Es ist absolut richtig, dass der Filmstar Olivia in Mark Ravenhills Stück „Das Produkt“ nicht ein einziges Wort sagt und dem Produzenten James eine ganze Stunde lang nur zuhört. Denn so wird die totale Einsamkeit dieses Würstchens noch besser hörbar. Er schwatzt und schwatzt, bekommt aber als Reaktion nur ein permanentes undurchschaubares Leinwandlächeln. Im Grunde ist dieser Monolog ein Gebet. Das Gnadengesuch eines Losers an eine unendlich ferne Himmelsmacht. Zwischendurch hadert und bockt der Bittsteller mal kurz. Aber beim geringsten Anzeichen, er könnte doch erhört werden, liegt er sofort wieder im Staub. Und zu guter Letzt macht er sich nutzbar, was schon viele Gläubige erkannt haben: Dass das Schweigen der Götter auf Erden Raum für Lügen lässt.
Zwar ist alles wahr, was Mark Ravenhill über sein Stück sagt: „Das Produkt“ erzählt vom Terror und davon, was die Angst davor in den Hirnen des Westens anrichtet. Davon, wie die Unterhaltungsindustrie sich das alles nutzbar machen möchte. Und natürlich auch von sexuellen Erlösungsphantasien, vom Liebestod und von Messern. Die letzten drei Ingredienzien hatten schon in „Shoppen & Ficken“ eine bedeutende Rolle gespielt, dessen fulminante deutsche Erstaufführung vor acht Jahren die Karrieren des jungen deutschen Regisseurs Thomas Ostermeier und des jungen britischen Dramatikers Ravenhill nachhaltig beschleunigten.
Aber in erster Linie handelt „Das Produkt“, für das sich das Team Ravenhill/Ostermeier nun an der Berliner Schaubühne wieder zusammengefunden hat, vom Verkaufen. James der Produzent will der Leinwandgöttin sein Drehbuch andrehen. Dafür schwatzt er mit Engels- und Teufelszungen. Und wirkt dabei zunehmend gehetzt - wie ein Drücker, der an der Haustür ein Zeitungsabo loswerden muss, um keine Prügel von seinem Kolonnenchef zu kriegen.
Olivia soll die Geschäftsfrau Amy spielen, deren Mann im World Trade Center starb. Trotzdem verliebt sie sich in den arabischen Terroristen Mohammed, der ihre Orgasmusblockade löst. Osama bin Laden höchstselbst gestattet ihr, gemeinsam mit dem Geliebten beim Selbstmordattentat auf Disneyland Paris in den Tod zu gehen. Doch sie bekommt Gewissensbisse und verrät ihn. Als Amy hört, wie Mohammed in Guantanamo gefoltert wird, läuft sie als weiblicher Rambo Amok. Weil die Befreiungsaktion scheitert, wendet sie sich zuletzt an Allah.
Ostermeiers Inszenierung im Bühnenbild von Jan Pappelbaum (Bartisch mit Milchkaffee vor Neonwand) verzichtet auf Regieeinfälle und vertraut allein dem Schauspieler. Der gegelte Kopf, der etwas zu akkurate Scheitel und die Slipper stellen James sofort an unter Verliererverdacht. Aber wie er sich reinschmeißt in seine Nacherzählung des Drehbuchs, wie er mit der Hoffnung auch seine letzte Zurückhaltung verliert - das hat schon Format. „Du sollst das nur mit den Augen spielen. Kannst du das mit den Augen?“ fragt er den Filmstar, wenn er gerade wieder irgendeinen melodramatisch-aufgegeilten Unfug referiert hat. Hartmann könnte es bestimmt. Wahrscheinlich muss der Star auch deshalb so abrupt und wortlos die Flucht ergreifen, weil der Produzentenkomödiant es beinahe geschafft hätte, ihr den Schrott wider ihr besseres Wissen anzudrehen. Am Ende zeigt Hartmann für einen Moment - „nur mit den Augen“ - die Verzweiflung des kleinen Mannes. Dann macht er sich erneut ans Verkäuferhandwerk.
Doch die Energie, mit der er den Stoff anpreist, richtet sich irgendwann gegen den Autor Ravenhill. Denn die Geschichte von Amy und Mohammed hätte vielleicht einen schlechten Hollywood-Film abgegeben, aber möglicherweise ein tolles Theaterstück. Eine Trash-Revue die so laut knallt wie der Einschlag eines Jets in ein Hochhaus. Das wäre ein großer Schmarrn gewesen. Ravenhill hat sich für den kleinen Schmarrn entschieden.
Erschrocken vor seinem eigenen Stoff ist er ins Indirekte geflüchtet. Einmal nur, vor bald zehn Jahren, hat er für einen glorreichen Moment das Handwerk beiseite gelassen, das er seitdem immer beschwört, wenn er die eigene Arbeit beschreibt. Er hat damals dem Theater der neunziger Jahre ein Messer in den Hintern gerammt. Mit „Das Produkt“ legt er allenfalls Reißzwecken auf die Sitze.
Termine: 26. November, 5., 7., 8. Dezember, Tel. (030) 8900023


