Morgenpost Online: Sie sind promovierter Physiker, haben in Finanz-, Presse-, Umwelt- und Personalabteilungen der Wirtschaft gearbeitet. Und sie schreiben historische Romane. Welche Berufsbezeichnung bevorzugen Sie?

Frank Stefan Becker: Offiziell bin ich Bildungs- und Hochschulexperte bei Siemens, also im Grunde Mädchen für alles. Das hat viel mit Personalmanagement, Unternehmensstrategie und neuen Techniken zu tun. Das hängt alles miteinander zusammen.

Morgenpost Online: Auch mit dem Untergang des Römischen Reiches?

Becker: Hoffentlich nicht! Die Antikenbegeisterung geht auf meine Jugend zurück. Ich bin im Südwesten aufgewachsen, habe früh antike Scherben gefunden und Münzen gesammelt. Da wurde Vergangenheit lebendig.

Morgenpost Online: Klingt schwärmerisch für einen Physiker.

Becker: Nun, später kam natürlich die Beobachtung hinzu, wie sehr die römische Welt unserer globalisierten gleicht: ähnliche Städte, Münzen, Rechtsprechung, Kultur. Es war eine Weltzivilisation, die blühte und unterging.

Morgenpost Online: Wie kam es, dass Sie sich eine Parallelexistenz als Schriftsteller aufbauten?

Becker: Das kann ich auf den Tag genau sagen. Am 24. August 2000 sah ich in einem Museum in Ladenburg bei Heidelberg römische Bronzeteile eines Tempelportals, die um 260 beim Fall des Limes unter seltsamen Bedingungen versteckt wurden. Da fing ich an, darüber nachzudenken, wie es dazu gekommen sein könnte. Im Jahr darauf besuchte ich in Iran das berühmte Relief von Naqsh-i Rustam, auf dem der gefangene Kaiser Valerian dem Sassaniden Shapur I. steht.

Morgenpost Online: Dazwischen liegen 5000 Kilometer.

Becker: Ja, aber gerade die Verbindung zwischen dem durchbrochenen Grenzwall und einem Kaiser, der mit seinem Heer in Gefangenschaft geht, faszinierte mich. Ich wollte schon immer fiktionale Texte schreiben, hatte aber keine Idee. Jetzt hatte ich sie.

Morgenpost Online: Soeben erschien ihr dritter Roman. Wie schaffen Sie das eigentlich neben ihren sonstigen Aufgaben?

Becker: Morgens, vor allem aber nach der Arbeit. Wenn meine Frau fernsieht, schreibe ich, das ist wie Erholung.

Morgenpost Online: Sie haben das nicht studiert? Wie erarbeiten Sie sich die Fakten?

Becker: Durch sorgfältige Recherche. Bei fernen Epochen ist das nicht ganz einfach. Hinter jedem Roman stehen viele Fachpublikationen. Ich brauche schon eine gewisse Zeit, bis ich drin bin, bis ich mir die Geschichte vorstellen kann.

Morgenpost Online: Waren Sie vor Ort?

Becker: Ich kann auf zahlreiche Reisen aufbauen, die ich früher gemacht habe. Türkei, Iran, Syrien, Nordafrika - da kenne ich mich ganz gut aus.

Morgenpost Online: Nach der Recherche, was kommt dann?

Becker: Ich überlege mir, was wirklich interessant war, etwa der Fall des Limes oder die Konstantinische Wende. Dazu suche ich Orte. Wichtig ist, dass heute noch etwas zu sehen ist. Über alles werfe ich ein Netz, mit dem ich gleichsam Ideen einfange. Dann treten zeittypische Personen hinzu, Soldaten, Christen, Sklaven. Und dann kommt der intellektuelle Akt, das zu einer Geschichte zu verknüpfen.

Morgenpost Online: Was ist wichtiger, Fantasie oder Recherche?

Becker: Recherche ist die Grundlage, Fantasie ist das Wichtige.

Morgenpost Online: Wie stabil muss die Grundlage sein?

Becker: Sehr. Ich muss mehr wissen, als ich schreibe. Andererseits: Ich kann Rosinenpickerei betreiben. Es steht mir frei, mich der einen Quelle zu bedienen oder der anderen.

Morgenpost Online: Die Sie immerhin kennen müssen.…

Becker: Natürlich. Nur die wissenschaftlichen Debatten darüber muss ich nicht führen.

