"In aller Stille"

Die Toten Hosen sind unsere neuen Moralapostel

Schluss mit lustig: Die Düsseldorfer Band Die Toten Hosen hat auf ihrem neuen Album "In aller Stille" den Ernst der Lage erkannt und verweigert sich dem Spaßpunk der vergangenen Jahre konsequent. Sogar mit ihrem Lieblingsfeind, Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß, haben sie sich versöhnt.

Um im Gedächtnis der Kulturnation nicht nur als Tote Hose wegsortiert zu werden, hat Andreas Frege einiges unternommen. Ohne zu vergessen, wo er her kam: Er heißt immer noch Campino wie der Düsseldorfer Spaßpunk, der er einmal war. Sogar die Hauptrolle im Film "Palermo Shooting" von Wim Wenders spielt Andreas Frege als Campino. Er ist 46 Jahre alt.

Zuletzt war er vom Fernsehtalk- ins Schauspielfach gewechselt. Im Berliner Admiralspalast, in der "Dreigroschenoper", hat Campino noch die Unmoral verkörpern dürfen, den Macheath. Bei Wenders zeigt Campino die Verwandlung eines großspurigen Düsseldorfer Künstlers in einen mit Tod und Liebe konfrontierten, nachdenklichen Reisenden. Nur der Musik der Toten Hosen traut "Palermo Shooting" nicht. Wim Wenders greift auf durchweg ernsthafte Musik zurück, von Get Well Soon, Calexico oder Nick Cave.

"In aller Stille" von den Toten Hosen, ihre 14. LP, erscheint womöglich zufällig zum ersten großen Kinoauftritt ihres Sängers. Dass Campinos neue Lieder aber mit dem Film-Campino nichts zu tun hätten, glaubt niemand. In "Palermo Shooting" sieht der Tod wie Dennis Hopper aus.

Das Album zeigt den Tod als grinsenden Schädel unter Kopfhörern, als ebenso alltäglichen Gesellen. Philipp Stölzl hat den Videofilm zu "Strom" gedreht, die Band verkohlt darin durch ihre eigenen Kurzschlüsse. "Gedanken, die wie Messer sind", verspricht Campino, skelettiert und rauchend: "Richtig giftig, richtig wichtig".

Auch das Dutzend folgender Rocksongs und Balladen sorgt nicht unbedingt für bessere Laune. Es gibt keinen Witz. Es sei denn, man empfindet Verse wie "Ich bin okay, seitdem ich neuerdings zur Bibelstunde geh" als komisch. Es gibt keinen Spaßpunk und kein Sauflied. Und kein englischsprachiges Stück, mit dem Campino sich in seiner lustigeren Zweitheimat verorten könnte und im ursprünglichen Punk der Siebzigerjahre.

Es gibt keine Ausflüchte mehr bei den Toten Hosen. Keinen bunten Beethoven wie auf der Hülle des Protestalbums "Ein kleines bisschen Horrorshow". Keine "Zehn Kleinen Jägermeister", um den Zuhörer erleichtert zu entlassen wie aus "Opium fürs Volk". Campino nennt das alles rückblickend "die Angst vor der Courage". Heute spricht er unablässig von der "Dringlichkeit" des aktuellen Albums.

An Dringlichkeit herrschte kein Mangel

Nun stand einer Rockband wie den Toten Hosen in den frühen Achtzigerjahren mehr im Weg als eigene Courage. Auch an Dringlichkeit herrschte kein Mangel. Während Helmut Kohl die "geistig-moralische Wende" beschwor, konnte ein Kind der Zeit nichts besseres tun, als seine Jugend zu verschwenden, eine Band zu gründen, diese Band zunächst ZK zu nennen und dann resigniert Die Tote Hosen.

"Opel-Gang" erzählt nach 25 Jahren noch vom Geist der Zeit im wohlhabenden Westen Deutschlands. So erhellend wie "Die Kleinen und die Bösen" von den Nachbarn DAF und "Monarchie und Alltag" von den Fehlfarben: Wenn überall die Rückkehr zur Moral gepredigt wird, sollte man die Moral den Predigern überlassen, bis sie restlos ruiniert ist. Allein deshalb gingen einem alle Lindenbergs und Niedeckens damals so auf den Wecker. Abgesehen von ästhetischen Problemen.

