Es ist schon eine Weile her, dass Reinhold Beckmann sich bei Sat.1 von Werbeblöcken unterbrechen lassen musste.

Trotzdem kennt er bis heute die dankbare Dramaturgie, die man mit Reklamepausen aufbauen kann. Sie lautet simpel und ehern: Das Beste kommt zum Schluss.

Wenn nun Karl-Theodor zu Guttenberg bei Beckmann zu Gast ist, bedeutet das entsprechend: Über Afghanistan wird erst gegen Ende gesprochen.

Denn am interessantesten dürfte momentan sein, was der Shootingstar der deutschen Spitzenpolitik in seiner Funktion als Verteidigungsminister zum Engagement am Hindukusch und zur Kundus-Affäre zu sagen hat. Gerade, weil Griechenland- und Eurokrise dieses Thema aus den Nachrichten gespült und zu Guttenberg aus seiner ersten politischen Krise befreit haben.

Das Problem an einem solch künstlichen Spannungsaufbau ist nur: Was macht man bis dahin? So ganz ohne Werbepausen. Und ohne den Hauch einer Idee, wofür der Gast sonst noch herhalten könnte.

Guttenberg war es anzumerken, dass er sich in den ersten 50 Minuten der Sendung wie bestellt und nicht abgeholt fühlte. Im Schweinsgalopp ritt Beckmann quer durch den Gemüsegarten deutscher Schlagzeilen-Befindlichkeiten: Die Griechenland-Pleite. Der Koalitionskrach. Die geplatzten Steuersenkungspläne der Liberalen. Das Aufbegehren der Landesfürsten innerhalb der Union. Der demografische Wandel. Die Diskussion um eine Transaktionssteuer. Der Streit um die Dauer der Laufzeitverlängerungen von Atomkraftwerken. Merkels Verhältnis zu Sarkozy. Und zu Koch. Und zum DGB. Nicht zu vergessen Ballack und sein gerissenes Innenband. Kein Thema war dem Moderator zu volkstümlich, keine Phrase zu abgedroschen, um sie Guttenberg nicht kommentieren zu lassen.

Dessen Gegenwehr: wenig reden, noch weniger sagen. Dass der ehemalige Gebirgsjäger sich nicht aus der Reserve locken lassen wollte, schien Beckmann nicht weiter anzufechten. Im Gegenteil: War die Unlust des Ministers, sich inhaltlich einzulassen, zu offensichtlich, schoss der ARD-Mann einfach quer und gab den beiden anderen Gästen die Chance, sich auch mal zu äußern.

Dabei sollten Peter Scholl-Latour und der durch ein Agenturfoto zum Sinnbild der Wirtschaftskrise avancierte Börsenexperte Dirk Müller nicht über den Status adretter Stichwortgeber hinauskommen. Die zentrale Figur blieb, trotz aller rhetorischer Diplomatie, Guttenberg.

In seinem Unterfangen, möglichst schwammig zu erscheinen, trieb sein akzentuierter Sprachfluss dann solche sinnentleerten Stilblüten wie: „Dass Eindrücke schwanken können, ist nichts Ungewöhnliches.“ Solchen Sätzen, die er in salbungsvoller Erhabenheit sprach, ließ er das für ihn mittlerweile typische Wimpernklimpern folgen, als wolle er den pädagogischen Wert seiner Aussage mit sanftem Nachdruck unterstreichen.

Dann sieht er immer aus wie die WDR-Maus, die dem Elefanten neckisch zuzwinkert. Nur der klackende Xylophonlaut fehlt. Man kann ihn sich aber dazu denken. Das macht’s noch schöner.

Fragen von Beckmann beantwortete Guttenberg stets mit der staatsmännischen Mahnung zur Besonnenheit: Alles müsse zunächst abgewogen und durchdacht werden. Deswegen sei beispielsweise auch die abwartende Haltung der Bundesregierung zur Griechenland-Hilfe richtig gewesen.

Bei anderen Fragen verwies er auf vermeintlich bessere Ansprechpartner („Fragen Sie die Banker!“/“Fragen Sie die FDP!“) oder er reagierte mit einer Gegenfrage: Welche Fehler die schwarz-gelbe Koalition seit ihrem Start gemacht habe, wollte Beckmann beispielsweise wissen. „Haben Sie das nicht in einem netten Einspieler vorbereitet?“, konterte der Minister.

Dass diese Haken, die er schlug, eher plump denn elegant wirkten, selbst das schien ihm egal zu sein. Angesichts der thematischen Beliebigkeit, die Beckmann auf ihn hernieder prasseln ließ, konnte man es ihm aber irgendwie auch nicht verdenken.

Dass seine Arbeitsverweigerung nicht nur blanker Unleidigkeit entsprang, sondern tatsächlich eine Strategie verfolgte, konnte man sehen, als es endlich um das Thema ging, für das man 50 Minuten und gefühlte zwölf Werbeblöcke ausgeharrt hatte: Afghanistan.

Hier war Guttenberg in seinem Element, sprach Klartext, räumte Fehler ein, zwar nicht unbedingt eigene, aber immerhin Versäumnisse der langfristigen militärischen Planung.

Er wiederholte, dass man durchaus von „Krieg“ sprechen könne. Eine „große Illusion“ sei es zudem, dass der Konflikt am Hindukusch beigelegt werden könne. Sein Ton war schneidig und ließ keinen Widerspruch zu. Seine aufgesetzten Manierismen aus dem ersten Teil der Sendung waren wie weggezaubert.

Er war ganz Verteidigungsminister, eben das, was er schon immer sein wollte und wofür er ein halbes Jahr lang den Umweg über das Wirtschaftsministerium hatte nehmen müssen, weil das im Februar 2009 überraschend vakant geworden war.

Deswegen hatte er bei Beckmann auch keine Lust, Stellung zu wirtschaftlichen Themen zu beziehen: Erstens liegt dieses Ressort hinter ihm. Zweitens widerspricht es seinem Politethos von gebotener Zurückhaltung gegenüber den Kollegen.

Es waren zwei Personen, die man im Laufe der Show beobachten konnte. Und die eine könnte irgendwann bayerischer Ministerpräsident oder sogar Bundeskanzler werden. Ärgerlich ist nur, dass man auch die andere dafür in Kauf nehmen muss.