Morgenpost Online: Als Autor historischer Romane stehen Sie ja in einer großen Tradition. Wer ist Ihr Vorbild?

Becker: James A. Michener und sein Roman „Die Quelle“ über die Geschichte Palästinas. Ich habe das Buch 1976 vor einer Israel-Reise gelesen und war zunächst skeptisch. Aber wie Michener es schafft, so unterschiedliche Positionen wie die der Kreuzfahrer, Juden oder Araber darzustellen, hat mich tief beeindruckt.

Morgenpost Online: Sie schreiben keine Serien, wie dies etwa John Maddox Roberts um seinen hochadeligen Ermittler oder Lindsay Davis um einen schnoddrigen Privatdetektiv tun.

Becker: Ich schreibe keine historischen Krimis, sondern Entwicklungen einer Epoche. Meine Figuren altern deutlich in meinen Geschichten. Das reicht für ein Buch, kaum mehr.

Morgenpost Online: Davis’ Held Falco macht auch eine Entwicklung durch.

Becker: Richtig. Aber seine Abenteuer beziehen ihre Spannung daraus, dass sie Topoi der Moderne in antikem Rahmen präsentieren. Ein Römer hätte beim Anblick einer verstümmelten Leiche kaum an die Indizien eines Serientäters, sondern vielmehr an das Wüten von Dämonen gedacht.

Morgenpost Online: Soviel Respekt gegenüber der Antike ist doch ziemlich neu. Felix Dahns klassisches Buch „Ein Kampf um Rom“ ist doch eher ein ferner Spiegel?

Becker: Das haben die neuen Krimis und der typische Professorenroman des 19. Jahrhunderts ja gemein. Bei Dahn werden die Goten zu vorbildlichen Helden stilisiert, in Robert Harris’ „Pompeji“ bereiten ökologischer Raubbau und korrupte Eliten der Katastrophe den Weg. Mir geht es darum, möglichst genau das historische Zeitkolorit zu treffen.

Morgenpost Online: Asterix und Obelix wollen das nicht.

Becker: Sie sind Protagonisten eines politischen Comics, die Gallier sind die Franzosen, die Römer die Amerikaner der Sechzigerjahre. Derartige Klischees möchte ich zurechtrücken. Und mir geht es darum, das allgemeingültige von Konflikten herauszustellen.

Morgenpost Online: Tummeln Sie sich deswegen in der Spätantike?

Becker: Ja, zum einen ist die Zeit noch nicht so beackert ist wie etwa die Caesars oder Neros. Und es ist eine Umbruchszeit, in der das Imperium, das für die Ewigkeit gedacht war, unter dem Ansturm der Barbaren ins Wanken gerät.

Morgenpost Online: Kann man mit historischen Romanen reich werden?

Becker: Das ist schwierig. Wenn Sie, wie Sabine Ebert mit ihren Mittelalter-Romanen, über eine Million verkaufen, mag das gehen. Die typischen Auflagen eines Hardcovers aber liegen bei mehreren Tausend. Man muss Spaß daran haben.

Morgenpost Online: Sie waren mehrere Jahre Sprecher des Autorenkreises Quo Vadis. Zeigt nicht allein die Gründung eines solchen Netzwerkes, dass historische Romane im Trend liegen?

Becker: Ja, Quo Vadis gibt es seit 2002. Wir haben bereits mehr als 100 Mitglieder, Tendenz steigend.

Morgenpost Online: Von Zabern, der bekannteste Archäologie-Verlag in Deutschland, gibt mittlerweile auch Romane heraus.

Becker: Das ist das Neue: Der historische Roman wird hoffähig.

Morgenpost Online: Verhält sich sein Erfolg nicht manchmal umgekehrt proportional zur Kritikergunst?

Becker: Es ist wie einst beim Krimi. Lange wurde er nicht ernst genommen. Hinzu kommt, dass man, um einen historischen Roman beurteilen zu können, Geschichtskenntnisse haben muss, und zwar ziemlich gute.

Morgenpost Online: Wie setzen Sie die Ihren ein?

