Der Wahlkampf gehört der irdischen Welt an, die Inauguration ist Übergang in eine andere Daseinsform. Aus einem Menschen wird der Hohepriester der Nation, der öffentlich Gott anruft, den Segen spendet und Herr ist über Krieg und Frieden, und im übrigen ein Monarch auf Zeit, eingeengt allenfalls durch die „checks and balances“ der anderen Teilhaber an „government“, durch die Zentralbank und die Verfassung.

Amerika ist nicht ein Land wie andere, sondern den Seinen von jeher die leuchtende Stadt auf den Bergen, das Neue Jerusalem der Apokalypse des Johannes, das Gelobte Land. Der Präsident ragt aus dem Irdischen ins Himmlische. Er ist eine transzendente Figur. „American exceptionalism“, der amerikanische Sonderweg allerdings verdankt Europa mehr, als die Amerikaner gern zugeben.

Aus einem Wahlkämpfer erhebt sich der Präsident, wie aus der bodenverhafteten Raupe der himmelstrebende Schmetterling: Das erlebt heute, am „Inauguration Day“ der Vereinigten Staaten.

Vieles von dem, was da abläuft, von dem Zug durch die Gründungsstaaten, von Philadelphia via Delaware und Baltimore nach Washington, von der symbolischen Inbesitznahme der Hauptstadt und ihrer vornehmsten Plätze und der Verneigung vor Tradition und Legitimation bis hin zur religiösen Weihe, bei staunender Teilnahme des Volkes und Transmission via Fernsehen bis in die letzten Winkel des Landes, urbi et orbi – das erinnert an die monarchischen Ursprünge des amerikanischen Chief Executive.

Gegen „George the Tyrant“.– Schimpfname für Georg III., den die Briten eher „Farmer George“ nannten wegen seiner biederen Vorlieben – und seine Steuern hatten die Rebellen der 13 Staaten sich anno 1776 erhoben. Es ging um Geld und Macht: „no taxation without representation“.

Dafür verschmähten sie es nicht, Waffen- und Finanzhilfe anzunehmen vom durchaus undemokratisch regierten Frankreich – und zitierten doch im Ton des Hochamts in ihrer unilateralen Erklärung der Unabhängigkeit die modischen Wahrheiten der europäischen Aufklärung.

Zugleich versäumten sie es nicht, als Rechtsverwahrung auch die traditionellen Rechte des Engländers heranzuziehen. 1783 endete die Rebellion mit Friedensvertrag und staatlicher Anerkennung der Vereinigten Staaten.

George Washington, dem militärisch-politischen Führer, wurde ein Königstitel angeboten, den er, schon aus Gründen des guten Geschmacks, ablehnte. Wohl aber ließ er sich zum ersten Präsidenten wählen. In Inauguration, Rhetorik und Symbolik war und ist bis heute unschwer die monarchische Inspiration aus Alteuropa, namentlich dem königlichen Frankreich, zu erkennen.

Es war noch nicht lange her, 1774, da war Ludwig XVI. nach der überlangen, reformresistenten Regierungszeit seines Urgroßvaters zum König gesalbt worden. Dieses „Sacre“ war eine ehrwürdige, abgezirkelte Zeremonie, die einem in langen Jahrhunderten entwickelten Drehbuch folgte, eine Art sakrales Ballett, in dem kein Raum war für persönliche Extravaganz oder freie Improvisation.

Es gab für die Weihe ausführliche Handbücher, die alles aus der Tradition der Könige Frankreichs seit Chlodwig ableiteten, und nach der Weihe prachtvolle Kupferstiche, die in ledergebundener Form die frohe Botschaft dem Volk, den Ständen der französischen Provinzen, den Höfen Europas und dem Rest der Welt bildhaft mitteilten.

Alfred Kantorowicz hat über „The King’s Two Bodies“ ein berühmtes Buch geschrieben: Der sterbliche Körper des Königs gehört der Erde an, der unsterbliche dem Himmel, Inbegriff des Staates. Unter den Königen Frankreichs hatte zuvor keiner so wie Ludwig.XIV., der Sonnenkönig, diese Idee auf den Begriff gebracht mit den Worten: „Der Staat bin ich.“

Das „Sacre“ des letzten der Könige „von Frankreich und von Navarra“ begann in Paris mit dem Gottesdienst in der Kathedrale Notre Dame. Dann folgte der feierliche Zug nordwärts zur altehrwürdig-romanischen Kathedrale von St. Denis. Dort befand sich die traditionelle Grablege der Könige Frankreichs und ihrer Königinnen, um deren Segen und Inspiration ihr Erbe betete.

Dann ging der feierliche Zug in langer Prozession, mit dem staunenden Volk in jeder Stadt, katzbuckelnden Ratsherren, Ehrenjungfrauen, Gottesdiensten und Festmahlzeiten weiter via Chatillon, Residenz der bourbonischen Nebenlinie der Orleans, nach Reims zur Kathedrale.

