Es ist ein bisschen wie bei der Reise nach Jerusalem. Wer nicht gut genug ist, spielt nicht mehr mit. So einfach ist das. So ist nun mal die Regel. Das ist manchmal enttäuschend. Kinder spielen es trotzdem immer wieder.

Heidi Klums Casting-Show „Germany's next Topmodel“, deren fünfte Staffel auf ProSieben startet, ist kein Kinderspiel. Das ist Fernsehunterhaltung. Ein hartes Geschäft. Und es ist kein Geheimnis, dass die Heidi Klum GmbH, geleitet von Heidi Klums Vater Günther, die Teilnehmerinnen exklusiv unter Vertrag nimmt. Aber Geschäftssinn ist erst mal kein Verbrechen. Und jede der 23.248 Frauen, die sich für die aktuelle Staffel beworben haben – doppelt so viele wie zur ersten Show vor vier Jahren –, weiß, worauf sie sich einlässt.

Sie weiß, dass der Vamp ebenso zur Show gehört wie die liebreizende Unschuld, die Angepasste wie die Aufmüpfige. Und sie weiß, dass es nicht nur Freudentränen gibt. Aber sie macht trotzdem mit, weil sie davon träumt, entdeckt zu werden. Wie die Gänsemagd, die eigentlich eine Prinzessin ist. All die Mädchen aus Halle oder Traunstein, die ihrer Ansicht nach ganz zu Unrecht ihre Jahre in einem stickigen Klassenzimmer fristen oder an der Kasse eines Drogeriemarktes.

Heidi Klum gibt jeder erst mal eine Chance. Aber Heidi Klum ist nicht die gute Fee, die jeden Wunsch erfüllt. Sie ist streng. Sie ist zickig. Sie spielt mit Gefühlen, mit Hoffnungen und Erwartungen. Eines aber ist sie nicht: ungerecht. Denn so sind sie nun mal die Regeln. Nur eine kann gewinnen. Heidi Klum ist die Frau Holle, die das Mädchen, das ihr nicht gut genug ist, mit Pech überschüttet. Die aber auch Goldmaries machen kann.

Jetzt meinen viele, das sei doch gar nicht so. „Germany's next Topmodel“ – der Titel sei Betrug. Ob es Lena Gercke ist, Barbara Meier, Jennifer Hof oder Sara Nuru – Topmodels, von denen die ganze Modewelt spricht, sind aus den Gewinnerinnen nie geworden. Das ist wahr. Aber wer glaubt, dass jede Castingshow, von denen es weltweit unzählige gibt, immer auch einen Weltstar hervorbringt, der ist naiv. Und das umso mehr in Anbetracht der jahrelangen Arbeit, der Höhen und Tiefen, die Topmodels wie Gisèle Bündchen, Eva Padberg oder Kate Moss durchlebt haben.

Immerhin ist die Siegerin von „Germany's next Topmodel“ wenigstens einmal Covergirl der „Cosmopolitan“. Sara Nuru, Gewinnerin der vierten Staffel von „Germany's next Topmodel“, ist von C&A unter Vertrag genommen worden und präsentiert die Kosmetik von Maybelline Jade. Und dann drehte sie auch noch mit Heidi Klum und den anderen beiden Finalistinnen einen Werbespot für McDonald's. Chanel ist was anderes. Und auch Barbara Meier würde wahrscheinlich lieber mit einem der smarten Jungs für den neuen Duft von Boss an einem kalifornischen Strand in den Sonnenuntergang spazieren als mit Reiner Calmund auf einer Bergwiese den Buttermilchjoghurt von Müller-Milch schlürfen. Immerhin zierte sie schon zwei Mal die „Cosmopolitan“.

Ebenso wie Lena Gercke, die auch Moderatorin und Jurymitglied von „Austria's next Topmodel“ ist. Und Jennifer Hof, die Gewinnerin der dritten Staffel 2008, bekam sogar eine eigene Parfümmarke und Werbeverträge im Wert von immerhin 250.000 Euro. Knapp vier Millionen Fernsehzuschauer verfolgten im Schnitt die Sendungen der letzten Staffel. Der Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen lag bei 24,2 Prozent. Hochkultur ist das nicht, was da in die Wohnzimmer und die Köpfe der ganz jungen Zuschauer flimmert.

Vor allem das Schönheitsideal, das die Superschlanken, die um Heidis Gunst buhlen, transportieren, ist nicht immer gesund. Seit der Premiere von „Germany's Next Topmodel“ sind immer mehr junge Frauen unzufrieden mit ihrem Gewicht. Das ergab eine Umfrage des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen, eine Einrichtung des Bayerischen Rundfunks, die sich mit den Folgen des Medienkonsums für Kinder und Jugendliche beschäftigt.

Mehr als die Hälfte der 16- und 17-Jährigen fand sich zu dick. Und das, obwohl 80 Prozent der Befragten normalgewichtig waren. Doch wenn man die Jugendlichen danach fragt, was sie lernen von Castingshows wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Germany's Next Topmodel“, dann klingt das wie das Resümee eines Wochenendseminars für Lebenshilfe. Sie lernen für das Leben, sagen sie. Kritik ertragen. Ehrgeiz entwickeln. An seinen Traum glauben. Schminktipps inbegriffen.

" Germany's Next Topodel", donnerstags, 20.15 Uhr, ProSieben