Im Blickfeld der Sicherheitsleute von der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) hechtet der Fotograf Uwe Kempen mit seinem Model durch den U-Bahnhof "Alexanderplatz". Er kennt die Spielregeln und weiß, dass es höchstens zehn Minuten dauern wird, bis Wachleute das Shooting unterbrechen werden. Guerilla-Shooting nennt er diese Arbeit - schießen und weg. Das macht - unter anderem - die Spannung seiner Arbeit aus, die sich dann auch in den Werken wieder finden lässt. Normalerweise sind die Models des Aktkünstlers im Evaskostüm. Da kommen die Sicherheitskräfte noch schneller.

Für seine neuste Serie "Second Skin" arbeitet Uwe Kempen, der schon mehrere Bestseller-Fotobücher publiziert hat ("Voyeur", "Intim" und "No face"), jedoch mit einem Ganzkörperanzug, der sich eng, wie eine "zweite Haut" eben, an den Körper anschmiegt.

In einem Bildband, seinem vierten Buch ("Second Skin"), hat er die Schwarzweißbilder der Serie zusammengefasst. Wohin das Auge nicht schauen kann, entsteht Platz für Fantasie. Der Anzug verhüllt den Frauenkörper und erzeugt eine respektvolle Distanz. Die sich abzeichnenden Formen bleiben dabei bestechend kraftvoll. Das gilt genau so für die Fortsetzung der Serie in Farbe.

Wie Balletttänzerinnen verdrehen sie sich in akrobatische Posen zwischen den durchfahrenden U-Bahnen und bilden einen ästhetischen Kontrast. Bei der Weiterentwicklung von "Second Skin" an öffentlichen Plätzen verdeutlicht Uwe Kempen die Verbindung von baulicher und körperlicher Architektur. Es scheint, als würden die Bögen und Schwünge der U-Bahn Schächte in die Körper übergehen.

Ein Aktfotograf zieht Frauen an

Einen Körper zu verpacken ist ungewöhnlich für einen Akt-Fotografen, doch es passt zu dem Weg, den Uwe Kempen im Laufe seines Schaffens eingeschlagen hat. In seinem ersten Bildband "Voyeur" drang er noch wie ein Spion in die weibliche Intimität ein und erzählte von Verlangen und Lust, die in der weiblichen Seele stecken. In seinem späteren Werk "No Face" (2002) distanzierte er sich von diesem zwischenmenschlichen Zugang, indem er die Gesichter der Frauen nicht mehr zeigte. Er fokussierte ausschließlich den Körper und Detailaufnahmen davon. Das ist keine Reduktion des Menschenbildes, sondern eine Anonymisierung, eine Ent-Individualisierung, die so auf das Typische, das Allgemeine abzielt. Und in aller Deutlichkeit arbeitete Uwe Kempen hierbei die Schönheit des Verborgenen heraus.

Oft sind seine Shootings in der Öffentlichkeit nicht frei von eigenartigen Begebenheiten. Einmal, am Großen Stern, stand das Modell so wie Gott sie schuf an einer Laterne. Ein Stadtrundfahrtsbus mit vorwiegend männlichen asiatischen Gästen musste verkehrsbedingt gerade da anhalten. Da machte es -zigfach "Klick" im Bus und es hat den Touristen den Tag gerettet.

Ein anderes Mal, an der Straße des 17. Juni, arbeitete er auf dem Mittelstreifen, einen Stau verursachend. Die Polizei eilte herbei - und hielt die Autofahrer an, zügig weiterzufahren: "Lassen Sie den Mann arbeiten!" Dann setzten sie sich unweit hin, um ihre Butterbemmen zu verzehren. Aktfotos unter Polizeischutz - Berlin, du bist 'ne Wolke!

Das andere Schönheitsmodell

Jetzt, durch den Anzug bei "Second Skin", schafft Uwe Kempen eine neue Projektionsebene, in dem er das Natürliche umwidmet. Wie Wesen von einem anderen Stern entspringen die Modelle in der s/w-Serie, gleich, ob einzeln oder zu zweit agierend, einem schwarzen Hintergrund, vor dem sie sich in ihrer Schönheit winden und strecken. Die Posen erzählen von Scheu und Mut, Kraft und Zärtlichkeit. Und dem Drang nach Befreiung, nach dem anderen Ich, das tief in jedem steckt und öfter einmal anklopft, um herausgelassen zu werden.

"Es hat in der Aktfotografie alles schon gegeben" findet Uwe Kempen. "Es kommt heute nur noch auf die Schönheitsideale an." Und davon gibt es, dem Medien-Image zum Trotze, doch viele. Profi-Models sind nicht in allem das Leitbild.

Bereits als junger Fotograf wurde Uwe Kempen zweimal mit dem Foto-Jugend Sonderpreis der Fotografiemesse "Photokina" ausgezeichnet. Vor seiner künstlerischen Laufbahn arbeitete Uwe Kempen unter anderem als Auslandsfotograf für unterschiedliche Magazine. Auch in Krisengebieten. Das Elend der Welt, das ihm begegnete, war auch ein Grund, sich ganz der Schönheit des weiblichen Körpers zu widmen.

Von 1995 an verschrieb er sich voll und ganz der Kunst und kam nach Berlin. Noch im selben Jahr wurden seine Fotografien in der Waco Gallery des Multimediakünstler Loop Dundee gezeigt. Es folgten Ausstellungen im Erotischen Museum Berlin, außerdem im Erotik Art Museum in Hamburg und Berlin (Beate Uhse) oder der Boutique Bizzare in Hamburg, einem Hybrid aus Veranstaltungsort, Galerie und erotischem Kaufladen. Im Jahr 2001 wurde Uwe Kempen für sein künstlerisches Schaffen mit dem Venus Award ausgezeichnet.

Auch außerhalb des erotischen Sektors fanden seine Werke den Weg zum Publikum. So wie in der Galerie Krammig & Pepper Contemporary oder 2007 in der Kunsthalle Dresden.

Trotz all der Erfolge, die Behauptung auf dem Markt bleibt schwierig. "Es ist ein harter Konkurrenzkampf" beschreibt er die Stimmung in der Fotografie-Szene. Die Anzahl der Galerien, die sich für erotische Fotografie interessieren, sei begrenzt.

Er schwört auf die analoge Fotografie

Uwe Kempen ist ein Anhänger der analogen Fotografie. Noch heute steht er der digitalen Bearbeitung tendenziell skeptisch gegenüber. Erst vor einem Jahr beugte er sich der Entwicklung, der normativen Kraft des Faktischen und sattelte auf digitale Fotografie um. Doch die Analog-Ethik blieb. So besteht er heute noch darauf, seine Bilder keiner Nachbearbeitung zu unterziehen. Er entscheidet sich höchstens für die Umwandlung Von Farbe ins Schwarz-Weiß-Format. Mehr will Uwe Kempen nicht an seinen digitalen Fotos verändern, als verletze eine Bearbeitung die Seele des Bildes.

Und das, obwohl Uwe Kempen ja eben nicht mit professionellen Fotomodellen arbeitet. Er hat es viel lieber, die "echte" Frau zu fotografieren, die, die einem auf der Straße, im Büro oder in der Arztpraxis begegnet, die sich selbst einbringt. "Das ist die Spannung, die meine Fotografien ausmacht. Ich blende nicht mit Fabrikaten, sondern zeige die Erotik, die in jedem Menschen zu finden ist."

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Uwe Kempen: Second Skin, 106 S. in s/w, epubli 2008, ISBN 978-3-941071-66-7, 49,90 Euro.