Musik

Britney und Amy, Szenen der Selbstzerstörung

Die eine kommt nur virtuell zur Grammy-Verleihung, die andere wurde entmündigt. Die öffentlichen Zusammenbrüche von Britney Spears und Amy Winehouse beweisen, wie sehr heutige Stars darauf angewiesen sind, sich zu inszenieren – notfalls bis zur Selbstzerstörung.

Foto: ARTE_France/Alex_Lake

Geklärt ist, dass die sechsfach nominierte Britin Amy Winehouse bei der 50. Grammy-Gala am Sonntagabend in Los Angeles persönlich keinen Preis entgegennehmen wird. Nach Angaben von Angehörigen ist ihr zwar inzwischen das bislang verweigerte Visum zuerkannt worden, gleichwohl sehe sie sich außerstande, nach Los Angeles zu reisen.

Winehouse' Agentur erklärte am Freitagabend, sie werde per Satellit zugeschaltet dabei sein. Die 24-Jährige werde dafür in ein Londoner Studio gehen, von wo aus Livebilder in die USA gesendet werden sollen. „Ich bin sehr erfreut über die Idee, erstmals bei den Grammys aufzutreten“, erklärte Winehouse nach Angaben ihrer Agentur.


Nach einem Marihuana-Zwischenfall besitzt der Popstar keine gültigen Papiere mehr. Erst vor zwei Wochen hob die „Sun“ ein Amateurvideo ins Internet, das Amy Winehouse zeigte, wie sie Pfeife rauchend durch die eigene Wohnung irrte. Daher nützte auch ihr Angebot, für eine solche Reise sogar den Entzug zu unterbrechen, wenig. Schließlich gilt ihr Titel „Rehab“ in der Preiskategorie „Best Song“ als aussichtsreichster Vorschlag. Darin weist sie jede medizinische Betreuung brüsk zurück: „They want to me send to rehab – I say no, no, no.“

Im Spiegel der öffentlichen Häme

Geklärt ist auch, dass Britney Spears die Preisverleihung nun daheim am Fernseher zur Kenntnis nehmen darf. Zuletzt hat sie die Nervenklinik überstürzt wieder verlassen. Wie die Zwangseinweisung unter Polizeieinsatz in der vergangenen Woche wurde auch die unauffälligere Heimfahrt umfassend in Shots und Clips dokumentiert. Nun sorgen sich die Eltern öffentlich um die gesundheitlich zerrüttete, entmündigte und unberechenbare Tochter.

In der kommenden Woche wird erneut über die Vormundschaft entschieden. Bis dahin regelt James Spears, ihr Vater, wesentliche, also finanzielle Dinge. Mutter Lynn kümmert sich den Gerüchten nach um einen Exorzisten. Währenddessen läuft das offizielle Video „Piece Of Me“ im Fernsehen warm: „I’m Miss American Dream since I was 17... I’m Miss Bad Media Karma. Another day, another drama“, erklärt Britney ihrer Umwelt darin überraschend wach und klar. In knapp zehn Jahren von der Traumgestalt Amerikas zum Medien-Alptraum.

Was auch immer Britney Spears und Amy Winehouse stimmlich voneinander unterscheidet: Beiden widerfährt aufgrund ihrer Kaputtheit weltweit eine öffentliche Anteilnahme, die den alten Boulevard wie einen Pfad der Rücksichtnahme wirken lässt. Vor allem aber scheinen Neugier, Mitgefühl und Häme die zur Schau getragene Kaputtheit der Figuren rasant zu fördern. Selbst Associated Press, die größte Nachrichtenagentur der Welt, hat wegen Britney Spears und Amy Winehouse ihre Maßstäbe verrückt.

