Job im Social Club im Stadtteil Buena Vista. Weniger glamourös.
In den 50er Jahren herrschte noch klare Rassentrennung auf Kuba. Der Social Club war Treffpunkt der schwarzen Bevölkerung. Trotz des fehlenden Glamours hatte Lucas eine gute Zeit. Die Musiker gingen ein und aus. Jeden Abend war was los. "Es war eine tolle Zeit. Ich habe sie genossen, nicht viel darüber nachgedacht. Erst später habe ich gemerkt, welche Musiker ich da bei ihren ersten Konzerten gehört habe."
Neun Jahre arbeitete er dort als Barkeeper und hörte kubanische Musiklegenden wie Compay Segundo oder Ibrahim Ferrer musizieren. Seit dem Jahr 1999, als Wim Wenders' gleichnamiger Dokumentarfilm erschien, ist der Buena Vista Social Club weltberühmt.
Zu diesem Zeitpunkt hatte da schon seine eigene Bar. Und eines Tages bewirtete er dort den schottischen Regisseur Toby Gough.
Der Mittsiebziger erzählte ihm von seiner Zeit als Barkeeper im Social Club und der Theatermann witterte einen Bühnenstoff. Es dauerte nicht lang und das Konzept zu "Bar at Buena Vista" stand.
Das Stück erzählt die Geschichte eben dieser Bar und ihrer Musik. Eine Show, bei der mit Percussionist Carlos Gonzales auch einer der Gründer des Buena Vista Social Clubs auf der Bühne steht. Daneben sind der 87jährige Reynaldo Creagh, Guillermo "Rubalcaba" Gonzales, 78, der Gitarrist Maracaibo, 77, und die Diva Siomara Avilla Valdes Lescay.
Es ist eine späte Genugtuung für die Musiker, die lange keine Musiker mehr waren. Mehr als 30 Jahre lang hatten Kubas Musiker, die in den 50ern und zu Beginn der 60er Jahre gefeierte Größen in ihrer Heimat gewesen waren, ein kümmerliches Dasein gefristet, denn in der Nachfolge der Kubakrise hatte Castros Regime ihre Musik kurzerhand als klassenfeindlich eingestuft und verboten.
Sie schlugen sich mit Jobs durch oder spielten für Touristen und ein kleines Handgeld. Doch dann besuchte der Gitarrist und Produzent Ry Cooder Havannas Stadtteil Buena Vista, und Wenders machte seinen Film. Von Stund an sollte sich alles ändern. Cooder entdeckte die jahrzehntelang unter der Decke gehaltenen Kostbarkeiten, indem er Künstler wie den inzwischen verstorbenen Ibrahim Ferrer dazu animierte, wieder den Son und den Bolero zu spielen.
Dieser musikalische Nervenbalsam machte die mittlerweile betagten Sänger und Instrumentalisten als Buena Vista Social Club mit einem Schlag weltberühmt.
Auf der Kuba-Welle reiten seitdem viele. Und das äußerst erfolgreich. Aber Toby Gough kann mit Originalen aufwarten: Sein Ensemble setzt sich aus Originalmitgliedern des Buena Vista Social Club, der Afro Cuban All Stars und der Vieja Trova Santiaguera zusammen, hinzu kommen einige Tänzerinnen und Tänzer Kubas - und natürlich Barkeeper Lucas.
Auf der Bühne hängen riesige Bilder der Stars des Buena Vista Social Clubs, Barkeeper Lucas bereitet im noblen weißen Anzug die Drinks zu und macht nebenbei Sängerin Siomara den Hof. Locker und leicht erzählten die Hauptakteure zwischen den Musik- und Tanzdarbietungen von ihrem Leben auf Kuba. Wer kein Spanisch kann, muß allerdings auf die englische Übersetzung von Erzähler Carlos Bustamante warten.
Die Show bringt die Zuschauer in das goldene Zeitalter der kubanischen Musik. Das Havanna der fünfziger Jahre. Regisseur Gough mußte nicht viel tun, nur die Musiker auf der Bühne plazieren.
Sie sind Profis, wissen selbst am besten, was geht und was sie tun müssen, um das Publikum zu begeistern."Ich mag Rum und schöne Frauen", gesteht Gitarrist Maracaibo gleich zu Beginn der Show.
Mit eingeknickten Beinen hatten ihm zwei Tänzer auf die Bühne geholfen - ein Scherz, wenig später richtete er sich vergnügt wieder auf. Im dunkelblauen Anzug, hellblauen Hemd, mit Schiebermütze und roter Krawatte genießt er sichtlich seinen Auftritt.
Den meisten Applaus erhält jedoch Sänger Reynaldo Creagh, der mit Grandezza den Schmachtfetzen "Dos Gardenias para ti" vorträgt und "allen Frauen dieser Welt" widmete. Obwohl sie zusammen bereits 239 Jahre alt sind, verströmten die drei alten Herren mehr Energie als zwölf 20jährige.
- "Bar at Buena Vista", 8.-13.11., Schiller-Theater, Bismarckstraße 110, 20 Uhr, Tickets: 47 99 74 77




