Vielleicht ist es ganz gut, dass Anselm Reyle kein Genie sein will. "Für mich ist das ein relativ normaler Beruf", sagt Reyle. "So ist das hier auch aufgezogen." Reyle ist ein Schwabe mit halblangen Haaren und dem Anflug eines Rockerbärtchens. Und "das hier" sind 2000 Quadratmeter in einem Hinterhaus in Berlin-Kreuzberg.
An Samstagen wie diesem ist Reyle allein. Doch unter der Woche tummeln sich 25 Assistenten im Atelier. Helfen bei der Produktion, der Technik und der Buchhaltung.
Reyle ist Künstler, und zwar ein sehr erfolgreicher. Während bei seinen jungen deutschen Kollegen die Preise gerade stagnieren, hat eines seiner Bilder auf einer Auktion in London den Rekordpreis von 440 000 Euro erzielt. Schon zweimal in diesem Jahr wurde ein Reyle für das Zehnfache des Schätzpreises versteigert.
Nicht einfach Pop, sondern künstlerische Reflexion
Reyle baut gerade ein kleines Unternehmen auf, und es bereitet ihm große Freude. "Ich sehe das Ganze wie so 'ne Art Handwerksbetrieb", sagt er. Sein Büro ist ein holzvertäfelter Traum aus Wirtschaftswunderzeiten mit Aquarium, schwerem Schreibtisch, Diplom an der Wand. Die Assistenten machen um sechs Uhr Feierabend.
Dann schafft Reyle noch ein bisschen allein. Die Produktion schnurrt wie bei einem süddeutschen Automobilteilzulieferer. Weltweit warten Sammler auf die Kunst des 37-Jährigen, der sich zum Gesprächstermin mit einem T-Shirt der Heavy-Metal-Band Kreator schick gemacht hat.
Reyle ist Heavy Metal. Neben seinen bunten Farbstreifenbildern und den Objektkästen mit zerknitterter Silberfolie hat Reyle schwere Bronzeskulpturen im Angebot - afrikanische Specksteinfiguren, die im Maßstab aufgeblasen, abgegossen und dann mit glänzendem Chromeffektlack überzogen werden.
Gigantischer, umwerfender Kitsch. Darf man vermuten, dass Anselm Reyle der deutsche Jeff Koons werden will? "Ich schätze Koons sehr", sagt Reyle. "Aber Koons ist Pop. Er bezieht sich auf die Konsumwelt. Bei mir ist immer auch eine Reflexion über die Kunst der Moderne dabei."
Für Neonfarben braucht man kein Abi
Reflektiert wird am Experimentiertisch. Dort erprobt Reyle Kompositionsvarianten für die Streifenbilder. Ein Neonorange, ein Braun, vielleicht noch dekorativ geknickte Spiegelfolie? Die Abfolge der Streifen trägt er in ein Formular ein. Die Farben tragen die Assistenten auf. "Ich mache nur die Streifen mit einem speziellen Duktus", sagt Reyle.
Wenn das Bild gelungen ist, macht er noch einen Klecks drauf. Dann abfotografieren, Archivnummer geben, abheften. "Ich hätte nie gedacht, dass ich so einen schwäbischen Sinn für Ordnung habe", sagt Reyle. "In der Schule war das ganz anders. Ich hatte damals ja noch nicht mal ein Schulheft."
Sein Lebenslauf liest sich wie aus dem Giftschrank eines Pisa-Prüfers: Schule abgebrochen, Lehre als Landschaftsgärtner abgebrochen. Irgendwann sagte die Mutter aus Verzweifelung: "Studier doch Kunst, dafür brauchst du kein Abi." Die Mutter ist selbst Künstlerin. Ihr Rat war richtig.
An der Kunsthochschule lernte Reyle, an dem festzuhalten, worüber seine Professoren die Nase rümpften. Op-Art von Vasarely. Emotional aufgeladene Malerei. Und Neonfarben. "Eine Neonfarbe ist wie eine stark aufgedrehte E-Gitarre", sagt er.
Zwischen Expressionismus und Minimal Art
Im Berliner Winter 1997 musste sich Reyle dann entscheiden, wie er sein Künstlerdasein aufziehen wollte. "Mir war klar: Ich wollte mich nicht mit jedem Bild vier oder fünf Monate abmühen müssen", sagt er. "Ich habe dann zwei Jahre probiert, bis ich das erste Bild hatte, von dem ich dachte, das könnte funktionieren.
Ohne sich das Leben schwer zu machen." Mit seinem Erfolgsrezept ist Reyle nun die Antithese zum Klischee des Genies, das für seine Arbeit leidet.