Nachrufe für Menschen unter 30

Als jüngst ans Licht kam, dass für Britney Spears bereits ein AP-Nachruf existiert, gestand ein Unterhaltungsredakteur im Radiointerview, man habe Amy Winehouse ebenfalls „auf dem Radar“. Bisher sah man moralisch davon ab, für unter 30-jährige Nachrufe bereit zu legen. Dann wurde die Agentur vom Ableben Heath Ledgers überrascht. Und kurz nachdem der Schauspieler mit 28 an Tabletten starb, ließ Britney auf ihrer Toilette einen Zettel liegen: „Vielleicht ist es besser, wenn ich tot bin.“

Janis Joplin und Jim Morrison, Sid Vicious oder Kurt Cobain - sie alle gingen an ihrer persönlichen Labilität zugrunde. Allerdings dabei vergleichsweise vom Rest der Menschheit unbehelligt. Vor der jeweiligen Katastrophe jedenfalls. Es gab noch keine Videohandys und kein Internet, um den medialen Voyeurismus auszuleben. Heute ist nicht einmal sicher, ob es Amy Winehouse oder Britney Spears (als ernst zu nehmende Künstlerin oder als Trash-Ikone) gebe, ohne diese Anteilnahme.

Stars haben sich immer nach den Möglichkeiten der vorhandenen Medien inszeniert. Wenn nun das Augenmerk auf die alltägliche Verrichtung fällt, bleibt es nicht aus, dass „Britney Bitch“ im Nachtleben kein Höschen trägt und Amy Winehouse als berühmte Schnapsdrossel tagsüber durch die Straßen Londons taumelt. Sie werden gegoogelt, also sind sie.

Britney – von den Eltern gefördert

Dass der Star sich dabei in eine Gestalt verwandelt, die sich den Erwartungen des Publikum verdankt und weniger der eigenen Karriereplanung, liegt in der Natur des heutigen Leitmediums. Auch das Musikgeschäft ist darauf angewiesen. Britney Spears wurde nicht erst durch richterliche Anordnung entmündigt. Sie entstammt dem frommen Haushalt eines Bauunternehmers und einer Grundschullehrerin aus Kentwood, Louisiana. Mit acht Jahren meldete die Mutter sie zum Casting beim „Mickey Mouse Club“.

Als noch zu jung und ungelenk fiel Britney durch, sie wurde unter elterlicher Aufsicht fortgebildet und drei Jahre später endlich engagiert als „Mouseketeer“ bei Disney. Neben Kinderstars wie Justin Timberlake. Zwei Jahre später wurde die Show eingestellt, und die Familie kümmerte sich noch energischer um ihr Investitionsobjekt. Als Britney 17 war, unterschrieben die Eltern einen Plattenvertrag. „...Baby One More Time“ entwickelte sich zum erfolgreichsten Debüt einer amerikanischen Künstlerin. Das blonde Mädchen predigte Enthaltsamkeit vor der Ehe und Strebsamkeit im Beruf. Zum Ergötzen ihrer Zuhörer sang es schlüpfrige Tanzlieder wie „I’m Not A Girl, Not Yet A Woman“ und „Oops!... I Did It Again.“

Der Wandel zur erwachsenen Disco-Sängerin vollzog sich etwas überstürzt. Daran zerbrach sogar die Ehe ihrer Eltern. Britney trennte sich von Justin Timberlake und dem platonischen Modell. Madonna gab ihr einen Musenkuss. 2004 ging Britney Spears für 58 Stunden in Las Vegas eine eigene Ehe ein und legte sich im Video „Everytime“ zum Selbstmord in die Badewanne.

Aussetzer auf der Bühne werden verziehen


Kinder kamen mit dem Tänzer Kevin Federline. Mit Paris Hilton zog sie durch die Nacht. Es folgten SMS-Trennung und Sorgerechtsstreit. Das Schlagzeilengewitter nahm an Stärke zu und seither auch nicht wieder ab. Sie färbte sich die Haare, schnitt die Haare ab bis auf die Haut und tätowierte sich ein Sternchen auf die Hand. Zuletzt zeigten die Handybilder sie verheult am Straßenrand.

Die Rede war von Drogen und von einem windigen Manager namens Sam Lufti. Dann wurde sie eingeliefert und entmündigt. Und man denkt mit unguten Gefühlen an den Satz zurück, mit dem Sarah Silverman, die Moderatorin der letztjährigen MTV Video Awards, die deutlich derangierte Britney Spears in Schutz nahm: „Eine, die schon alles erreicht hat, was sie je im Leben erreichen wird.“ Mit 26.

Pflichtvergessene Auftritte der Grammy-Favoritin Amy Winehouse sind trotz ihrer 24 Jahre längst Legende. Dass ihr Textstellen entfallen oder dass sie plötzlich weinend von der Bühne stürmt, wird ihr dabei bereits verziehen. Im vergangenen August erlitt die Künstlerin einen Zusammenbruch, der offizielle Euphemismus lautete: „ernsthafte Erschöpfung“.

