Im Normalfall jammern Dramatiker oft, ihre neuen Stücke würden von ahnungslosen Regisseuren schon bei der Uraufführung so verhunzt, dass der Autor seine eigene Schöpfung nicht wieder erkennt.

Diese Gefahr besteht bei Roland Schimmelpfennig und Jürgen Gosch nicht. Der alte Ossi und der nicht mehr ganz so junge Wessi haben sich zwar nicht gesucht aber gefunden. Gosch hat fast alle Stücke von Schimmelpfennig sehr zu dessen Zufriedenheit inszeniert, früher meist am Hamburger Schauspielhaus und zuletzt in Berlin.

Schaupielers Alptraum: ein Toastbrot spielen

Doch die Beziehung der zwei scheint mittlerweile ein bisschen zu innig geworden zu sein. Im Deutschen Theater Berlin demonstrierte Gosch jetzt unfreiwillig, wie man ein Stück auch vernichten kann, indem man ihm zuviel zutraut. "Das Reich der Tiere" ist eigentlich eine kleine tieftraurige Parabel, die zwar vorgeblich im Theater spielt, aber eigentlich von der Abwärtsspirale im Kapitalismus erzählt. Es ist der zweite Teil von Schimmelpfennigs "Trilogie der Tiere", deren erster in Bochum gezeigt wurde.

Die Handlung: Fünf Schauspieler spielen seit sechs Jahren das immer gleiche Stück, eine Tierfabel, für die sie sich allabendlich als Zebras, Löwen, Antilopen usw. verkleiden müssen. Alle sind unsagbar angeödet von ihrem Job und ihre menschlichen Körper lösen sich langsam auf, verschwinden in den Kostümen.

Aber nur einer wagt die Flucht und startet eine bescheidene Karriere als Werbefilmdarsteller in New York. Die anderen müssen feststellen, dass es immer noch schlimmer kommen kann: Statt Tieren spielen sie im nächsten Stück eine Pfeffermühle, ein Toastbrot, ein Spiegelei und eine Ketchupflasche.

Alle nackt - außer der Antilope

Gosch greift dafür auf seine mittlerweile wohlbekannte Methode zurück (man könnte auch "Masche" dazu sagen, wenn das Wort Masche nicht nach Bekleidung klingen würde): Die Schauspieler kommen auf die Bühne, ziehen sich nackt aus und kostümieren sich dann in einer Weise, die an die fantasievoll unschuldige Magie von Kinderspielen erinnert.

Das Zebra (Falk Rockstroh) schmiert sich mit schwarzer Farbe ein und malt sich weiße Streifen auf. Ähnlich verfahren die Ginsterkatze (Kathrin Wehlisch, schwarze Punke auf Gelb) und der Löwe (Ernst Stötzner, Sand auf Braun, dazu eine eitle Langmähnenperücke).

Der Marabu (Wolfgang Michael, vom Wiener Burgtheater nach Berlin heimgekehrt) kippt Tapetenkleister über sich und verziert sich dann mit Federn. Nur die Antilope (Dörte Lyssewski) muss bloß eine Kopfmaske mit Hörnern zum Kleidchen tragen. Vielleicht hat Frau Lyssewski ein Attest gebracht, dass ihre Haut zu empfindlich ist.

Federn aufs Rückgrat gekleistert


Ich gehöre auch zu denen, die manchmal im Theater sitzen und denken: "Ich kann keine Pimmel mehr sehen!" Aber es gibt Regisseure, bei denen Nacktheit ein so überzeugendes Mittel zum künstlerischen Zweck ist, dass man nach kurzer Zeit die entblößte Haut gar nicht mehr als solche wahrnimmt. So einer war Einar Schleef, und so einer ist Jürgen Gosch.

Bei ihm trägt der nackte Schauspieler nur einfach das denkbar neutralste Kostüm, in dem er sich mit wenigen Requisiten sofort in irgendetwas völlig anderes verwandeln kann - mit Blättern in einen Baum, mit einem Apfel im Mund in einen fetten Braten usw.

Auch "Das Reich der Tiere" glänzt mit solchen Zaubertricks. So fragt jeder Zuschauer sich: Wie werden das Zebra oder der Marabu sich die unerreichbaren Stellen auf dem Rücken einschmieren? Der eine klebt dafür ein Stück schwarze Knete an die Wand, an dem er sich wie ein Tier scheuert. Der andere klatscht sich ein kleistergetränktes Handtuch aufs Rückgrat. Später verwandelt er sich auch noch blitzschnell in ein Krokodil, indem er - bäuchlings auf einem Rollbrett robbend - im Vorbeifahren mit grüner Farbe übergossen wird.

Das Stück ist schlicht zu lang

Der doppelbödige Trick besteht darin, dass die echten Schauspieler mit großer Lust die Lustlosigkeit der Schauspieler im Stück darstellen. Sie tun alles ängstlich, neidisch, abgestumpft und röchelnd von allzu vielen Frustzigaretten. Das ist sehr häufig sehr witzig, sehr verblüffend und paradoxerweise berührt die Darstellerriege trotz aller Tierkostüme mit ihrer zerbrechlichen Menschlichkeit.

Aber gerade, weil sie so toll sind kann sich Regisseur Gosch von keiner ihrer Ideen trennen (von seinen schon gar nicht). Er überdehnt das Stück mutwillig auf drei Stunden Länge. Davon ist zwar fast jede Minute mit Fantasie gefüllt. Aber Schimmelpfennigs kleines Stück hat gar nicht genug Masse und Substanz, um einen dermaßen langen Abend zu tragen. Und so bricht es wie ein morsches Skelett unter dem gewaltigen spielerischen Aufwand schier zusammen. Kein Desaster. Aber eine mit zuviel Liebe versalzene Suppe.