Nebel liegt über Wittenberg am Tag vor Allerheiligen 1517. An diesem Sonnabendmorgen eilt der Theologieprofessor Martinus Luther zum Hauptportal der Schlosskirche. Bei sich trägt er einen bedruckten Bogen Papier, einen Hammer und Nägel. Die wuchtigen Schlägen, mit denen der 33-jährige Mönch seine 95 Thesen vor 491 Jahren an das Kirchenportal nagelt, erschüttern die universale Kirche wie kein anderes Ereignis ihrer Geschichte.
In der Forschung ist höchst umstritten, ob der berühmte Thesenanschlag stattgefunden hat. Luther selbst jedenfalls hat das nie behauptet. Doch selbst wenn es ein Zeugnis von ihm gäbe, müsste man es skeptisch betrachten. Denn die große Ausstellung „Fundsache Luther“, die im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle geöffnet ist, belegt: Luthers Äußerungen sollten mit großer Vorsicht bewertet werden.
In seinen Tischreden erzählte der Reformator zum Beispiel: „Ich bin der Sohn eines Bauern.“ Sein Vater sei mit der jungen Familie „gegen Mansfeld gezogen und daselbst ein Berghauer geworden“. Luther berichtete weiter, „als ich heranwuchs“, sei sein Vater ein „armer Herr“ gewesen. Um seine Herkunft aus einfachen Verhältnissen zu illustrieren, fügte er hinzu: „Die Mutter hat all ihr Holz auf dem Rücken herangetragen.“
Seit der Einheit wird an Luther intensiv geforscht
Dieses Bild muss weitgehend revidiert werden. Seit der deutschen Einheit ist in den mitteldeutschen Lutherstätten intensiv archäologisch geforscht worden, vor allem im Geburtsort Eisleben, im Ort seiner Kindheit und Jugend Mansfeld sowie am und unter dem Lutherhaus in Wittenberg, wo er ab 1524 lebte. Dabei ist den Wissenschaftlern gelungen, was in der Archäologie als seltener Glücksfall gilt: Sie konnten Funde einer bestimmten Familie zuordnen: den Luthers.
Reinhard Schmitt und Mirko Gutjahr vom Landesdenkmalamt Halle beschreiben im sehr gelungenen Katalogband den „besonderen Reiz“ dieser Situation: „Der Vergleich der materiellen mit der schriftlichen Überlieferung ermöglicht einerseits eine kritische Bewertung der unterschiedlichen Quellen, andererseits erlauben die Sachzeugnisse aber auch einen Einblick in historische Abläufe, die überhaupt nicht oder durch den Blickwinkel des Verfassers verfälscht in die schriftliche Überlieferung eingeflossen sind.“
Im Fall Luther führt dieser Vergleich zu einem eindeutigen Ergebnis: Der Reformator nahm es mit der Wahrheit nicht so genau. Die Vorfahren väterlicherseits waren keineswegs Bauern, sondern gehörten zur lokalen Oberschicht; Luthers Mutter stammte sogar aus einer angesehenen bürgerlichen Familie in Eisenach und musste wohl kaum Brennholz auf ihrem eigenen Rücken schleppen.
Auch war Martins Vater Hans Luther (damals noch „Luder“ geschrieben) keineswegs in Mansfeld als Bergmann tätig, sondern als Hüttenbetreiber. Im großen Familienhaus fanden die Archäologen buchstäblich im Müll der Luthers aus dem späten 15. Jahrhundert eindeutige Indizien für den gesellschaftlichen Status der Familie.
So verzehrten die Luthers offensichtlich vor allem zartes und wohlschmeckendes Stücke von ein- bis zweijährigen Schweinen – das seinerzeit in Mitteldeutschland teuerste Fleisch. Auch beim Geflügel zeigt sich eine deutliche Abweichung zwischen den Befunden im Hause Luther und dem gesicherten Durchschnitt: Der junge Martin aß überdurchschnittlich oft Gans, und bei den Hühnerknochen überwiegen die Knochen von Jungtieren.
Viele Beweise für Wohlstand
Im Müll fanden sich weitere Indizien für den Wohlstand der Familie – naturgemäß als Fragmente: Scherben von teuren Stangengläsern (in der Ausstellung ist ein intaktes Vergleichsstück zu sehen), zerbrochene, aber einstmals teure Tafelmesser, Glieder einer Kette, eine zerbrochene Schere und sogar zwei Vorhängeschlösser, um 1500 ausgesprochen selten.
Schließlich fanden die Ausgräber Münzen im Gesamtwert von etwa 300 Pfennigen, was bei Verbraucherpreisen von einem Pfennig für fünf Eier und acht Pfennigen für ein Pfund Butter eine erhebliche Summe darstellte. Es war jedoch kein bewusst versteckter Schatz, sondern mindestens zum Teil eine verlorene Geldbörse. Insgesamt spricht der Müll der Luthers eine deutliche Sprache: Die Familie muss wohlhabend gewesen sein.
In Wittenberg dagegen lebte Martin Luther offenbar etwas bescheidener. Hier dominieren im Küchenabfall Rinderknochen, allerdings ebenfalls von teuren Jungtieren. Gänse bekam der Reformator offenbar von seiner Frau Katharina von Bora seltener aufgetischt als bei Muttern.
Darben aber musste Luther hier ebenfalls nicht – das zeigen die Scherben teilweise teurer Keramiken und farbenfroher Fayencen, denen die Ausstellungsmacher um Sachsen-Anhalts Landesarchäologen, Harald Meller, jeweils intakte oder restaurierte Vergleichsstücke gegenüber stellen. Naturgemäß sind sie schöner anzusehen, doch wirklich interessant sind eben die kürzlich ergrabenen Scherben. Immerhin: Exponate wie ein selten zu sehendes Ölbild des Reformators auf dem Totenbett versöhnen den eher kunsthistorisch denn archäologisch interessierten Besucher mit den neuen Wahrheiten über Luther.
Ausstellung "Fundsache Luther" in Halle bis zum 26. April 2009.
Katalog (Theiss-Verlag): 29,90 Euro




