Academy Awards

Berliner Regisseur Freydank erhält einen Oscar

Der große Abräumer der diesjährigen Oscar-Verleihung war "Slumdog Millionaire" mit acht gewonnen Oscars. Doch mit dem Berliner Regisseur Jochen Alexander Freydank konnte auch ein Deutscher eine Trophäe mitnehmen. Die Filmstudios Babelsberg freuten sich über den Erfolg von Kate Winslet in "Der Vorleser" und bekamen einen geheimen Gruß vom Star.

Die Oscar-Nominierung war schon mehr, als sich Jochen Alexander Freydank je erträumt hatte. Der in Ostdeutschland aufgewachsene Berliner Regisseur meinte in seiner Dankesrede, für ihn sei „schon Westdeutschland weit weg gewesen – und Hollywood ganz weit“. Der Oscar ist für ihn jetzt „das i-Tüpfelchen auf dem Sahnehäubchen“.

In der Nacht zum Montag erhielt sein Kurzfilm „Spielzeugland“ nun dieses i-Tüpfelchen, den begehrtesten Filmpreis der Welt. Freydank, dessen Produktionsfirma „Mephisto Film“ heißt, ist mit seinem Oscar in die Fußstapfen von Florian Gallenberger getreten, der 2001 für den besten Kurzfilm ausgezeichnet wurde.

Freydanks Film „Spielzeugland“ hat nach Angaben der Berliner Lottmann PR-Agentur bereits 18 nationale und internationale Preise erhalten. Der Oscar sei nun der bisher größte Erfolg. Der Film sei Freydanks „absolutes Herzprojekt“ gewesen.

Vier Jahre hatte er an der 14-minütigen auch vom Medienboard Berlin-Brandenburg geförderten Produktion gearbeitet. „Es hat sich gelohnt“, wie der Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) in seinem Glückwunsch am Montag betonte, der den Oscar für Freydank auch als „Ausdruck internationaler Anerkennung Berlins als einer kreativen Metropole und Filmstadt“ würdigte.

Jetzt hofft der Regisseur auf ein breiteres Kinopublikum für „Spielzeugland“, da es sowieso immer schwierig sei, Kurzfilme überhaupt ins Kino zu bringen, wie Freydank direkt nach Auszeichnung in Hollywood sagte.

Der in Berlin gedrehte Film handelt von einer Mutter (Julia Jäger, „Berlin is in Germany“), die zur Zeit des Nationalsozialismus ihren kleinen Sohn vor der Wahrheit über die Deportation der jüdischen Nachbarn schützen will. Dem Jungen erzählt sie, die Nachbarn würden in eine Art Freizeitpark, ins „Spielzeugland“ eben, reisen. Der Junge macht sich schließlich unbemerkt davon, um seinem kleinen Freund aus der Nachbarschaft zu folgen, was ihm aber misslingt.

Die in Panik geratene Mutter sucht ihren Sohn fieberhaft überall und kann dabei sogar – die überraschende und in den USA bei Filmvorführungen mit großer Rührung aufgenommene Wendung der Geschichte – einen jüdischen Jungen vor der Deportation in die Vernichtungslager retten, indem sie ihn vor der SS-Wachmannschaft für ihr eigenes Kind ausgibt.

In einem Interview hatte Freydank erzählt, dass ihm die Idee zu „Spielzeugland“ gekommen sei, als er selbst seinem kleinen Sohn mal wieder eine Notlüge aufgetischt hatte, um die grausamen Bilder aus den Nachrichten zu erklären.

Freydank sieht die besondere Stärke seines Films, der „auch gegen alle Holocaust-Leugner in der ganzen Welt oder die Neonazis in Deutschland und sonstwo“ gerichtet sei, in der Emotionalität, wie er es auch wieder bei Vorführungen in den USA unter den Zuschauern bemerkt habe. Noch wichtiger sei ihm aber daran zu erinnern, was die sogenannten kleinen Leute in der NS-Zeit gedacht und getan haben.

"Für mich war es schon immer problematisch, den ganzen deutschen Widerstand immer auf Stauffenberg und die preußischen Offiziere zu reduzieren“, sagte Freydank. Es habe viele Gewerkschafter, Kommunisten, Sozialdemokraten, Kirchenleute und eben einfache Arbeiter gegeben, „die einfach menschlich reagiert und gezeigt haben, dass man sich nicht alles gefallen lassen darf“.

Der am 15. September 1967 in Berlin geborene und in der DDR aufgewachsene Freydank war mehrfach von Filmhochschulen abgelehnt worden. Beirren ließ er sich davon nicht. Er begann seine Karriere als Cutter, arbeitete jahrelang als Regieassistent für Film und Fernsehen. Er schrieb Drehbücher (zum Beispiel für den „Polizeiruf 110“ oder „Dr. Sommerfeld – Neues vom Bülowbogen“) und führte Regie bei Off-Theaterstücken sowie bei Werbe- und Kurzfilmen. 1999 gründete Freydank seine eigene Firma, um seine Projekte realisieren zu können. „Ich bin Regisseur“, betont er, wenn er nach seinem Beruf gefragt wird.

2002/2003 drehte er eine kleine politische Satire mit dem Titel „Dienst“ über einen Wachmann. „Eine schwarze Komödie, wie ich überhaupt zum schwarzen Humor neige“, wie Freydank sagte. Jetzt plant er seinen ersten „richtigen“ 90-Minuten-Kinofilm, über den er aber noch nicht sprechen will. Im Internet kündigt seine Firma den Spielfilm „Der Bau“ an, nach einer Erzählung von Franz Kafka, ein Projekt, das laut Freydank aber „noch nicht unterschriftsreif ist“.

Der Berliner Jochen Alexander Freydank sicherte sich mit seinem Minidrama „Spielzeugland“ als dritter Deutscher seit 1994 den Oscar für den besten Kurzfilm. Zuletzt hatte 2001 Florian Gallenberger mit „Quiero Ser“ (Ich möchte Sein) in dieser Kategorie den begehrtesten Filmpreis der Welt gewonnen. 1994 war Pepe Danquart für „Schwarzfahrer“ ausgezeichnet worden.

Der deutsche Film „Der Baader Meinhof Komplex“ ist bei der Oscar-Vergabe hingegen leer ausgegangen. Der Preis für die beste nicht englisch-sprachige Produktion des Jahres ging an „Departures“ aus Japan.

Schon vor vier Jahren war der Münchner „Baader Meinhof“-Produzent Bernd Eichinger einmal für den sogenannten Auslands-Oscar nominiert gewesen, damals mit dem Hitler-Drama „Der Untergang“.