Winehouse wirkt wie ihr eigenes Opfer


Schuld soll ein Gemisch aus Heroin, Kokain, Ketamin und Ecstasy gewesen sein. Auch Amy Winehouse hielt es im Entzug nur wenige Tage. Danach feierte sie die geglückte Flucht mit ihrem Ehemann Blake Fielder-Civil derart ausgelassen, dass das Londoner Sanderson Hotel am nächsten Morgen eine Schadenssumme von 9.000 Pfund berechnete. Der Gatte trug einen zerkratzten Hals davon, die Sängerin blutige Ballerina-Schuhe. Übers Radio forderten die Schwiegereltern dazu auf, den Kauf des Album „Back To Black“ zu boykottieren. Amy Winehouses Vater riet zur Rückkehr in die Klinik.

Amy Winehouse reifte ungezwungener als Britney Spears zur Künstlerin heran. In London-Southgate spielte ihr der Vater Jazzschallplatten vor, die Mutter führte sie an Folkmusik heran, dann ließen sich die Eltern scheiden. Amys Vater hinterließ eine Gitarre und „das Gefühl, dass ständig eine schwarze Wolke über mir hängt“.

Das Mädchen flog beizeiten von der Schule. Anschließend nahm Island Records sie unter Vertrag und präsentierte Amy Winehouse als begabte, manchmal etwas durstige Soul-Erneuerin mit schwarzen Locken. Als die ersten Bilder auf der Haut erschienen und die ersten Knochen unter ihrer Haut erkennbar wurden, als sie Trinkerinnen-Videos drehen ließ und „Rehab“ sang, schien sie sich selbst und ihre Inszenierung noch zu kontrollieren. Ein vom Lob Karl Lagerfelds geweihtes Rollenmodell mit Bienenkorbfrisur sang zwar wie eine Souldiva der Sechzigerjahre. Aber im Bewusstsein, dass seither auch Punk und HipHop stattgefunden haben. Heute wirkt sie wie ihr eigenes Opfer, das erklärt: „Meine exzessive Ader ermöglicht es mir, ungefiltert auf die Songs zu zu gehen.“

Küchenpsychologie als PR-Maßnahme

Wenn schon Britney Spears ihr jüngstes Album „Blackout“ nennt, wird das Bedürfnis deutlich, Leben und Musik wieder in eins zu setzen. Ein naiv-romantisches Projekt. Es richtet sich gegen den Star als fleißigen Vertreter der geschäftlichen Interessen seiner Förderer. Gegen den optimierten Star wendet sich Amy Winehouse ebenso wie Britney Spears, die damit unglücklicherweise auch sich selber meint. Vielleicht ist es der letzte Akt der Rebellion, die eigene Störung zu vermarkten. Nicht nur seine Haut, sondern sein anerkanntes Borderline-Syndrom.

Wenn alle Stars entzaubert und alle Geheimnisse gelüftet sind, bleibt immer noch die küchenpsychologische Erzählung. Sie verklammert Robbie Williams mit Brian Jones, Pete Doherty mit Kurt Cobain und Amy Winehouse (oder sogar Britney Spears) mit Janis Joplin. Borwin Bandelow, Psychiater an den Göttinger Uniklinik, hat dazu das Buch geschrieben. „Celebrities - vom schwierigen Glück, berühmt zu sein“ fasst sich zusammen in der These: „Nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer psychischen Störungen sind sie überragende Künstler geworden.“

Bandelows Borderline-Patienten leiden am gestörten Haushalt ihrer körpereigenen Belohungsstoffe, übersteigertem Narzissmus sowie übertriebenem Ehrgeiz. „Applaus ist Koks für die Seele.“ Borderliner sterben früh. Statistisch im Alter von 26,9 Jahren. Jimi Hendrix, Janis Joplin, Brian Jones, Jim Morrison und Kurt Cobain starben mit 27. Wenigstens ihren Zynismus hat die Popkultur im Zeitalter des lückenlosen Dokudramas nicht verloren. Im Gegenteil: Am 2. Dezember 2008 feiert Britney Spears den 27. Geburtstag, Amy Winehouse ihren erst am 14. September 2010.