Neubau

So könnte Berlins Innenstadt bald aussehen

Der Krieg zerstörte eines der am dichtesten bebauten Viertel der Innenstadt. Die DDR räumte die Reste ab und schuf eine große Freifläche. Der ehemalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann plädiert für eine Neubebauung mit Wohn- und Geschäftshäusern. Bauverwaltung und Linke wollen davon nichts wissen.

Stadtplaner können sich die größte Mühe geben, populäre Plätze zu planen - ob sie funktionieren, darüber entscheiden allein die Menschen. In der Mitte der deutschen Hauptstadt sind deren Vorlieben seit Jahren klar zu erkennen: Wenn Berliner und Besucher hier einen Ort zum Entspannen suchen, um sich auf den Rasen zu legen und das Treiben der Stadt an sich vorbeiziehen zu lassen, landen die meisten im Lustgarten, der gerahmt wird vom Berliner Dom, dem Alten Museum, dem Zeughaus und - künftig jedenfalls - dem Schloss.

Dabei gibt es ein paar hundert Meter weiter noch eine Erholungsfläche, viel größer und grüner, mit Schatten spendenden Bäumen und vielen Bänken, angelegt von DDR-Planern rings um das Marx-Engels-Denkmal. Doch hier trifft man an sonnigen Wochenenden nur vergleichsweise wenige Menschen. Im Herbst und Winter wie auch abends ist der Ort so gut wie leer.

Gerahmt wird er von überdimensionierten Plattenbauten aus den Sechzigerjahren und den gespreizten Betonzacken am Fuße des Fernsehturms. Es ist eine Anmutung, wie man sie von Möchtegern-Hauptstädten in der asiatischen Steppe kennt. Für das historische Zentrum einer Hauptstadt der Kultur und der Künste wie Berlin ist diese undefinierte Freifläche eine anachronistische Peinlichkeit.

Die wenigsten Berliner wissen, dass hier vor dem Krieg eines der am dichtesten bebauten Viertel der Innenstadt lag, bevor es durch Kriegszerstörung und Abriss aus dem Stadtbild verschwand. Die Marienkirche steht heute beziehungslos an einem Ort, für den sich nicht einmal ein Name eingebürgert hat. Seit dem Fall der Mauer gab es immer wieder Versuche, über eine Wiederbebauung der Brache nachzudenken. Doch selbst die 1991 vom damaligen Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer gegründete Planungsrunde des "Stadtforums" beschäftigte sich erst Jahre später mit der einstigen Altstadt von Berlin.

Schon damals bestand zwar Einigkeit, dass dieses Viertel mit Rathaus, Markt und Kirche ein Ort der Stadtbürger und nicht des Staates sein müsse. Was die künftige Gestaltung betraf, gingen die Meinungen aber weit auseinander. Schon damals bildeten sich die Fronten, die weitgehend noch heute bestehen: Während vor allem Anwohner und Bezirkspolitiker aus dem ehemaligen Ostteil der Stadt die Leere als wunderbare Erholungsfläche priesen, beklagten die meisten Beobachter aus dem Westteil und auch die ausländischen Gäste die Unwirtlichkeit des Ortes.

Auch das 1999 vom Senat beschlossene "Planwerk Innenstadt" zur Verdichtung des Zentrums, das der damalige Staatssekretär für Stadtentwicklung Hans Stimmann erarbeitet hatte, musste das Gebiet wegen der widerstreitenden Interessen weitgehend ausklammern.

Auf den Tag genau zehn Jahre danach legt der ehemalige Senatsbaudirektor jetzt ein prächtig illustriertes Buch vor, in dem er dafür wirbt, die Altstadt Berlins als Ort der Bürger wieder zu entdecken, durch moderne Geschäfts- und Wohnbauten auf den historischen Parzellen wieder zu bebauen und mit urbanem Leben zu füllen. Im Schlusskapitel präsentiert der Berliner Architekt Bernd Albers einen Vorschlag, der als bisher detailliertester Bebauungsplan für das Areal gelten darf. Damit wird eine Entwicklung aus den letzten Jahren der Stimmann-Ära fortgeschrieben.

Der SPD-Baupolitiker hatte früh erkannt, dass eine bankrotte Stadt mit einem so hohen Anteil von Transferempfängern dafür sorgen muss, dass bürgerliche Schichten in der Innenstadt Eigentum erwerben und bauen, dass sie hier Wurzeln schlagen und aktiv an der Entwicklung des Gemeinwesens teilnehmen.

Auf den ersten Blick handelt es sich bei der Publikation zwar nur um einen weiteren Beitrag in der Berliner Architekturdebatte. Brisanz erwächst ihm aber aus der Tatsache, dass der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und sein Kulturstaatssekretär André Schmitz schon im Vorfeld für eine Wiederbebauung der einstigen Altstadt plädiert hatten. Damit stellten sie sich gegen die Bausenatorin und ihre Senatsbaudirektorin, die zusammen mit der Linken an der heutigen Grünfläche festhalten.

Stimmanns Buch liefert auf die sinnlichste Art und Weise Anschauungsmaterial, um in Gedanken schon einmal durch die wiederhergestellten Quartiere der Berliner Altstadt zu flanieren. Wer bisher dachte, das rekonstruierte Schloss werde der Schlussstein der vereinten Hauptstadt, wird nun erkennen: Zum Abschluss wäre der Wiederaufbau Berlins erst gekommen, wenn auch zwischen Humboldtforum und Alexanderplatz wieder städtisches Leben blüht.

Hans Stimmanns Buch "Berliner Altstadt. Von der DDR-Staatsmitte zur Stadtmitte" ist in ausgewählten Berliner Buchhandlungen erhältlich und erscheint Anfang Juli bundesweit (DOM Publishers, Berlin, 192 S., über 150 Abb., 38 Euro)