Der Maskenmann hat sich entwickelt. Vom scheinbar unantastbaren Rüpelrapper mit blitzender Totenschädelmaske zu einem Teeniestar, der seine Probleme mit sich und seiner Umwelt thematisiert. Sido nahm mit „Ich“, seinem zweiten Soloalbum, die Maske ab und offenbarte damit Verletzlichkeit. Aus Sido, dem Gangster, transformierte sich Paul Würdig, der Straßenjunge.

Ob die Fehde mit ehemaligen Freunden, der Rapkonkurrenz oder der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien ihn zu dieser Einkehr ins Ich gezwungen haben, kann Paul Würdig nur selbst beantworten. Vielleicht wächst die Vernunft ja doch mit dem Alter und die Problematik mit gewaltbereiten Jugendlichen löst sich irgendwann in nichts auf. Die Rüpel und Schläger von gestern als Väter und Geläuterte von morgen. Vielleicht.

Die Aggro-Berlin-Familie um sich versammelt

Vielleicht greift aber auch wieder das geniale Konzept der drei Macher von „Aggro Berlin“, Specter, Spaiche und Halil, die aus nichts eines der stärksten Labels geschaffen haben. Die Sido aus dem Block im Märkischen Viertel ins Rampenlicht des Popmusikgeschäfts geholt haben. Die aus einem Versager einen Goldjungen kreierten. Und nun nachlegen wollen.

Über eine Stunde lang performt Sido nur Hits von seinem neuen Album „Ich“ und lässt dabei die große Aggro-Berlin-Familie nacheinander auf die Bühne kommen: Fler bei „GZSZ“, G-Hot bei „Nie Wieder“ und B-Tight bei „A.i.d.S. 2007“. Man kennt sich, man schätzt sich, man hilft sich.

Stärke durch Jägermeister und „naturtrüben Apfelsaft“

Bei „Rodeo“ erfüllt sogar Peter Fox von „Seeed“ seinen Featurepart. Außer Tony D und Kitty Kat unterstützen alle Albumgäste Sido auf der Bühne. Und dieser betrinkt und benimmt sich: Jägermeister und „naturtrüber Apfelsaft“ vor fast je-dem Song. Als er einem 12-jährigen etwas zu Trinken anbietet, grölt das junge Publikum, doch Sido scheint sich einer Flatrate-Trinken-Debatte zu erinnern und kippt lieber selbst das Glas leer. Andere Drogen konsumiert er nicht, wie früher offensichtlich, auf der Bühne.

Da er seinem geliebten Berliner Publikum im knapp gefüllten Columbia-Club nicht die Hörner aufsetzen will, lässt er seinen ganzen Schabernack an „Ähm“ aus. „Ähm“ heißt eigentlich Jo und sitzt gefesselt auf einem Stuhl mitten auf der Bühne. Er hat den „My-Space-Thron“ für dieses Konzert im Internet gewonnen. Und wer sich in die Höhle des Löwen wagt, braucht sich nicht zu wundern, wenn dieser zubeißt. „Ähm“ erntet nur Buhrufe, weil Sido mit nach unten gestrecktem Daumen Applaus für ihn fordert. „Ähm“ kann den Refrain von „Mein Block“ nicht und spricht mit Sächsischem Akzent. „Ähm“ muss noch vor Ende der Show verschwinden. Sido dagegen will einfach nicht gehen. Nicht bevor er zweimal hintereinander den „Arschficksong“ gespielt hat, um seinen Kritikern zu beweisen: er ist immer noch der Alte.