Auch die musikalische Ästhetik dieses ersten völlig ernsten Toten-Hosen-Werks, "In aller Stille", ist Geschmackssache. Aber der unverhandelbare Hardrock passt zur Botschaft: Wiederholt wird lautstark darauf hingewiesen, dass Verfehlungen am Ende nicht umsonst zu haben sind. "Muss man für alles irgendwann bezahlen?" fragt Campino in "Ertrinken", rein rhetorisch.

"Leben ist tödlich", eine etwas abgestandene Weisheit aller Hedonisten, gipfelt in der Mahnung: "Man weiß, alles hat seinen Preis. Mach dich zum Zahlen bereit." Das Thema zieht sich durch die Platte, die kaum zufällig betitelt ist wie ein Adventsalbum. Wie dauerhaft ist Glück?

Die fetten Jahre sind vorbei. Sind Pessimisten Lügner? Lernen, zu verzichten. Zwischendurch verdammt Campino Oberflächlichkeiten ("Disco"), übernimmt Verantwortung für seinen Nächsten ("Teil von mir") und haucht wie jeder deutsche Sänger sein Duett mit Dame. Mit der Polly der "Dreigroschenoper", Birgit Minichmayr.

Wo liegt das Problem? Es geht wieder um "Innen alles neu", so nennt Campino die gesungene Selbstauskunft. Wieder moralisch-geistig. Man erinnert sich unweigerlich an "Warum werde ich nicht satt?", das Video von Wim Wenders für die Toten Hosen vor acht Jahren. Darin trat Campino schon als Abziehbild eines Investment-Bankers auf und grölte: "Jeden Sonntag zähle ich mein Geld, und es tut mir wirklich gut zu wissen, wie viel ich wert bin, und ich bin grad hoch im Kurs."

Aus heutiger Sicht war diese engagierte Darstellung der Amoral nicht abwegig. Jetzt gibt Campino alle Rollen auf. Er spielt sich selbst als Moralisten, brüllt einer verkommenen Gesellschaft ins Gewissen und bekennt sich in der "Taz" zum neuen Wertkonservatismus. Er tut das, was jeder heute tut, dem das System nicht mehr geheuer ist.

"Wir suchen nach dem Fehler in unserem System", erklärt Campino singend. So als wäre unser Inneres bankrott und nicht die Bank, die unser Geld verwaltet. Der Verdacht von 1980, dass Moral nichts anderes ist als "Opium fürs Volk", um nochmals an die früheren Toten Hosen zu erinnern, ist nicht ausgeräumt.

Moral beseitigt nicht die Fehler im System. Campino scheint das selbst zu ahnen, wenn er in "Die letzte Schlacht" die schweigende Armee mobilisiert, um sich den Zumutungen dieser Zeit zu widersetzen. Zugegeben: Rockmusik hat selten herrschende Verhältnisse mit kühler Präzision seziert.

Aber sie hat Moral als Anmaßung verspottet. Und sie hat sich dafür adeln lassen dürfen, selbst vom Fußball-Autokraten Uli Hoeneß. Hoeneß sah die Toten Hosen früher als "der Dreck, an dem unsere Gesellschaft irgendwann ersticken wird." Nun kann diese Gesellschaft wieder durchatmen. Trotz allem.

Die Toten Hosen auf Tour:

26.11. Hamburg

27. und 28. 11. Leipzig

1.12. Zürich

2.12. Trier

5.12. Stuttgart

8.12. und 9.12. Dortmund

12.12. Wien

13.12. Friedrichshafen

14.12. Freiburg

17.12. Berlin

19.12. und 20. 12. Hannover

22.12. Bremen

23.12. Erfurt

26.12. Frankfurt / Main

27.12. München

29.12. Köln

30.12. Oberhausen