DOK Leipzig, wie das Internationale Festival für Dokumentar- und Animationsfilm nun endgültig heißt, bestimmte in diesem Jahr ein eigentümliches, amüsantes und auch ernsthaftes Spannungsverhältnis. In den traditionellen Wettbewerben liefen Dokumentarfilme aller Couleur und stilistischer Ausprägung, wie man sie von anderen Festivals kennt und auch von Leipzig (immerhin im 49. Jahrgang!) gewohnt ist. Insgesamt 400 Filme mit 19.230 Minuten Spieldauer, die publikumssicheren Blöcke der Animationsfilme und Retrospektiven eingerechnet, mehr als 1200 akkreditierte Teilnehmer aus 37 Ländern. Aber: Die als Nebenbei projektierte Filmreihe „Fake“ rückte zum handfesten Kontrastprogramm auf, das die Filme der Wettbewerbe mindestens – sagen wir: Infragestellten. Rasant und fast heimlich schnellte Fake (mit dem hintersinnigen Untertitel „Trick MfG im you can“) in der Zuschauergunst ganz nach oben.
Die Wettbewerbsfilme reflektierten aktuelle weltpolitische Vorgänge: Aids, die Auseinandersetzungen der Religionen, Umweltschutz. Da trafen sich mitteleuropäischer Zeitgeist und aktuelle politische Debatten mit den erprobten Profilen geläufiger Kinomuster, und jeder dieser Filme hätte einen Preis verdient.
So kam „Exile Family Movie“ von Arash (Iran/Österreich) zu Ehren: ein liebevoll-vergnügtes Familienpsychogramm von nach Österreich exilierten Iranern, die über Handys und Videobriefe einen munteren Zusammenhang des riesigen Clans über Grenzen und Entfernungen hinweg trotz aller politischer und religiöse Widersprüche praktizieren (Goldene Taube ex aequo mit „The Cemetary Club“ von Tali Shemesh/Israel: Ein Friedhof als Ritualstifter und Debattierklub). An Tabus rührten beide allemal, und es war wohl gut, gerade beide extreme Positionen nebeneinander zu sehen.
Auch die Personal- und Betroffenheits-Reportagen, in denen Filmemacher aus ihrer Sicht heutige Lebensschicksale erzählen, boten gewohnt solide Kost. Zum Beispiel Gerd Kroske (Deutschland) mit „Kehraus wieder“, dem 3. Teil seiner Langzeitbeobachtung Leipziger Straßenkehrer, die er 1989/90 mit den aufregenden Szenen der Straßenkehrer in den Wendezeiten und Montagsdemos der „Heldenstadt“ begonnen hatte. „Forever“ (Heddy Honigmann/Niederlande) geht mit Besuchern, Verehrern und Rentnern zu deren Lieblingsgräbern auf dem Pariser Prominentenfriedhof Pêre Lachaise (Preis der Ökumenischen Jury). Lars Barthels/Deutschland spürt seiner großen Liebe nach („Mein Tod ist nicht dein Tod“, Discovery Channel Filmpreis).
Auch die sorgfältig recherchierten, durchweg gediegen fotografierten historischen Exkurse haben ihre Berechtigung, wie sich erneut zeigte: „Jonestown – The Life and Death of Peoples Temple“ (Stanley Nelson, USA) ergründet Motive jenes mysteriösen Massenselbstmordes der Sekte in Guayana. „Das kurze Leben des José Antonio Gutierrez“ (Heidi Specogna, Deutschland/Schweiz) beschreibt das Leben des ersten US-Toten im Irak-Krieg. Erich Langjahr zeigt in langen schönen Bildern Leben und Arbeit Schweizer Bergbauern („Das Erbe der Bergler“, Schweiz).
Soweit, so gut.
Die Sehr-spät-am-Abend-Fake-Reihe stellte diese traditionelle, gleichwohl aussagekräftige Programmatik heftig und hoch amüsant in Frage. Die Fakes unterwanderten den Wahrheitsanspruch und das Wirklichkeitsgebot der Festivalfilme, zeigten sich gegenläufig oder subversiv oder kontrapunktierend. Äußerst bunt gemixt aus Maskeraden, Falsifikaten, Juxereien, optischen und filmischen Täuschungen aus Kurzreportagen völlig frei erfundener Biografien oder skurriler Berufe. Da malt ein Mann malt Ölbilder – mit dem Öl ausgelaufener Tanker. Und Aleksej Fedorchenko fälscht in „The First of the Moon“ sogar geheime Observationsfilme des 8sowjetischen Geheimdienstes NKWD der dreißiger Jahre.
Die krude Mischung aus Kunst und Kokolores, wie ein Zuschauer das treffend nannte, versteht sich auch als „Gegenlesen“ greller 8Medien. Christoph Schlingensiefs verwirrende „Animatograf“-Installation bildete, von den Leipzigern heftig diskutiert, im Nebenraum des Festival-Centers ein wun8derbares zusätzliches „Schmeckerchen“.
Fake – ein Eigentor des Festivals oder nur ein kurzzeitiger Einfall? Krise oder „nur“ Vertrauensfrage? Ein ernst zu nehmender Misstrauensantrag war es auf jeden Fall, und er bekam dem Festival sehr gut. Ob es ein Eigentor bleibt, das über die Woche hinauswirkt, wird sich nächstes Jahr um 50. Jahrgang zeigen. Das Zeughauskino im Deutschen Historischen Museum Berlin plant für das kommende Frühjahr eine eigene Fake-Reihe, auf die man sehr neugierig sein kann.


