Stimmiger geht’s im Krimi nimmer: Einer der großen Vorzüge jener Thrillerreihen, die das ZDF erst am späten Sonntagabend ausstrahlt, um sich die Gewohnheitsgucker des zur Prime Time ausgestrahlten ARD-„Tatorts“ zu sichern, sind die Synchronsprecher der Protagonisten. Etwa jene von John Nettles, der in den vergangenen Wochen in einer neuen Staffel von „Inspector Barnaby“ zu sehen war. Norbert Langer, der vormals auch Tom Sellecks „Magnum“ seine Stimme lieh, spricht diesen englischen Ermittler so ironisch und sophisticated, dass die Serie selbst ohne mörderischen Plot und Rosamunde-Pilcher-Landschaft ein grandioses Vergnügen wäre.
Ganz ähnlich verhält es sich mit der fantastischen Stimme von Detective Inspector Robert Lewis, der an diesem Sonntag erstmals auf Bildschirmen unter deutschen Dächern zum Einsatz kommt. Sein Darsteller Kevin Whately wird synchronisiert von Till Hagen, jenem Mann, der beispielsweise Kevin Spacey („Die üblichen Verdächtigen“, „American Beauty“) spricht. Till Hagens Timbre ist so ungemein distinguiert, dass es in seinen Arbeiten beinahe so scheinen will, als spreche er den deutschen Part mit englischem Akzent der Upper Class. Mithin eine gute Voraussetzung für einen Polizisten, der in den gehobenen Kreisen von Oxford fahndet.
Dieser Robert Lewis, den allein schon Till Hagens aristokratischer Zungenschlag zum Sympathieträger qualifiziert, tritt dem Zuschauer zu Beginn der ersten von vier Folgen der neuen Krimi-Reihe als Rekonvaleszent und Trauerarbeiter entgegen: Zwei Jahre lang hat er auf den britischen Jungferninseln versucht, den Unfalltod seiner Frau zu verwinden. Nach seiner Rückkehr soll Lewis eigentlich einen unspektakulären Ausbilderposten antreten, als ein spektakulärer Mord geschieht: Eine hoch begabte und libidinös hoch aktive Mathematikstudentin, die als Probandin in einem Schlaflabor jobbt, wird ebendort erschossen. Da Not am Mann ist, soll Mr. Lewis zumindest vorübergehend die Ermittlungen übernehmen.
Assistiert von dem jungen Sergeant James Hathaway (Laurence Fox), einem früheren Theologiestudenten und Priesterseminaristen, der zwar eine frappierende Ähnlichkeit mit Oliver Pocher aufweist, sich aber dennoch als guter Teamspieler herausstellt. Auf der Suche nach dem Mörder müssen die Beamten in zwei ihnen völlig fremde Welten eintauchen: in den von Formeln und Forscherehrgeiz geprägten Kosmos der mathematischen Fakultät – und in die von Kabale und Liebe dominierte Großindustriellenfamilie Griffon, in der es gleich zwei Männer gibt, die intime Beziehungen mit dem promisken Mordopfer unterhalten haben sollen: den exzentrischen Daniel (Charlie Cox), einen Kommilitonen der Toten, und dessen nah am Alkohol gebauten Onkel Rex (Jack Ellis). Ihn hat der neurotische Neffe notorisch im Verdacht, vor Jahren seinen Vater gemeuchelt zu haben, um ungestört mit seiner Mutter verkehren zu können.
Inzest, Machtgeilheit und weitere Themen
Kein Schelm, sondern solide gebildet, wer da an Shakespeares „Hamlet“ denkt. Tatsächlich streut der intellektuell ambitionierte Film bereits zu einer Zeit überdeutliche Hinweise auf Inzest, Machtgeilheit und weitere Themen des Dänenprinzen-Dramas, als Lewis und sein Kollege noch vollends im Dusteren tappen. Das ist dramaturgisch nicht so ganz überzeugend, entpuppt sich indes als lässliche Sünde, weil die vermeintliche Shakespeare-Spur zwar keine falsche ist, aber einsinnige Schlüsse suggeriert, die durch aberwitzige Wendungen und zwei neue Morde im Umfeld des verderbten Griffon-Clans rasch wieder hinfällig werden. Auf die richtige (und besonders perfide) Fährte gerät Lewis erst durch eine kryptische Notiz seines verstorbenen Ex-Chefs, dem legendären Inspektor Morse, der Jahre zuvor den Tod des Griffon-Patriarchen aufzuklären versucht hatte.
Besagter Mr. Morse ist zudem die Figur, die den fesselnden Whodunit auch in kriminalliterarischer Hinsicht interessant macht: Lewis’ telegene Fälle, die vor drei Jahren in Großbritannien entstanden, basieren auf Motiven der Krimis von Colin Dexter, einem der besten und renommiertesten Spannungsromanciers der Insel. Der 1930 geborene Autor, der zunächst in Cambridge Altphilologie studierte und sich 1966 als Dozent in Oxford niederließ, schuf mit dem skurrilen Melancholiker und manischen Kreuzworträtsellöser Inspektor Morse einen – vorsichtig gesprochen: – unkonventionellen Ermittler. In den Neunzigern war der Verfilmung seiner Fälle in mehr als 30 TV-Folgen viel Erfolg beschieden. Jetzt soll der Nimbus des Meisterhirns, den Colin Dexter 1999 in „Kurz ist das Leben“ (Rowohlt) sterben ließ, auf Lewis, den früheren Assistenten von Morse, abstrahlen.
Ein verheißungsvoller Anfang ist gemacht. Selbst wenn die weiteren Folgen weniger geglückt sein sollten als der Auftakt, bleibt als Trost immer noch die Synchronstimme der Hauptfigur. Um nicht zu sagen: Cheers, Mr. Hagen!
"Lewis – Die Schlüssel zum Mord" läuft von nun an Sonntags um 22 Uhr im ZDF.