Höhepunkt der Zeremonie war die Salbung


Dort würde der Erzbischof, höchstrangiger Geistlicher unter den Bischöfen Frankreichs, den Höhepunkt der langen Wallfahrt vollziehen: Die Salbung. Sie bestätigte nicht nur stets aufs Neue den Vorrang des Erzbischofs vor allen anderen Bischöfen Frankreichs, sondern markierte auch den entscheidenden Übergang aus der irdischen Sphäre in die der Transzendenz, der Legende eng und ununterscheidbar verwandt.

Der künftige König, im Akt der Investitur mit den historischen Krönungsgewändern bekleidet, zog mit geputztem Gefolge in die Kathedrale ein zum rauschenden Klang der Orgel. Dem Kirchenschatz wurde eine gewaltige Sonne aus massivem Silber, doppelt vergoldet, übergeben. Höhepunkt des Geschehens war die Salbung.

Der Jüngste der Könige Frankreichs hatte niederzuknien vor dem Altar und dem Erzbischof. Der entnahm aus der heiligen Phiole, die einst eine weiße Taube dem ersten Inhaber des Bischofssitzes aus dem Himmel gebracht hatte – es handelte sich um einen antik-römischen Kristallflacon – ein wenig Öl und salbte damit dem jungen Mann die Stirn, der fortan „par la Grace de Dieu“, aus der Gnade Gottes, König war.

Anschließend ging es in den Garten der Abtei, wo schon Hunderte von Kranken warteten, meist solche mit grässlichen Entstellungen durch Aussatz, die sich normalerweise fernab von den Menschen zu halten hatten. Diese armen Teufel zogen dann in langer Reihe am König vorbei, der, weiß behandschuht, symbolisch ihre Stirn berührte. Dazu die Worte: „Der König berührt Dich, Gott wird Dich heilen.“

Neben dem König stand der Groß-Almosenier von Frankreich und gab jedem der Elenden eine neu geprägte Goldmünze mit dem Bild des Monarchen. Der Kranke versicherte daraufhin, dass er bereits die Heilung spüre.

Der französische Historiker Jacques Le Goff hat über „Les Rois Thaumaturgues“, die wundertätigen Könige, ein berühmtes Buch geschrieben. Im Mittelpunkt steht die magische Kraft des gottgeweihten Königtums. Man erinnert, wie beim Tode der Prinzessin Diana, „the Queen of hearts“ genannt, die Londoner zu Hunderttausenden Spalier standen und den Sarg der Prinzessin berühren wollten.

Und man erinnert sich auch, wie die Wähler des 21. Jahrhunderts Obama, vor der Wahl und noch mehr danach, mit ihren Händen zu berühren suchten, rauschhaft und ergeben und auf Wunder hoffend.

In Frankreich zuletzt 1774

Historisch hat das „Sacre“ der Könige Frankreichs 1774 zum letzten Mal stattgefunden. Aber auf ihre Weise haben selbst die blutigsten Revolutionäre noch die Magie „der letzten Tyrannen Frankreichs“ – so die revolutionäre political correctness von 1792 – wahrgenommen: Nicht allein durch die Enthauptung des Königs und der Königin, sondern auch durch Fledderung der Königsleichen in St. Denis und das feierliche Zerbrechen der Heiligen Phiole vor dem Dom von Reims.

Fortan sollte, nachdem durch die neue Jahreszählung und die Einrichtung der Departements Zeit und Raum neu erfunden worden waren, auch für die Legitimität der Macht die Tabula rasa gelten.

Napoleon wusste stets, dass es das Heer und die Siege waren, denen er sein Kaisertum verdankte, und er machte kein Geheimnis daraus, dass er, der Sohn des Krieges, wie er sich nannte, die Tradition für Humbug hielt.

Doch ließ auch er, als er in Notre Dame die Krönung vollzog, noch Anklänge an frühere Zeiten zu. Dazu ließ er sich als Gesetzgeber darstellen, der durch den Code Napoleon die Revolution aufhob: Sie beendete und zugleich bewahrte.

Die Macht hatte sich einen neuen Boden gesucht. Nur die Menschen vermissten etwas, was sie nicht auszusprechen wussten und, wenn sie es doch wussten, nicht auszusprechen wagten. Man braucht nicht an die Weihestunden der totalitären Regime des 20. Jahrhunderts zu erinnern, die aus altem Repertoire zehrten.

Auch Demokratien brauchen die Legende. Man braucht sich nur die Bilder vom Tod der Prinzessin Diana zurückzurufen. Noch deutlicher aber sind die Bilder von Wahl, Investitur und Krönung des neuen Präsidenten der imperialen Republik. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.