Filmfestspiele Venedig

Michael Moore verliebt sich in den Kapitalismus

Die 66. Filmfestspiele von Venedig eröffnen mit starker deutscher Beteiligung und einem roten Faden: Ob Kindersoldaten, Beziehungsdramen oder zerstörerischer Kapitalismus – die Filme scheinen auf der Suche nach Erlösung. Michael Moore zeigt den ersten Dokumentarfilm, der je am Lido im Wettbewerb lief.

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Als das Filmfestival von Venedig bekannt gab, dass seine 66. Ausgabe in diesem Jahr um eine Woche nach hinten verschoben würde, schien das einer Kriegserklärung gleichzukommen. Denn eine Woche nach Venedig beginnt traditionell das Filmfestival in Toronto.

Dort gibt es zwar keinen Wettbewerb und keine Preise, international ist dieses Festival also von geringerer Bedeutung, umso wichtiger aber ist es für den nordamerikanischen Markt, der hier seine neuesten Produktionen vorstellt. Das führt in der Regel zu einer regelrechten Wanderbewegung: Alle amerikanischen Verleiher suchen ihre Titel in der ersten Venedig-Woche unterzubringen, um danach nach Kanada weiterzuziehen. Und nicht wenige Journalisten ziehen mit.

Sollte Venedig ausgerechnet im Krisenjahr, in dem das Festival mit ein paar Gästen weniger rechnen muss, auf Konfrontationskurs gehen und Hollywood zwingen, sich zwischen Venedig und Toronto zu entscheiden? Schon musste man einen Starschwund am Roten Teppich befürchten, ohne den ein A-Festival nun einmal nicht auskommt.

Am Ende bleibt nun aber doch alles beim Alten. Auch Toronto startet dieses Jahr eine Woche später, und die Amerikaner schauen wie gewohnt auch am Lido vorbei. Wenn nun am Mittwoch das Festival am Lido eröffnet wird, dominiert das US-Kino sogar mit gleich sechs Filmen den Wettbewerb. Michael Moore zeigt mit „Kapitalismus – eine Liebesgeschichte“ den ersten Dokumentarfilm, der je am Lido im Wettbewerb lief.

Mit „The Road“ ist, nach „No Country For Old Men“, eine weitere Adaption nach Cormac McCarthy zu sehen. Und Werner Herzog, der dem Deutschen Kino schon seit geraumer Zeit abhanden gekommen ist, geht ebenfalls für die USA ins Rennen und stellt „Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans” vor, eine Neuinterpretation des Abel-Ferrara-Kultfilms von 1992, mit Nicolas Cage in der Rolle von Harvey Keitel.

In der Glamour-Schiene Außer Konkurrenz führen die USA sogar noch stärker, mit sieben von 20 Produktionen. Hier ist der Verschwörungsfilm „The Men who stare at Goats“ mit George Clooney zu sehen, Steven Soderberghs Wirtschaftsthriller „The Informant“ mit Matt Damon. Wie in Cannes mit „Oben“ wird hier mit den neuen 3-D-Versionen von „Toy Story 1 und 2“ der neuen Technologie gehuldigt. Und Oliver Stone hat, nach seinem Fidel-Castro-Film, für „South of the Border“ nun einen anderen Regenten besucht, der mit der USA im Clinch liegt: Hugo Chávez, der Präsident Venezuelas.

Als Kuriosum stellen gleich zwei Amerikaner je einen Dokumentarfilm vor, den sie in Italien gedreht haben: John Turturro und Abel Ferrara. Und dann huldigt Venedig auch noch einem alt gewordenen Action-Star, Sylvester Stallone, der hier einen Sonderpreis entgegennehmen darf. Paparazzi und Regenbogenpresse werden also genug Glamour-Fotos bekommen – und das Festival die Weltaufmerksamkeit, die es braucht. Ein Segen oder auch – nach dem Beinahe-Kräftemessen mit Toronto – eine Erlösung.

Erlösung: Das scheint auch so etwas wie ein roter Faden zu sein, der sich durch das Programm zieht. Ob in der deutsch-österreichischen Koproduktion „Lourdes“, in der eine Gelähmte voller Hoffnung zu der Pilgerstätte reist. Ob in dem israelischen Beitrag „Levanon“, in der eine israelische Einheit im ersten Libanon-Krieg 1982 eingekesselt wird.

Oder – das Genre-Kino wird von jeher vom Festivalpräsidenten Marco Müller sehr gefördert – in George Romeros Zombie-Film „Survival of the Dead“, der sich ebenfalls in den Wettbewerb verirrt hat. Von der Hoffnung auf Erlösung handeln die wenigen offen politischen Beiträge, wie „White Material“ von Claire Denis, der von Kindersoldaten in Afrika handelt, oder die deutsche Produktion „Women without Men“, in der die iranischstämmige Videokünstlerin Shirin Neshat den Umbruch Persiens in den Fünfzigerjahren erzählt. Nach Erlösung sehnen sich aber auch einige der Beziehungs- und Familiendramen, die das Festivalprogramm dominieren.

Ein Titel fehlt da eklatant in diesem Zusammenhang: „Taking Woodstock“ von Ang Lee, in dem Love & Peace als Lebensvision zelebriert wird. Aber der Film zum 40-jährigen Jahrestag des legendären Musikfestivals lief schon in Cannes. Ang Lee, der am Lido gleich zwei Mal den Goldenen Löwen gewann, vor vier Jahren mit „Brokeback Mountain“ und vor zwei Jahren mit „Gefahr und Begierde“ reist diesmal „nur“ als Präsident der Internationalen Jury nach Venedig, um die Preise an andere zu vergeben.

Mit weiteren Namen wie Patrice Chéreau, Todd Solondz und Jacques Rivette kommt auch der Cinephile auf seine Kosten. Nach den USA führen Frankreich und das Gastgeberland Italien mit je vier Beiträgen den Wettbewerb an. Auch Deutschland ist stark vertreten, mit zwei Produktionen – besagten „Women“ und Fatih Akins ‚Heimatfilm’ „Soul Kitchen“ – sowie drei Koproduktionen.

Man darf sich auf das Duell der beiden großen Deutschen, Akin und Herzog, freuen, darf von Herzog auch gleich noch einen zweiten Film sehen, „La Bohème“ in der Reihe Orrizonti, in der auch Romuald Karmakar seinen Dokumentarfilm „Villalobos“ vorstellt. Und in der Sparte Venice Days wird Sherry Hormans „Wüstenblume“ nach dem Sachbuch-Bestseller über Frauenbeschneidung für Diskussionen sorgen.

Sollte die Finanzkrise in Venedig auch ihre Spuren hinterlassen, vom Programm her scheint das Festival, immerhin das dienstälteste seiner Art, keine Not zu leiden. Doch wenn sie ihre Werke vorgestellt haben, werden Fatih Akin und Werner Herzog dasselbe tun wie Michael Moore, Claire Denis und selbst Giuseppe Tornatore, der Regisseur des italienischen Eröffnungsfilms „Baaria“: Sie werden ihr Köfferchen packen und nach Toronto weiterreisen.