Es war eine Sendung voller Überraschungen: Raab gab sich so nett wie nie, die Bands aus den 16 Bundesländern waren überwiegend schräg und sehr witzig. Die Sendung machte nicht nur Spaß – sie entließ einen auch mit einem Hoffnungsschimmer für die deutsche Musiklandschaft.

Es kommt nicht oft vor, dass man am Ende eines langen Fernsehabends folgendes sagen, nein beinah jubeln möchte, doch es ist nun mal die ganze Wahrheit: Als die Entscheidung beim diesjährigen Bundesvision Song Contest mehr als einstimmig gefallen war, hatte man verdammt gute Laune. Denn bei der Raabschen Musikparade, die vor fünf Jahren mehr aus Jux als Alternative zum "Eurovision Song Contest" gegründet worden war, siegte diesmal Geschmack, Style, Beat und alles, weswegen Pop immer noch aufregend und Musik immer noch die beste Antwort auf trübe Verhältnisse ist. Mit dem Berliner Peter Fox, einst schon mit seiner Band Seeed bei Stefan Raab Nummer Eins, gewann völlig zu Recht das Glanzlicht des Abends, der einzig wahre Popstar unter einigen ordentlichen, einigen überraschenden und manchen durchaus lächerlichen Auftritten.

Das Beste daran war, dass hier keine arrogant morbide Popstar-Jury über Sieg oder Niedergang urteilte, sondern allein das Volk per Anruf oder SMS die Meinungshoheit für sich beanspruchen durfte. An diesem Abend merkte man mal wieder, dass das breite Publikum durchaus Glanz von Mist unterscheiden kann, auch wenn einem ein Blick in die deutschen Musikcharts und auf die letzten kümmerlichen Reste der Musiksender oftmals das Gegenteil suggeriert.

Der Sieg von Peter Fox macht Mut: Ein Land, in dem ein derart smarter, unkonventioneller Musiker, dessen Orchester Affenmasken trägt und der einem endlich mal die Wahrheit über die Hauptstadt um die Ohren knallt ("Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein") – in so einem Land ist längst noch nicht Hopfen und Malz verloren und erst recht nicht der Hund begraben: Nein, so ein Land rockt.

Es blieb nicht die einzige Überraschung des Abends. Gastgeber des Wettbewerbs war diesmal Potsdam, jenes Bundesland, das mit "Subway to Sally" Heimat des letztjährigen Gewinners ist. Am Anfang blieb einem nur frommes Wünschen: Auf dass die Geschmacksverirrung durch mittelalterliche Gothic-Klänge nicht Schule macht. Man sollte nicht enttäuscht werden, denn alles lief anders. Es fing schon damit an, dass Moderator Stefan Raab von der ersten Minute an so, wir wagen es beinah nicht zu schreiben, grundsympathisch wirkte. Keine Spur von seinem sonstigen Markenzeichen: dem hämischen Lachen. Der Lieblingszyniker der Massen zeigte sich an diesem Abend wie ausgewechselt. Ob es an der hübschen Co-Moderatorin Johanna Klum lag, oder daran, dass es auf Dauer auch ermüdend sein muss, ständig auf anderen rumzuhacken – wir wissen es nicht. Tatsache ist: Man spürte, dass Stefan Raab nicht nur ein ganz netter Kerl, sondern auch ein Musikliebhaber ist.

Anfangs bewies Ministerpräsident Matthias Platzeck seinen Lokalpatriotismus, erklärte dass er mit "Subway to Sally" Bier und Schnittchen geteilt habe, animierte zur Wahl des Potsdamers Gaga-Musikers Sven van Thom und wirkte so heiter, wie man schon lange keinen deutschen Politiker bei einem öffentlichen Auftritt erlebt hatte. Raab nannte ihn daher jovial den "Obama von Potsdam". Überhaupt herrschte eine derartige Harmonie, dass "Deutschland sucht den Superstar" dagegen wie eine Folterkammer für Musiker anmutet.

Nachdem Raab und Johanna Klum auf einer Hebebühne über der Halle Stellung bezogen hatten, ging es Schlag auf Schlag, eine Band und ihr Bundesland jagten das nächste, und doch wurde niemand verletzt. Da konnte die NRW- Metallschreckcombo "Rage" noch so unterirdische Plattitüden raushauen, da konnte "Angela's Park" noch so leidlich Mia oder Nina Hagen imitieren. Raab nickte alles freundlich ab: Und der Nächste bitte!

Bei Formationen wie dem Rapper "Flowin Immo Et Les Freaqz" wusste man zwar zuerst nicht, ob man nun lachen oder sich angesichts des "Attersee"- Raps die Ohren zuhalten sollte. "Marteria" aus Mecklenburg-Vorpommern trat mit "Zum König geboren" an und konnte immerhin einen pompösen Beat und schicke Tänzer auf seiner Seite wissen. Ob das nun fetter Rap, oder doch nur dicke Hose war – wen kümmerte es? Spaß machte es allemal.

Die im Vorfeld als heiße Favoriten gehandelten "Polarkreis 18" zeigten mit "The Colour of Snow" zwar, wie man wild in weißen Anzügen zucken kann, konnten aber nicht an den Bombast ihres Chart-Hits "Allein, Allein" anknüpfen. Egal! Denn das Programm war erfreulich heterogen und vor allem: überraschend schräg und oftmals sehr witzig.

Der Hamburger Olli Schulz, der einst geschworen hatte, bevor er bei Raab auftreten würde, trinke er lieber sein Urin, nun: Er kam, trank nichts und sang dafür mit "Mach den Bibo" den Hit, der den Ballermann revolutionieren könnte. Und "Chapeau Claque" hatte immerhin eine charismatische Frontfrau aufzuweisen, auch wenn ihr Songtext zu "Pandora – Kiss Miss Tragedy" besser in der Büchse geblieben wäre.

Als letzter trat Peter Fox auf. Er trug Sonnenbrille und wirkte so souverän, als sei ihm der Sieg tatsächlich schnuppe. Er rockte lieber so, dass die Halle bebte und das Publikum aus dem Häuschen geriet. Der Song "Schwarz zu Blau" ist die Antihymne auf die Hauptstadt, die ironische Antwort auf "Dickes B." von Seeed. Nur besser.

Die Punkte wurden in Eurovision-Tradition von Moderatoren aus den Bundesländern vergeben. Und obgleich in der Regel die Band aus der Region siegt, ergatterte Peter Fox vielerorts nicht nur den zweiten Platz, sondern die Höchstpunktzahl. Mit 174 von 192 möglichen Punkten knackte er den Rekord, den Juli 2005 mit "Geile Zeit" aufgestellt hatten. Zweite wurden "Polarkreis 18" und dritte tatsächlich die Metall-Missverständnisse von "Rage". Aber das war an dieser Stelle auch schon egal. "War schön gewesen" reimt Peter Fox im Gewinnersong auf "Is'n schönes Leben". Wir könnten es nicht besser formulieren.