Morgenpost Online: Herr Thielemann, Sie haben gerade die "Tannhäuser"-Ouvertüre mit den Münchner Philharmonikern geprobt für das Konzert in Osaka. Was war das in diesen Stunden für ein Gefühl?
Christian Thielemann: Es war schlimm. Es fühlte sich auch irgendwie unpassend an, jetzt Wagner zu spielen. Deshalb habe ich gerade auch nicht die "Meistersinger"-Ouvertüre geprobt, wie es eigentlich geplant war. Das wäre mir noch unpassender vorgekommen. Der Tod von Wolfgang Wagner geht uns allen nah. Weil er so wichtig war. Wichtig ist.
Morgenpost Online: Sie haben nach der Probe mit dem Orchester eine Schweigeminute gehalten. War das geplant?
Thielemann: Natürlich. Dieser Mann war eine Jahrhundertfigur. Einer, der auch das 19. Jahrhundert noch mit abdeckt, weil er die ganzen großen Menschen noch kennen gelernt hat. Nicht nur, dass er Cosima Wagners Fuß gekitzelt hat als Kind. Er wuchs mit all den Menschen auf, die Richard Wagner noch selbst kannten. Wenn so jemand stirbt, muss man kurz innehalten. Ich wollte es eigentlich vorm "Tannhäuser" machen, aber dann hätte ich ich die Probe nicht durchgehalten.
Morgenpost Online: Sie hatten ein enges Verhältnis zu Wolfgang Wagner.
Thielemann: Er war wie ein Vater für mich. Ich durfte seine letzten beiden Inszenierungen in Bayreuth dirigieren, "Meistersinger" und "Parsifal". Ich wurde in die Familie integriert, abends nach den Aufführungen saß man noch bei Bier, Brezeln und Wurstsalat zusammen, oft bis tief in die Nacht. Und ich habe so viel gelernt. Ohne ihn würde ich Wagner heute nicht so dirigieren, wie ich ihn dirigiere.
Morgenpost Online: An welchen Stellen haben Sie von ihm profitiert?
Thielemann: Er gab mir zum Beispiel den Rat, den ersten "Parsifal"-Akt zügiger zu spielen. Er sagte immer: „Bleiben Sie flüssig.“ Das sah dann so aus, dass während der Probe das rote Telefon im Bayreuther Orchestergraben klingelte. Mein Assistent war dran und sagte: „Herr Wagner sagt, es ist zu laut.“ Oder: „Herr Wagner sagt, es ist zu langsam.“ Beim Parsifal kam es mir seltsam vor, schneller zu dirigieren – aber ich habe auf ihn gehört und es ausprobiert. Und er hatte Recht.
Morgenpost Online: Er galt als sehr autoritär, sehr streng.
Thielemann: Er war autoritär, keine Frage. Aber er konnte auch sehr lustig sein. Einmal habe ich nach einer "Meistersinger"-Vorstellung geduscht und wollte mich wieder anziehen, als er plötzlich im Zimmer stand. Ich war nackt, er trug Smoking. Und fing an, über die Vorstellung zu reden. Ich sagte: ,Herr Wagner, ich habe nichts an.' - ,Na und? Ich habe schon einmal einen nackten Mann gesehen.' Dann sprach er weiter.
Morgenpost Online: Was bedeutet Wolfgang Wagners Tod für die Zukunft der Bayreuther Festspiele?
Thielemann: Es besteht die Gefahr, dass das Familiäre in Bayreuth verloren geht. Die berühmte Atmosphäre auf dem Grünen Hügel, wo jeder dazugehört. Man konnte jederzeit zum Festspielleiter gehen, er nahm sich immer Zeit. Nach den Proben kam er in die Kantine und hat sich von Tisch zu Tisch gesetzt, hat mit den Bühnenarbeitern, den Orchestermusiken oder dem Siegfried-Darsteller geredet. Diese Stimmung darf nicht verloren gehen. Sonst ist es ein Festival wie jedes andere auch.
Morgenpost Online: Wer muss dieses Erbe verwalten?
Thielemann: Wenn es einer kann, dann sind es seine beiden Töchter Katharina und Eva. Sie haben schon als Kinder den Geist von Bayreuth mitbekommen, sie haben eine Beziehung dazu, seitdem sie denken können. Und es ist für die Bayreuth-Fans auch wichtig, dass es jemand aus der Familie macht. Früher, als Wolfgang Wagner in der Probe saß, war es schon manchmal gespenstisch, wie ähnlich er Richard Wagner im Profil sah. Man dachte, der Meister persönlich hört zu. Es ist fast das Wichtigste, dass die Leitung in der Familie bleibt.
Morgenpost Online: Katharina Wagner steht aber auch für eine Erneuerung von Bayreuth. Ist die Tradition in Gefahr?
Thielemann: Nein. Es wird immer noch sehr genau geguckt, welche Regisseure hierher passen, welche Sänger. Ich würde dringend dazu raten, beim Erneuern Maß zu halten und an Bewährtem festzuhalten. Warum muss sich ein Festival immer neu positionieren?
Morgenpost Online: Sie könnten auch dazu beitragen, Wolfgang Wagners Andenken in Ehren zu halten. Zum Beispiel, indem Sie Teil der Festspielleitung würden.
Thielemann: Ich habe ja schon jetzt Einfluss auf die Besetzungen bei den Werken, die ich selbst dirigiere. Für alles andere gilt: Wenn die beiden Damen mich fragen, mache ich es. Was sich ergibt, ergibt sich. Es spricht ja für sich, dass ich so viele Projekte in Bayreuth habe. Übrigens habe ich sogar noch einen Vertrag, der von Wolfgang Wagner selbst unterschrieben wurde: Für den "Tristan" 2015.
Morgenpost Online: Wäre die Festspielleitung Ihr Traum?
Thielemann: Nein. Ich habe ja jetzt eine schöne Position, und ich werde bald eine neue Position haben (als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden, d. Red.). Ich bin nur einfach gern in Bayreuth. So wie das Publikum.




