Late Night

Ursula von der Leyen rettet "Wetten, dass ..?"

Hat die Bundesregierung jetzt auch schon einen Rettungsplan für das kränkelnde Sorgenkind des ZDF entwickelt? Nach der Stuttgarter Ausgabe von "Wetten, dass ..?" können wir uns dieses Eindrucks nicht erwehren. Ausgerechnet eine Ministerin – und nicht die großen Stars – rettet die Show.

So könnte es gewesen sein: Ursula von der Leyen und Angela Merkel waren nach dem jüngsten Krisengipfel der Regierung zusammen Kaffeetrinken. Die Kanzlerin bat die Bundesfamilienministerin von Frau zu Frau um Tipps für ein neues Make-up. Und während sie so über die Tücken der Farb- und Stilberatung plauderten, fiel auch der Name Gottschalk.

Seine Sendung „Wetten, dass ..?“ und die große Koalition haben etwas gemein: Beide brauchen dringend positive Schlagzeilen.

„Mission impossible“? Nein, zumindest an der Bundesregierung soll es nicht scheitern. Ihre Geheimwaffe hat sieben Kinder, sie bewegt sich auf gesellschaftlichem Parkett so sicher wie im Kabinett, sogar kritische Kollegen attestieren ihr die Sprengkraft einer „Charmebombe“. Ursula von der Leyen also sollte „Wetten, dass ..?“ aufmischen. Dass ihr dieses Kunststück gelang, sagt viel darüber aus, wie schlimm es tatsächlich um das verhätschelte Sorgenkind des ZDF steht.

Bislang dachte man ja, die Sendung hänge am Tropf des Show-Business, ihr Marktwert steige und falle mit der Popularität der Talkgäste und Bühnenstars. Die Wettkandidaten seien allenfalls Staffage, sie sollten ein wenig davon ablenken, dass Gottschalk Fernsehgebühren in Millionenhöhe verschwendet, um auf der Couch mit Menschen zu plaudern, mit denen er sich sonst ebenso gut auf einen Coffee to go in seiner amerikanischen Wahlheimat verabreden könnte.


„Wetten, dass ..?“ soll den Sender vom Mief der Provinz befreien. Die Show ist auch nach 27 Jahren und trotz bröckelnder Quoten immer noch das Aushängeschild eines Gernegroß, der seinem Beauftragten für Globalisierung bedingungslos zu vertrauen scheint. Doch ausgerechnet die Bundesfamilienministerin ließ die eingeflogene Prominenz neben sich verblassen.


Da saß sie also auf der zahnsteinfarbenen Couch, links von sich der „sexiest man alive", der australische Filmstar Hugh Jackman, die deutsche Filmstar-Variante in Person von Til Schweiger auf der rechten Seite. Nicht zu vergessen: der schüchtern erscheindende Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton und, ach ja, Nicole Kidman war auch noch kurz da.

Die Hollywood-Diva, zu Gast in der Show, um für ihren neuen Kinofilm „Australia“ zu werben, gab sich erst gar keine Mühe, zu leugnen, dass sie es eilig hatte, nach Hause zu kommen. Man kann es ihr nicht einmal verübeln. Es gibt wichtigere Dinge im Leben als das belanglose Geplapper auf der ZDF-Couch. Zu Hause wartet eine fünf Monate alte Tochter auf sie.

Wie gut, dass Ursula von der Leyen da war. Ihr Einsatz erforderte kein besonderes Know-how. Als Wettpatin sollte sie sich um den neunjährigen Denis kümmern, dem ein ehrgeiziger Trainer eingeredet hatte, er solle, wolle er auch einmal ins Fernsehen kommen, doch den Handstand in der Altpapiertonne proben.


Wir wissen nicht, welche Affinität die Bundesfamilienministerin zum Altpapier hat, vermuten aber, dass ihr diese Welt beinahe genauso vertraut ist wie die der Kinder. Jedenfalls ließ es sich die CDU-Politikerin nicht nehmen, nach gewonnener Wette die High Heels von den Füßen zu kicken, um im engen schwarzen Kleid zu ihrem Wettpatenkind in die Altpapier-Tonne zu klettern.


Es war ein symbolträchtiges Bild, das Raum für Interpretationen nach allen Seiten ließ: in die Tonne mit den Gesetzen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Und noch bevor der Koalitionspartner die Handys zücken konnte, um dieses bizarre Szenario zu fotografieren, befreite die Bundesfamilienministerin kein Geringerer als Hugh Jackman aus dieser misslichen Lage.


Jetzt zahlte es sich aus, dass von der Leyen ihn vorher massiv auf der Couch angeflirtet hatte. Der australische Schauspieler, optisch eine gelungene Kreuzung aus „Crocodile Dundee“ und Hugh Grant, trug die Bundesfamilienministerin auf Händen zurück zur Couch. Er ließ es sich sogar nicht nehmen, jede einzelne ihrer fünf Töchter namentlich via Mattscheibe zu grüßen.

Insgesamt erlebte das Publikum eine Show, deren Unterhaltungswert etwa dem der eingeschlafenen Füße des Moderators entsprach. Sie ruhten sanft in rahmengenähten Lederschuhen mit silberner Spitze. Und wenn wir den Gesichtsausdruck von Hugh Jackman richtig interpretierten, war darin auch noch Platz für eine geruchsfressende Einlegesohle. Jedenfalls tauschte der Schauspieler einen seiner Schuhe ohne mit der Nase zu rümpfen gegen einen der Gottschalkschen Las-Vegas-Treter. Womit über diese Ausgabe von „Wetten, dass ..?" eigentlich alles gesagt ist, was zu sagen ist.

Man könnte jetzt noch einige Worte über das Modellflugzeug verlieren, das die Kerzen eines XXL-Adventskranzes im Sturzflug löschte. Man könnte auch eine Gedenkminute für Jopie Heesters einlegen, den die Regie ordenbehangen gegen einen Flügel gelehnt hatte, damit er beim Singen des Robert-Stolze-Liedes „Es ist einmal im Leben so“ nicht von der Bühne kippte.

Der Mann ist immerhin schon 105 Jahre alt und immer für einen Aussetzer gut, wie seine jüngste Äußerung im Interview mit einem holländischen TV-Sender zeigte. Da war Heesters herausgerutscht, Hitler sei ein guter Kerl gewesen – ein „fürchterlicher“ Satz, für den er sich bei „Wetten, dass ..?“ öffentlich entschuldigte.

Da erhob sich das Publikum klatschend von seinen Plätzen, und die Bundesfamilienministerin, Hugh Jackman und die sexiest shoes alive, alle taten sie so, als wären sie fürchterlich gerührt. Gottschalk ließ sich gar zu den Worten hinreißen: „In fünf Jahren sehen wir uns wieder.“

Man wusste nicht, ob das eine Drohung oder ein Versprechen sein sollte. So agil, wie Jopie Heesters ist, wird er vermutlich auch noch seinen 150. Geburtstag noch erleben. Dass „Wetten, dass ..?“ dieses Alter erreicht, darf jedoch bezweifelt werden.