Morgenpost Online: Haben Sie, als Sie das Angebot bekamen, dasselbe gedacht wie alle: Warum spielt das nicht eine Ost-Schauspielerin?

Veronica Ferres: Ich dachte: Tolles Angebot. Schade, dass ich es nicht machen kann. Erstens: Ja, weil ich fand, diese Rolle müsste jemand aus dem Osten spielen. Und zweitens: Seit ich Familie habe, plane ich maximal ein halbes Jahr Arbeit und dann ein dreiviertel Jahr gar nichts. Das halte ich jetzt seit sechs Jahren gut durch. Deshalb habe ich meine Agentin beauftragt, abzusagen.

Morgenpost Online: Was hat Sie umgestimmt?

Ferres: Die Sender, der Regisseur, alle haben mich überzeugt, dass das kein Mundart-Stück werden soll. Auch Jutta Gallus schrieb mir, sie könnesich nur mich vorstellen. Und dann hieß es: Wenn ich nicht mitspiele, wird das Projekt nicht realisiert; das wäre schade gewesen.

Morgenpost Online: Und die Familienauszeit?

Ferres: Ich blieb hart. Aber dann haben sie den Film eigens um ein halbes Jahr verschoben..

Morgenpost Online: Wie war das, die echte Jutta Gallus zu treffen? Hat Sie das in Ihrem Spiel beeinträchtigt?

Ferres: Natürlich ist man angreifbarer. Die zeitgenössische Figur könnte ja am Ende sagen, das hat nichts mehr mit mir zu tun. Man hört auch immer wieder, dass biografische Filme gerichtlich verhindert werden sollen. Der Ex-Mann von Frau Gallus hat das ja auch versucht. Sie aber war ganz warmherzig.Sie sagte: Ich lege meine Geschichte in deine Hände.

Morgenpost Online: Haben Sie damals die Geschichte von Frau Gallus mitbekommen?

Ferres: Sie war mir ein Begriff. Das erste Bild, das ich beim Rollenangebot hatte, waren diese Tagesschaubilder von dieser Frau mit dem Schild um den Hals. Irgendwann wollte ich mehr darüber wissen. Das ist ja auch eine ganz wichtige Geschichte. Weil sehr viele Menschen, die das getan haben, noch heute unter uns leben.

Morgenpost Online: Sie sind einmal bei den Dreharbeiten zusammengebrochen.

Ferres: Die Konsequenzen – das Gefängnis, der Kampf um die Kinder – das hatte ich alles schon durchlitten. Erst gegen

Ende drehten wir die Szene der Verhaftung. Es war um die 40 Grad, ich hatte diese Perücke auf, die Dauerkopfschmerzen erzeugte. Der ganze Druck war unerträglich – und dann schleiften mich die Uniformierten fort. Da war ich so verletzbar, dass ich nicht mehr trennen konnte – ist das die Ferres oder die Filmfigur. Da hat es bei mir seelisch auf Weißblende geschaltet.

Morgenpost Online: Stellt man sich in diesem Moment die Frage: Was hätte ich gemacht?

Ferres: Ja, die stellt man sich. Und ich sage nur: Ich hätte das nicht durchgestanden. Ich hätte allein dieses Zuchthaus nicht überlebt.

Morgenpost Online: Nun wird aber gerade diese Episode im Film weitestgehend ausgespart.

Ferres: Das hätte noch einmal eines eigenen Filmes bedurft. Die Wirklichkeit war ja noch viel schlimmer, als wir sie zeigen.

Morgenpost Online: Hatten Sie, weil Sie selbst Mutter sind, einen anderen Zugang?

Ferres: Ich sage immer Nein. Aber ich weiß es nicht, wenn ich ehrlich bin. Natürlich benutze ich nicht meine Familie, um mich in Szenen einzufühlen. Aber ich habe mir schon immer überlegt, wie stark wärst du gewesen. Ob ich das jetzt so hätte spielen können, wenn ich nicht die täglichen Freuden und Sorgen einer Mutter kennen würde, kann ich nicht sagen.

Morgenpost Online: Hat es denn überhaupt Ihre Karriere verändert – abgesehen von den Auszeiten, die Sie sich nehmen?

Ferres: Ja. Es geht alles irgendwie viel einfacher. Die Familie ist mir das Wichtigste, dafür lasse ich alles stehen und liegen. Ich plane darum herum, das funktioniert gut. Dass das wunde Knie vom Fahrradsturz der Tochter gut verheilt, ist mir wichtiger, sag ich mal ganz vermessen, als ein Filmpreis.

Morgenpost Online: Im neuen Jahrtausend machen Sie fast nur noch Fernsehen. Hat auch das mit Familienplanung zu tun?

Ferres: Bei der Premiere der "Frau vom Checkpoint Charlie“ haben sich die Macher des Films geärgert, dass sie kein Kino daraus gemacht haben. Dafür ist es jetzt zu spät. Wir arbeiten im Fernsehen mittlerweile nicht viel anders als im Kino. Deshalb ist das nicht so ein Unterschied in der Arbeit. Mir sind die Geschichten wichtig, nicht das Medium. In den Neunzigern habe ich fast nur Kino gemacht, jetzt mache ich mehr Fernsehen, vielleicht mal gar nichts.

Morgenpost Online: Oder ein Kinderbuch.

Ferres: Zum Beispiel. Das Buch gibt es jetzt schon in der zweiten Auflage und hat ein Prädikat bekommen. Was mich sehr freut, weil es ja nur so ein erster Versuch war. Und ich dachte: Kriegt ja eh keiner mit.

Morgenpost Online: Davon können Sie wahrscheinlich nie ausgehen, oder?

Ferres: Nein, stimmt nicht. Ich habe durchaus meine Freiräume. Wenn ich Pech habe, werde ich irgendwann dabei auch mal fotografiert, aber es gibt Schlimmeres. Früher, ja, da hatte ich mal Ängste in der Öffentlichkeit. Früher habe ich auch einen

Film nach dem anderen gemacht, habe mich oft in der Arbeit verloren. Jetzt mache ich Pausen, um mich auch wieder dem Alltag zu stellen. Um wieder zu wissen, wie das ist, Wäsche aufzuhängen oder im Supermarkt einzukaufen.

Morgenpost Online: Können Sie das denn noch?

Ferres: Ist mir wurscht, ob ich’s kann. Ich tu’s einfach. Schlimmstenfalls starren mich die Leute an. Früher hat mich das sehr eingeschüchtert. Heute gehe ich auch ungeschminkt aus dem Haus, oft sogar. Gehe auch in die Sauna. Ich habe nur ein Leben, ich will nicht vor irgendwas weglaufen müssen.

Morgenpost Online: Und wie ist das für Ihre Tochter?

Ferres: Für sie ist es bestimmt manchmal schwierig. Wenn Leute ein Autogramm wollen, zum Beispiel. Sie ist oft bei Dreharbeiten dabei, die Arbeit kennt sie, aber noch keinen Film. Dafür ist sie noch zu jung.

Morgenpost Online: Wie alt müsste sie denn sein, um "Checkpoint“ sehen zu dürfen?

Ferres: 60. (lacht) Solche Wahrheiten möchte ich so lange wie möglich von ihr fernhalten.