In der Tat machen sich in bestimmten Zonen des ägäischen Raumes seit dem 8./7. Jahrhundert v. Chr. dynamische und radikale Veränderungsprozesse bemerkbar. Die Alphabetschrift wird übernommen, was einer kulturhistorischen Revolution gleichkommt. Die Polis entsteht ebenso wie in der Folge die Großplastik und der monumentale Tempelbau.
Mit der „Ilias“ und wenig später der „Odyssee“ werden Formen des Großepos geschaffen, die eigenständige kulturelle Entwicklungen begründen. Betrachtet man diese revolutionären Veränderungen genauer, stellt man fest, dass sie just in jenen Gegenden stattfinden, in denen vielfältige Austauschbeziehungen mit den orientalischen Welten nachgewiesen werden können.
Lauter zeitgenössische Motive, 3000 Jahre alt
Dort finden sich auch die Vorbilder für die angesprochenen Veränderungen. Die altorientalischen Kulturen sind zu diesem Zeitpunkt seit Jahrtausenden gewachsene Stadtkulturen. Das Epos als Großform der Dichtung ist seit Jahrhunderten bekannt, ebenso wie monumentale Architektur und Plastik.
Doch es sind nicht nur die „Formen“, die einen großen Einfluss ausgeübt haben, sondern auch die „Inhalte“. Gerade dies konnte die moderne Forschung an einer Fülle von Beispielen in den letzten Jahren aufzeigen. Die „Ilias“ ist wie auch die „Odyssee“ voll von Motiven, die sich in den zeitgenössischen Literaturen Vorderasiens wiederfinden.
Das Gilgamesch-Epos ist dafür ein Paradebeispiel. Das enge Verhältnis zwischen Gilgamesch und Enkidu ist in vielem Vorbild für die Beziehung zwischen Achill und Patroklos. In beiden Fällen bedeutet der Tod des Freundes ein für den weiteren Handlungsfortgang einschneidendes Erlebnis, und in beiden Fällen erscheint dem Helden die „Seele“ des toten Freundes aus der Unterwelt.
Söldner und Soldaten wandern
Dieses zentrale Motiv wird im Gilgamesch-Epos in einer eigenen „Abschlusstafel“ erzählt, die an das bereits bestehende Epos angehängt wird. Erst dadurch entsteht das „klassische“ Zwölftafel-Epos, und es entsteht in dieser Form, wie wir heute wissen, erst um 700 v. Chr., also genau in jener Zeit, in die auch die Geburt der „Ilias“ gehört.
Doch es ist nicht nur die große Breite an kulturellen Mustern, die in dieser Zeit von „Ost“ nach „West“ wandern, die erstaunt, sondern es sind die Beziehungsmuster selbst, die das Interesse der Forschung finden. Diese Beziehungen sind vielfältig, und sie haben sich auf den unterschiedlichsten Ebenen abgespielt. Handelsbeziehungen und Seeraub gehen dabei Hand in Hand. Sukzessive beginnen sich Griechen auch als Söldner in den Heeren der altorientalischen Großreiche zu verdingen. Dabei spielt das assyrische Imperium eine ganz besondere Rolle.
Seit der Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. berichten altorientalische Quellen vom Auftauchen griechischer Piraten vor der levantinischen und kilikischen Küste, die für Unruhe sorgen. Doch sind diese griechisch sprechenden Gruppen nicht nur an den Rändern des Imperiums tätig. Sie lassen sich inzwischen auch in den Zentren des neuassyrischen Reiches nachweisen, wo wir von einem intensiven interkulturellen Kontakt ausgehen dürfen.
Mythische Stoffe wurden dabei ebenso aufgegriffen wie diverse Kulturtechniken. Diese Kontaktzonen reichten aber auch weit in den Mittelmeerraum hinein. Levantinische Händler, die die Griechen als „Phönizier“ bezeichnen, hatten bereits im 10. Jahrhundert Südspanien erreicht, was neue radiokarbondatierte Untersuchungen beweisen. Diese Pioniere des Mittelmeerhandels besorgten Rohstoffe für einen ständig wachsenden Markt in Vorderasien. Es dauerte nicht lange und einzelne griechische Gemeinden beteiligten sich an diesen lukrativen Geschäften, die ein „globalisierter“ Markt versprach.
Kilikien, Achaier und Danaer
Von den vielen Kontaktzonen, auf die die Wissenschaft in den letzten Jahren aufmerksam gemacht hat, scheint der kilikisch-nordsyrische Raum – neben Zypern – eine besondere Rolle gespielt zu haben. Beide Räume gehörten zum neuassyrischen Imperium, das auch eine Suprematie über Teile Zyperns ausgeübt hat. Hier entfaltete sich ein besonders reger interkultureller Austausch zwischen Ost und West.
Dies ist auch eine jener wenigen Zonen, in denen wir mit Sicherheit jene historisch-kulturelle Kontinuitäten nachweisen können, die von der Bronze- in die Eisenzeit reichen. Auf dieser Schiene scheinen zahlreiche Stoffe vermittelt worden zu sein, die wir bis dato nur in hethitischen Quellen des 2. Jahrtausends nachweisen können, die aber ohne Zweifel als Vorbild für einzelne Werke der griechischen Dichtung der homerischen und nachhomerischen Zeit gedient haben.
Die große Bedeutung, die Kilikien in diesem Zusammenhang zukommt, zeigte unlängst ein spektakulärer Neufund. Es handelt sich dabei um die Inschrift aus Çineköy, eine hieroglyphenluwisch-phönizische Bilingue, die in die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr. zu datieren ist. Hauptprotagonist ist der König Warikas/Urikki, der sich als treuer Vasall des assyrischen Königs präsentiert.
Das Produkt jener internationalisierten Welt
Von besonderem Interesse sind die Bezeichnungen, die er jeweils für sein Land bzw. für seine Untertanen wählt. Sie entsprechen den beiden in der „Ilias“ gewählten Namen für die „Griechen“, „Achaioí“ und „Danaoí“. Wie der homerische Dichter zu diesen Begriffen kam, ist nicht ganz klar, doch dass hier Verbindungen bestehen, steht außer Zweifel.
Die Kontakte nach Westen liefen in erster Linie über das Meer, wobei die Küstenschifffahrt entlang der anatolischen Küste das entscheidende Bindeglied zwischen Ost und West darstellte. Neben griechischen Schiffen spielten dabei die levantinischen eine wichtige Rolle.
All dies spielte sich in jenen Zeithorizonten ab, in denen die „Ilias“ entstand. Sie ist in griechischer Sprache verfasst, doch sie ist das Produkt jener internationalisierten Welt, wie sie für das 8./7. Jahrhundert charakteristisch ist. Sie wurde geschaffen, lange bevor es die Vorstellung von „Europa“ und „Asien“ als distinktive Welten gab. Sie ist Zeugnis eines intensiven Kulturaustausches, bei dem „Ost“ und „West“ auf mannigfache Art miteinander verknotet waren.
Lesen Sie den ersten Teil: Der Streit um Homer und Troia entschlüsselt
Lesen Sie hier Teil 2: Homer und seine Griechen




