Die SPD sorgt sich um den deutschen Film. Besonders in Zeiten, wo es kleine Kinos schwer haben und nicht wenige die Filmförderung für abschaffungswürdigen Unfug halten. Insofern kommt den Genossen die Berlinale ganz gelegen, um in deren Rahmen im Willy-Brandt-Haus auf die Probleme hinzuweisen, einen neuen Film zu zeigen und darüber zu diskutieren. Ganz nebenbei kann man praktischerweise ein wenig Wahlkampf machen und versuchen, ein paar neue Abonnenten für das Parteiorgan "Vorwärts" zu gewinnen.
In diesem Jahr geht es um "Die Welle". Eine Neuverfilmung Morton Rhues gleichnamigem Roman mit Jürgen Vogel, 39, in der Hauptrolle, der Anfang März in die deutschen Kinos kommt. Vogel spielt darin einen Lehrer, dem innerhalb einer Woche das Kunststück gelingt, aus aufgeklärten Schülern willige Fanatiker zu machen. Ein kurzweiliger, leicht unstimmiger, vor allem aber gut gemeinter Film, der reichlich Gesprächsstoff über Diktaturen, Drittes Reich und Nationalsozialismus bietet.
Ausgerechnet Hubertus Heil, 35, SPD-Generalsekretär, moderierte am vergangenen Mittwoch die Podiumsdiskussion mit den Beteiligten. Den überfälligen Kalauer über seinen Namen traut sich niemand, auf Heils Fragen antwortet leider auch keiner richtig. Aber er fragt auch nicht nach. Es ist außerdem kein Thema, dass einige Propaganda-Sätze über "Zusammenhalt" und "Problembewältigung", die Vogel im Film als Anführer sagt, heute in mancher Politiker-Rede vorkommen könnten. In demokratischen Parteien wohlgemerkt.
Vielleicht hatte sich deshalb der stellvertretende SPD-Vorsitzende Frank-Walter Steinmeier, 52, schon vor Film-Ende verabschiedet. Er sei ja "im Nebenberuf auch noch Außenminister" und "müsse noch schnell nach Kiew".
Hauptthema ist dann die Schulvergangenheit der Filmemacher. Schließlich sind die Einzigen, die an diesem Abend Fragen stellen dürfen, Schüler der geladenen Klassen. Wie es um Vogels Verhältnis zu Autoritäten bestellt sei, will jemand wissen. "Nicht so gut", antwortet Vogel, um gleich nachzulegen: "Es gibt aber etwas, wo Diktatur funktioniert - beim Film." Später nutzt er diese Aussage, um sich um Fragen zur Rolle herauszureden: "Ich habe doch nur gemacht, was mir gesagt wurde. Und so." Die Gags werden verstanden.
Wie Vogel es geschafft habe, mit den Komparsen in der Schule klarzukommen, will eine Schülerin wissen. Vogel sagt: "Mit einem schmutzigen Witz." Den will er aber nicht erzählen, weil "hier Zeitungen und so Zeug und so" wären. Stimmt. Lieber erlaubt er sich kleine Seitenhiebe gegen Noch-US-Präsident George W. Bush und Hessens Auch-noch-Ministerpräsident Roland Koch. Weil die mit Mitteln arbeiteten, die im Film kritisiert werden. Das hört man hier gern.
Weniger begeistert zeigt sich Vogel von der Idee, "Die Welle" als Pflichtstoff in den Lehrplan aufzunehmen. Dann hätte er ihn sich wahrscheinlich auch nicht angesehen. Regisseur Dennis Gansel, 34, ist fest überzeugt, dass man sich über das politische Engagement des Nachwuchses keine Sorgen machen müsse: "Ich bin selbst Globalisierungsgegner. Und wie man in Heiligendamm gesehen hat, ist das eine Jugendbewegung." Aha.
Eine der anwesenden Klassen einer Neuköllner Schule hat "Die Welle" vor Kurzem als Theaterstück aufgeführt. Einer der Schüler hat deshalb auch keine Frage, sondern sagt zu Vogel: "Isch wollt dir nur sagen: Isch dank dir. Und so." Viel Applaus. Alle sind irgendwie gerührt. Hubertus Heil bittet die Schüler zum Gruppenfoto. Mission erfüllt. Und so.


