Er ist „der Preuße aus Stuttgart“. Das sagt Altkanzler Helmut Schmidt über ihn. Er bekleidet seine Rolle als „Hofnarr“ perfekt, denn er ist „der lustigste, der intelligenteste und traurigste“ von allen, wie sein Sohn Fritz sagt. Immer, bis heute, sei er „spitzbübisch“ gewesen, meint seine Tochter Beatrice. Und er selbst, nach seinem Beruf gefragt, sagt Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker einfach: „Ich bin Zeitzeuge“, denn er werde in den späten Jahren seines Lebens immer wieder zu geschichtlichen Themen befragt.

„Für immer Präsident“ heißt Sandra Maischbergers 90 Minuten langes Porträt in der ARD über Weizsäcker. Es sei nicht einfach gewesen, sich als Filmemacherin an eine Persönlichkeit zu wagen, deren „oberstes Prinzip immer die Diskretion“ gewesen sei, sagt Maischberger, deren Mann Jan Kerhart den Film mit ihr zusammen drehte. Umso erfreulicher ist, dass die für ARD-Hauptabend-Verhältnisse ungewöhnlich lange Dokumentation kurzweilig und an vielen Stellen humorvoll geworden ist.

Weizsäcker, der am 15. April 90 Jahre alt wird, gab sich in vielen Gesprächen mit der Autorin locker und launig. Der Politiker, vielen als umsichtiger, diplomatischer, intellektueller und versöhnlicher Mensch in Erinnerung, brilliert nicht wie früher durch lange Reden, sondern oft durch kleine Späßchen. Mürrischer wird Weizsäcker nur, als Maischberger ihn fragt, ob ihn Kohl bei der Kandidatur zum Präsidenten habe „hängen“ lassen. Kohl habe ihn nicht „hängen“ lassen, reagiert Weizsäcker säuerlich, es habe nur etwas gedauert.

Trotz kleinerer Streitgespräche: Einfluss auf seine Aussagen oder den Filmschnitt habe Weizsäcker hinterher nicht nehmen wollen, heißt es unisono von Maischberger (sie ist mit der Firma Vincent Film auch Produzentin des Streifens) und vom Norddeutschen Rundfunk. Der Ex-Präsident habe nur im Vorwege deutlich gemacht, wo er einschränkt: Bei ihm zu Hause zu drehen, war tabu, vom Arbeitszimmer abgesehen. Bereitwillig aber knöpfte sich der Politiker das Mikrofon ans Revers, auch bei Empfängen in Moskau und Japan, wohin ihn Maischberger begleitete.

Traut man einem gestandenen Politiker, der auch noch Regierender Bürgermeister Berlins war, Emotionen zu? Kaum. Als jedoch die Sprache auf Richards älteren Bruder Heinrich, der im Polen-Feldzug fiel, kommt, hat er Mühe, seine Stimme zu kontrollieren. Auch als das Gespräch auf seinen vor zwei Jahren gestorbenen Sohn Andreas kommt, wird er nachdenklich: „Das war im letzten Sommer – das war ganz schrecklich“, erinnert sich Weizsäcker und rückt den Blick aus den Fängen der Kamera weg.

Eine wichtige berufliche Station vor dem Einstieg in die Politik war für ihn der Mannesmann-Konzern, der heute Vodafone heißt. Technik ist dem Polit-Pensionär indes fremd, er hat zum Beispiel keinen Computer. Er fragt einen Vodafone-Mitarbeiter: „Machen Sie nicht diese Blueberrys?“. Der korrigiert ihn freundlich und sagt „Blackberry“. Die letzte Einstellung zeigt Weizsäcker auf dem Stuttgarter Friedhof, über die Familiengräber gebeugt. Der Autoverkehr ist laut, seine Stimme ist leise.

Von Weizsäcker erklärte sich laut Maischberger zum Film bereit, weil ihm der Helmut-Schmidt-Film der 43-jährigen Journalistin gefiel. Maischberger denkt schon über neue Projekte nach – wenn auch noch recht zurückhaltend.

„Kanzlerin Angela Merkel bietet sehr viele interessante Aspekte in ihrer Biografie“, sagt sie. „Aber am besten sind solche Filme mehrere Jahre, nachdem die Politiker aus ihrem Amt ausgeschieden sind.“ Das könnte in diesem Fall noch ein wenig dauern.

"Richard von Weizsäcker – Für immer Präsident", ARD, 7. April, 21.45 Uhr

dpa