Lasagnen-Liebhaber

Alf - der Außerirdische, der Popkultur wurde

Erst seit die Simpsons kamen, ist im Zusammenhang mit einer Fernsehserie von Popkultur die Rede. Dabei gab es schon vor zwanzig Jahren einen behaarten Außerirdischen, der dieses Prädikat auch verdient gehabt hätte.

Foto: rh / warner

Bart sagt „Ay Caramba“ und Homer „D’Oh“. In den Achtzigern ahnte noch niemand etwas von den gelbgesichtigen Zeichentrickfiguren, da prangte noch der Spruch „Null Problemo“ auf T-Shirts, Stickern und Frühstücksboxen von Grundschülern. Ausgesprochen wurde er von Alf, von dem wohl jeder weiß, dass er eigentlich Gordon Shumway heißt. Oder zumindest, dass er vom Planeten Melmac kommt. (Wer das nicht weiß, muss sich morgen mit Fleisch und Sonnenbrille bekleiden, um Barry zu besänftigen.)

Nichts gegen die Simpsons, aber der haarige Außerirdische war genauso unverwechselbar wie die Comicfamilie, genauso frech und genauso moralisch. Er brauchte weniger Folgen, um das Publikum zu erobern und er wusste – bei allem Respekt – wann es Zeit war, aufzuhören. Die Simpsons sind ein Produkt der Neunziger, Alf eins der Achtziger. Und seit einigen Jahren gelten die Springfielder als wichtige Vertreter der Popkultur. Alf hätte die Bezeichnung genauso gut verdient, doch sprach man in den Achtzigern (glücklicherweise) noch eher über Popcorn, Popeye oder Popmusik als über Popkultur.

Die Tanners sind personifizierte Biedermänner

Alf bricht mit seinem Raumschiff in die spießige Welt des Sozialarbeiters Willie Tanner ein und stellt sich als amerikanischer heraus, als die Amerikaner selbst. Er spricht seltsamerweise keine außerirdische Sprache, sein Heimatplanet scheint mit seiner infantilen Kultur ein interstellares Disneyland zu sein. Die Wohnung der Tanners ist dagegen der denkbar langweiligste Platz, sauber, weiß und ordentlich. Frei von jedem Trash. Mutter Kate hat Kunst studiert, Tochter Lynn führt beim Schönheitswettbewerb einen Holzschuhtanz auf und sorgt so dafür, dass sie niemals der feuchte Traum eines Zuschauers werden kann. Der jüngere Sohn Brian ist so brav, dass man sich wundert, warum er in der Schule nicht verkloppt wird. Willie ist der personifizierte Biedermann. Dumm für Alf, dass er nicht wenige Meter weiter abgestürzt ist, im Haus der Ochmoneks nämlich. Die Nachbarn der Tanners sind Alf viel ähnlicher und verkörpern den amerikanischen White-Trash.

Doch so ist er bei den Tanners gefangen, und die verzweifeln an der plötzlichen Überdosis Anarchie, die ihren Haushalt über en Haufen wirft. Alfs Schicksal ist, dass er auf wenigen Quadratmetern eingesperrt ist und von den Tanners wie ein Kind behandelt wird, obwohl er ja eigentlich erwachsen – ja, sogar älter als Willie – ist. Wie Homer Simpson verbringt Alf den Großteil seiner Serie auf der Wohnzimmercouch. Einerseits, weil er eine Puppe ist, die zwar sprechen aber nicht laufen kann. Eigentlich aber, weil das Fernsehen Alfs einziges Kommunikationsmittel zur Außenwelt ist. Er kennt jede Show und jede Serie und lernt die Menschheit über das Fernsehprogramm kennen. So kann er eigentlich nur zu dem Schluss kommen, dass die Menschen sich im Großen und Ganzen nicht von den Einwohnern des Melmac unterscheiden, auch wenn er in seinem Mikrokosmos das Gegenteil erlebt.

Alf wird immer wichtiger für seine Mitbewohner

Noch eins hat Alf mit Homer Simpson gemeinsam: Ständig fallen ihm verrückte Pläne ein, die er unbedingt in die Realität umsetzen muss. Doch während Homer stets aus Dummheit handelt, sind Alfs extreme Hobbys (er war Zauberer, Filmregisseur, Soap-Autor, Kammerjäger, Priester, Partyplaner, Ameisenzüchter, Anwalt und vieles mehr) ein Schrei nach Aufmerksamkeit. Oft auch ein Mittel, um die Spießigkeit der Tanners, mit der sie sich zuweilen selbst im Weg stehen, zu zerschlagen. Denn während Alf am Anfang der Serie noch von seinen menschlichen Mitbewohnern unterschätzt wird, wird er von Folge zu Folge immer wichtiger für sie. So gibt er Lynn Selbstbewusstsein, Brian Reife, Willie Durchsetzungskraft und Kate Humor.

Im Moment läuft Alf nicht im deutschen Fernsehen, doch wenn der Zuschauer bald Wiederholungen der Cosby-Show satt hat, wird er wohl wieder von Kabel Eins aus der Mottenkiste geholt werden. Und wir werden jede Folge anschauen, obwohl wir sie schon hundertfach gesehen haben und mitsprechen können. Wie bei der gelben Familie. Und wie nennt man so ein Phänomen? Fängt mit Pop an und hört mit Kultur auf.