Er steht einfach da. Aufrecht, lässig, breitbeinig, in engen Jeans und mit rotem Stirnband um die graue Mähne. Und einem Gesicht wie aus dem Mount Rushmore gehauen. So sieht eine lebende Legende aus. Country-Crooner Willie Nelson greift seine von zahlreichen Blessuren gezeichnete und doch immer noch so klangvolle Konzertgitarre. Ein halbes Leben begleitet sie ihn nun. „Trigger“ hat er sie getauft. Und er begrüßt am Donnerstagabend mit „Whiskey River“ ein jubelndes Publikum im prallvollen Tempodrom.

Willie Nelson ist der wichtigste lebende Künstler der amerikanischen Countrymusik, obwohl er sich freilich nie um musikalische Konventionen und starre Genregrenzen geschert hat. Country und Gospel, Musical und Jazz, Pop und Blues, ja selbst Reggaesongs hat er sich zu eigen gemacht. 77 Jahre alt ist er gerade geworden. Man begegnet ihm mit Ehrfurcht und Bewunderung. Und der Hoffnung, dass das Alter doch mehr zu bieten hat als nur Gebrechen und Depression, wenn man es richtig anstellt.

Veredelt durch eine samtig-sonore Baritonstimme

„Whiskey River“ hat Nelson 1973 für seine LP „Shotgun Willie“ eingespielt, eines von weit mehr als 70 Alben, die der knorrige Texaner im Laufe seiner Karriere bei einem guten Dutzend verschiedener Plattenfirmen aufgenommen hat. Zuletzt ist er beim renommierten Jazzlabel „Blue Note“ gelandet, für das er im vergangenen Jahr ein Album mit Jazz-Standards besungen hat. Doch im selben Jahr wühlte er auch gemeinsam mit der Country-Swing-Band Asleep At The Wheel in der traditionellen Klassiker-Kiste und veredelte frühe Countrysongs mit seiner samtig-sonoren Baritonstimme. Der Mann scheint in seiner schier manischen Faszination an guten Songs nicht zu bremsen.

Fünf Musiker begleiten ihn im Tempodrom, am Flügel sitzt wie seit Jahrzehnten seine Schwester Bobbie. Als einziges Bühnenbild dient die riesige Flagge des Lone-Star-State. Ansonsten steht einzig die Musik im Mittelpunkt, ohne jegliche Showmätzchen, ohne viele Worte. Willie Nelson weiß, was sein treues Publikum von ihm erwartet. Und er gibt ihm all die Lieder, die er dem Leben abgelauscht hat oder die er von Kollegen geborgt und sich zu eigen gemacht hat. An die 30 Stücke schafft er knapp 90 Minuten. Seine frühen Hits „Funny How Time Slips Away“, „Crazy“ und Night Life“ packt der Country-Freigeist in ein Medley, später wird er mit „Jambalaya“, „Hey Good Lookin’“ und „Move It On Over“ dem Country-Schutzheiligen Hank Williams huldigen.

Lohnschreiber für die Nashville-Studios

Eigentlich war Willie Nelson ein Spätzünder. Vielleicht ist auch das mit ein Grund, warum er seinen Ruhm nun in vollen Zügen auskostet und monatelang mit dem Tourbus als Wohnstatt unterwegs ist. Er jobbte lange Jahre als Lohnschreiber für die Nashville-Studios, mit denen er sich irgendwann überwarf. Er war bereits in den 40ern, als er – nach seinem Umzug nach Austin – mit „Blue Eyes Crying in The Rain“ seinen ersten Nummer-1-Hit landete. Diese wehmütige Ballade gehört nun natürlich ebenso zum Repertoire wie Waylon Jennings’ „Mamas, Don’t Let Your Babies Grow Up to Be Cowboys“ und das stampfende „Good Hearted Woman“. Mit Jennings und Kris Kristofferson zählte Willie Nelson in den Siebzigern zu den sogenannten Texas Outlaws, die erfolgreich die rebellische Gegenbewegung zum eingefahrenen, verweichlichten Nashville-Sound anzettelten.

Er hat aber auch die Tiefen des Musikgeschäfts ausgelotet. Die US-Finanzbehörde forderte 1990 Millionen hinterzogener Steuern von ihm ein. Nahezu seine ganze Habe wurde gepfändet und es brauchte Jahre, bis Willie Nelson sich davon wieder erholt hatte. Inzwischen aber hat der kantige Altersrebell selbst seinen eigenen Golfplatz zurück. Überraschendstes Stück des Abends ist „Nuages“, das Instrumental-Meisterwerk von Django Reinhardt, bei dem der versierte Gitarrist Willie Nelson seine „Trigger“ perlen und swingen lässt - neben Bekanntem wie „Always On My Mind“, „On The Road Again“ oder dem Ray-Charles-Klassiker „Georgia”.

Es ist eine Lust, diesen unprätenziösen, präzisen Musikern zuzuhören. Immer wieder fangen sie Willie Nelson, der seine lange Haarpracht inzwischen auf Schulterlänge gekappt hat, nach vokalen Eskapaden wieder ein. Er liebt es, Songs zu zerdehnen, die Betonung zu verlegen, aus eingefahrenen Mustern auszubrechen, die alten Lieder zu verändern und neu zu entdecken. Man kennt das von Bob Dylan. Mit den Klassikern „Will The Circle Be Unbroken“, „I’ll Fly Away“ und dem sehnsüchtigen Hank-Williams-Gospel „I Saw The Light” geht dieser große Abend in sein Finale. Nein, keine Zugabe. Und mag der Applaus auch noch so frenetisch durch den Zirkusbau dröhnen. Der Outlaw zieht weiter. Und reitet mit „Trigger“ in den nächsten Sonnenuntergang