Cecilia Bartoli ist unter die Trucker-Fahrerinnen gegangen. Ihr "Maria-Lastwagen" - oder schlicht: "Mamma-Mobil" -, ein Museums-Anhänger mit Überlänge, fährt ab sofort durch die Lande, um der Welt die Glorie der großen Maria Malibran zu zeigen. Von ihr hat Bartoli Memorabilien, Lorbeerkränze und Nippes gesammelt. Ihr widmet sie das neue Album "Maria".
Typisch für die trotzköpfige Bartoli, die auch ziemlich boshaft sein kann: Im Callas-Gedenkmonat labelt sie ihr neues Album, so als ob sie sich vor der Primadonna assoluta verbeuge - meint aber in Wirklichkeit eine legendäre Mezzo-Sopranistin, die im 19. Jahrhundert tragisch früh starb.
Sie stürzte vom Pferd und starb
Maria Malibran, geboren 1808, war (neben ihrer Schwester Pauline Viardot und Giuditta Pasta) der Stern am Mezzo-Himmel des 19. Jahrhunderts. Nach ihr ist ein venezianisches Opernhaus benannt. Die spanische Grazie (sie war Tochter des Tenors und Komponisten Manuel Garcia) debütierte mit acht in Neapel, reüssierte in Paris zum Rossini-Darling, wurde von George Sand und Alfred de Musset literarisiert und forderte als 20-Jährige Paganini zu einem Virtuosenwettstreit heraus.
Sie war leidenschaftlich, schwermütig, ein extravaganter Mittelpunkt dekadenter Soireen. Nachdem sie sich durch die Heirat mit einem Bankrotteur finanziell ruinierte, starb sie in Folge eines Sturzes vom Pferd. Sie war keine 30.
Wichtiger: Ihr Zigeunerinnen-Flair war es, mit dem jene Belcanto-Rollen populär wurden, die heute mit Maria Callas assoziiert werden: Norma, Sonnambula, Elvira (aus "I Puritani"). Dies waren - auf der Höhe ihrer Wirkung im 19. Jahrhundert: Mezzo-Sopran-Rollen. Von den heller timbrierten Stratosphären-Stürmerinnen wie Callas, Gruberova oder Sutherland wurden sie nur gekapert.
Belcanto liegt ihr nicht
Auftritt Cecilia Bartoli! In der Privatwohnung der Malibran setzt sich Bartoli kokett die Krone auf, welche die Vorgängerin auf der Bühne trug. Sie ist von Venedig bis Mailand, London bis Paris den Lebens- und Leidensstationen der Gagen-Göttin nachgereist. Hat geforscht, gelüftet und groß reinegemacht. Sie zeigt Noten und Billette, die sie in Jahren imaginären Groupietums ansammelte: Trophäen für die Widergängerin.
Und Cecilia Bartoli erfindet sich tatsächlich neu. Brillantenbehängt wie auf einer Chopard-Werbung, mit falschen Fingernägeln und hochgeschnürtem Busen zeigt sie sich im "Maria"-Booklet als Vollweib à la Anita Ekberg (der sie schon für das Album "Opera proibita" in den Trevi-Brunnen nachstieg). Wiegt sich als dralle Römerin (wie Anna Magnani) in den Hüften und trägt als Carmencita und Knuddel-Diva Fächer, Operetten-Roben und Spitze. Sie will alles, was ihr das Primadonnen-Fach bislang vorenthielt. Cecilia Bartoli schnappt nach einem Stern - und will alle Welt überstrahlen.
Nur: Das Repertoire, das die große Malibran sang, passt nicht ganz zur geliebten Stimme der Cecilia Bartoli. So hinreißend Bartoli ihren Mezzo kneten, für Jauchzer und Gefühlsdrücker bändigen kann, so wenig glückt es ihr, sich belcantesk schlank zu machen, die Stimme fluten, fließen und einfach schön klingen zu lassen. So wie dies der Belcanto nun mal verlangt.
Sie knurrt "Rrrrrrrrrrrataplan"
Cecilia Bartoli jodelt, jappst und jubiliert, wie man das bei ihr liebt. Doch neben Köstlichkeiten wie dem Kastagnetten-Witz "Yo que soy contrabandista", einer Hummel-Arie und dem kriegerischen "Rrrrrrrrrrrataplan" kommen gelinde Missgriffe aus Bellinis "Puritanern" und "La Sonnambula" hart in der Wirklichkeit auf.
Eine Liebesprobe stellt die Kavatine "Casta Diva" aus der "Norma" dar - jene Malibran-Rolle, die heute (vielleicht voreilig) mit Maria Callas identifiziert wird. Kurzatmig aufflammend, mit geknebelten Spitzentönen und geballten Fäustchen gurrend, hört man beeindruckend schön ein Herz stocken und eine keusche Druidin zum Himmel flehen. Bartoli legt ihre Kunst devot funkelnd der Malibran zu Füßen. Doch mehr als ein interessanter Fehltritt, ein Seitensprung, kommt nicht dabei heraus.
Auf die Frage, ob sie die sexy Konkurrenz von Anna Netrebko oder Magdalena Kozena niemals neidisch mache, antwortete Cecilia Bartoli noch vor einiger Zeit: "Nein, denn dafür spreche ich Italienisch!" Temperament und Italianità könne man ihr durch keine Mini-Taille streitig machen.
Die schöne Konkurrenz schläft nicht
Auch nicht durch die der Callas? Bei ihrem neuesten Recital zeigt Cecilia Bartoli zum ersten Mal Nerven - und vergreift sich womöglich an einem Repertoire, das nicht ganz für ihre Kehle geschrieben ist.
Bekannt ist, dass Cecilia Bartoli genau das macht, zu dem man ihr nicht geraten hat. In Zürich hatte sie bei Proben die Komponistennamen angeblich zugeklebt, damit niemand merke, was sie plant. Bei "Maria" tut sie, als ob ihre Persönlichkeit nur noch historische Vergleiche zulasse. Bartolis lebende Konkurrentinnen aber schlafen nicht - oder höchstens zu Schönheitszwecken.




