Es hing ein Schatten über Klagenfurt. Und es war nicht das Adriatief, das die 33. Ausgabe des Wettlesens um den Bachmannpreis zu einer ziemlich wässrigen Angelegenheit machte. Am Anfang hatte man ihn noch für eine Verheißung gehalten, den Schatten. Am Ende wurde er zum Fluch. Den Schatten warf der Büchnerpreisträger Josef Winkler.

Der Kärntner hatte zur Eröffnung gesprochen. Hatte von einer Jugend in einer österreichischen Stadt erzählt, von Klagenfurt und von Ingeborg Bachmann. Und als man sich schon fragte, wohin er mit seiner Rede wollte, war er über die Kärntner Politik und den im vergangenen Jahr in den Tod gerasten Jörg Haider hergefallen. Haider zieh er in Anwesenheit der Haider-Witwe der fahrlässigen Tötung, der Verschwendungssucht und des Größenwahns. Am Ende rief er zu so etwas Ähnlichem wie zivilem Ungehorsam gegenüber den „Ausbeutern“ auf. Der Beifall war lang, die Honoratioren inklusive der Witwe saßen da wie in Stein gemeißelt.

Wenn das so weiter ginge, dachte man, könnte der 2008 beinahe zu Tode reformierte und dem Gesetz des Fernsehens zum Fraß vorgeworfene Wettbewerb wieder da sein, wo er hingehörte. Literarisch auf hohem Niveau und politisch, gesellschaftlich relevant. Winkler war eine Verheißung. Er wurde zum Fluch. Denn der moralische Sumpf ist zwar erfahrungsgemäß außerhalb von Kärnten auch nicht sehr viel weniger sumpfig. Von der Wut darüber und über den allgemeinen Zustand der Welt jedoch wurde man in den drei Tagen nach Winklers Rede weitgehend verschont. Was nicht daran lag, dass die Welt nicht immer mal wieder anwesend gewesen wäre beim „Bewerb“. Man begegnete prekären Beschäftigungsverhältnissen, fuhr in einem Flüchtlingscontainer mit, begegnete einem vermeintlichen Stasispitzel und den Nachwirkungen der deutschen Wiedervereinigung. Die 68er und auch die jüngste Krise irrlichterten herum. Ein Fall von Sterbehilfe begab sich. Ein Mensch kam sich in den Weiten der Virtualität abhanden. Um die Beziehungen der Geschlechter war es erwartbar schlecht bestellt.

Man kann auch nicht sagen, dass nicht wenigstens annähernd der gegenwärtige Spielraum der deutschsprachigen Literatur widergespiegelt worden wäre. Das handwerkliche Niveau war ordentlich. Richtig ärgern musste man sich selten. Was auch daran lag, dass man, um sich über einen Text zu ärgern, von ihm wenigstens berührt werden muss. Dem Hörer (und Leser) tatsächlich zu nahezutreten traute sich kaum einer.

Weil sie sich trauten, ragten aus dem Grau des literarischen Mittelmaßes zwei Texte halbhoch heraus. Der Pinneberger Jens Petersen erzählt in „Bis dass der Tod…“ die Geschichte von Alex, der seine sterbenskranke Freundin zu Tode bringt, aber verzweifelt daran, dass er es nicht schafft, wie verabredet, selbst aus dem Leben zu scheiden – eine finstere und symbolgesättigte Geschichte, erzkalt geschrieben, untergründig glühend, aus der postkatastrophalen Welt eines Cormac McCarthy. Und der Berliner Gregor Sander erzählt in „Winterfisch“, wie Männerbiografien an der deutschen Zeitgeschichte zerbrechen – eine geradezu makellose Geschichte, die lebte und atmete und roch, einen einfing wie kein anderer Text.

Die Jury mühte sich, über dem Niveau der von ihr eingeladenen Texte zu diskutieren. Was ihr nicht sonderlich schwer fiel, weil es eben schon eine ziemlich kleine Literatur war, die da zur Verlesung kam.

Am Ende siegten die Favoriten – und wieder einmal Berlin. Petersen bekam den Bachmann-Preis (25.000 Euro), der Berliner Ralf Bönt den Kelag-Preis (10.000 Euro), Gregor Sander den 3sat-Preis (7500 Euro), die gebürtige Berlinerin Katharina Born den Willner-Preis (7000 Euro). Der Publikumspreis ging an Karsten Krampitz (Berlin) für seine Pastor-Brüsewitz-Geschichte „Heimgehen“.