Becker: Um Vergangenes mit Leben zu erfüllen. Immer mehr Menschen wollen wissen, wie es früher war. Und sie wollen es substanzieller wissen. Die Mediengesellschaft hat das erkannt und eine Fülle von neuen Zugängen eröffnet, denken Sie nur an Großprojekte wie die Konstantin-Ausstellung in Trier 2007 oder die laufenden Ausstellungen zur Varus-Schlacht. Es geht darum, die Menschen zu faszinieren. Das gelingt über die Fakten, aber vor allem über die Schicksale. 20.000 Gefallene sind nur eine Zahl. Aber wenn ich die Leiden eines Opfers plastisch machen kann, schaffe ich emotionale Bindung.

Morgenpost Online: Sie sind bei Siemens für Bildungsfragen zuständig. Bringen die Kollegen das nötige Vorwissen mit, Ihre Romane zu verstehen.

Becker: Viele schon, obwohl ich es meist mit Absolventen technischer Disziplinen zu tun habe. Die Mehrheit meiner Leser aber sind Frauen.

Morgenpost Online: Frauen?

Becker: Zwei Drittel der Käufer historischer Romane sind weiblich, sagen zumindest die Verlage. Und Lesungen bestätigen das. Frauen sind sehr an Geschichte interessiert, an vergangenen Epochen.

Morgenpost Online: Spielt dabei auch Religion eine Rolle?

Becker: In meinem ersten Buch kaum. In „Sie kamen bis Konstantinopel“ geht es allerdings um das Ringen zwischen christlicher und muslimischer Welt, verkörpert im Schicksal meiner Helden.

Morgenpost Online: Um welchen Krieg geht es da?

Becker: Um die erste Belagerung Konstantinopels durch die Araber 674-78, im Grunde ein früher Vorläufer der Kreuzzüge. Und es ist die erste Schlacht der Geschichte, die eine chemische Waffe entschied: das Griechische Feuer.

Morgenpost Online: Wäre Byzanz damals gefallen, wären wir heute alle Muslime.

Becker: Wahrscheinlich. Anders als bei dem Zug gegen das Frankenreich 732 hat das Kalifat damals seine ganze Macht aufgeboten, um eine Entscheidung zu erzwingen.

Morgenpost Online: Dafür wurden die letzten Zedern des Libanon gefällt.

Becker: Es gibt Studien, dass das Holz der arabischen Schiffe derart schlecht gelagert war, dass mehr Schiffe wegen Konstruktionsmängel sanken als dass sie Opfer des Griechischen Feuers wurden.

Morgenpost Online: Erstaunlich, dass derart martialische Geschichten von Frauen gelesen werden.

Becker: Frauen wollen keine Brutalität. Aber sie wollen auch Spannung. Und sie wollen außergewöhnliche Helden, die Leiden erfahren und – am Ende – womöglich geläutert werden.

Morgenpost Online: Sie tragen als Manager auch gesellschaftliche Verantwortung. Welche Lehren ziehen Sie aus der Geschichte für unsere Gegenwart?

Becker: In der Spätantike haben wir einen Staat, der seinen stetig wachsenden Aufgaben nicht mehr gerecht werden kann. Das gilt auch für uns. Eines ist aber völlig anders: unsere Wissensdynamik. Schon das späte Rom kannte Schaufelradschiffe, Kugellager, Dampfkraft. Aber das blieb isoliertes Wissen ohne Folgen. Wir haben da bessere Chancen, unsere Probleme zu meistern.

Morgenpost Online: Sind Sie am Ende nicht auch ein Aufklärer?

Becker: Vielleicht wäre ich das gern. Denn das Römische Reich ist nicht an den paar Germanen zugrunde gegangen. Bei einem Reich von 70 Millionen sind 70.000 Eindringlinge nicht der Tod. Aber wenn der Bürgersinn verloren geht, ist selbst eine Weltzivilisation am Ende.

Morgenpost Online: Zum Abschluss noch ein kleines Spiel. Was fällt Ihnen zu folgenden Namen ein: Diokletian?

Becker: Der größte Bürokrat der Geschichte.

Morgenpost Online: Konstantin?

Becker: Ein schlauer Machtpolitiker und vielleicht ein Christ.

Morgenpost Online: Julian Apostata?

Becker: Die faszinierendste Figur des 4. Jahrhunderts, die leider zu früh gestorben ist.

Morgenpost Online: Theodora?

Becker: Zu ihr möchte ich ihren Mann Justinian zitieren: „Es kommt nicht darauf an, wo man einen Edelstein findet, sondern dass man ihn erkennt.“