Zudem ist er ein sehr genauer Beobachter. Die Inspiration ereilt ihn häufig auf dem Fußweg vom Atelier nach Hause. Die Silberfolie für die Streifenbilder entdeckte er in den Schaufensterdekorationen eines Optikers, den schillernden Lack seiner Skulpturen auf Golf GTI in Berlin-Neukölln.
Reyle arbeitet gern mit dem Vorgefundenen. "Ich glaube ja nicht, dass ich der Schöpfer der Kunst bin, sondern ich nehme Dinge und formuliere sie um oder füge sie neu zusammen", sagt er. "Ich nehme die Moderne als Vokabular." Seine Streifenbilder erinnern an Colourfield Painting.
Die Signaturkleckse sind ein Seitenhieb auf den abstrakten Expressionismus. Und die chromglänzenden Skulpturen zitieren die polierten Quader der Minimal Art.
Angenehm unkitschige Postmoderne
Trotz all der Verweise bleibt Reyle immer noch auf der Suche nach dem "Kern der Kunst". Seine Arbeiten sollen beim Betrachter eine emotionale Reaktion erzeugen. Sie tun es auch. "Ich habe allerdings schon während des Studiums gespürt, dass ich das ohne Distanz gar nicht mehr bringen kann", sagt er. Und da kommt die Ironie ins Spiel.
Ironisch ist es, wenn ein Künstler wie Reyle auf Dekostoffen von Karstadt malt. Oder wenn er eben afrikanische Skulpturen, die biomorphe Formen des Künstlers Henry Moore zitieren, als Bronzen gießt und in Museen ausstellt "So sieht eigentlich Kunst in Donald-Duck-Comics aus", sagt Reyle. "Wie die Essenz der modernen Skulptur: halb Figur, halb abstrakt, ein paar Löcher drin. Kann man durchgucken." Ein Klischee. Aber Klischees findet der Künstler gut. Weil es das ist, worauf sich viele Leute geeinigt haben.
In Reyles unelitärer Haltung liegt der Schlüssel zu seinem Erfolg. Sie ermöglicht ganz unterschiedlichen Menschen Zugang zu seinen Werken. Dem Kind, das über das bunte Glänzen staunt. Dem Connaisseur, der sich freut, dass hier ein sehr intelligenter Künstler auf sehr intelligente Weise die Kunstgeschichte der Moderne sample. Postmodern wäre so ein Ansatz zu nennen. Reyle zuckt zusammen: "Bei Postmoderne denkt man immer an rosa Bullaugenfenster."
Gefragte Werke mit eigenwilligem Künstler
Aber dennoch: Reyle ist auch deshalb ein postmoderner Künstler, weil er seinen Status als Kunststar reflektiert. Zum Beispiel in seinen neuen Aluminiumbildern. Mit ironisch-expressiver Geste verteilt der Künstler Stroh oder Zahnräder auf einer Leinwand. "So ein Bild ist in fünf Minuten komponiert", sagt Reyle.
Dann wird es in Aluminium gegossen, eingefärbt, veredelt. An einer Atelierwand hängt bereits ein Bild mit Champagnerflaschen-Scherben. Es sieht aus wie die Überreste einer Galeristenparty. Ein Sammler hat bereits 60 000 Euro für das Bild hingeblättert und es so zu Kunstmarktpoesie gemacht.
Solche Persiflagen auf den großen Hype dürften Reyles Aktien bei den Sammlern weiter steigen lassen. Da braucht es ihn nicht zu stören, dass er gerade mit keiner deutschen Galerie zusammenarbeitet. Zwei Mal wechselte er in diesem Jahr. Zuletzt blieb er bei Contemporary Fine Arts keine sechs Monate.
Es habe Ärger um die Preisgestaltung gegeben, raunt es im Berliner Kunstbetrieb. Doch Galerist Bruno Brunnet widerspricht: "Die Chemie hat einfach nicht gestimmt. Wir sind halt impulsive Typen." Durchaus möglich, dass da zwei Dickköpfe aufeinandergeprallt sind.
Von Genialität allein wächst kein Gemüse
In den USA wird Reyle seit Neustem von Galerietycoon Larry Gagosian vertreten. Der hat Damien Hirst und Andy Warhol im Programm und verfügt über Kontakte zu den wichtigsten Sammlern und Museen. Dauerhafter Ruhm scheint garantiert.
Und falls der Reyle-Hype doch irgendwann abnimmt, wäre es auch kein Weltuntergang. "Wichtig ist, dass man nicht verbittert, wenn der Erfolg aufhört", sagt Reyle. "Ich kann mich dann genauso gut aufs Land zurückziehen, Aquarelle malen, Gemüse züchten." Grandios. Picasso hätte das nie gesagt. Aber der musste ja auch ein Genie sein.


