Ab diesem Donnerstag ist eine große Entdeckung zu machen im Kino. Und die deutschen Verleiher machen es einem dabei sehr leicht, denn in der Woche nach dem neuen Bond-Film schicken sie sonst keine nennenswerten Neustarts ins Rennen. So gehört diese Woche eigentlich Karoline Herfurth, die mit "Im Winter ein Jahr", dem neuen Film von Caroline Link, wohl endgültig den Durchbruch schafft - und schon jetzt als aussichtsreiche Kandidatin für den nächsten Deutschen Filmpreis gehandelt werden darf.
In "Im Winter ein Jahr" kann man sich ein Bild von ihr machen. Buchstäblich. Denn im Film wird auch ein Gemälde von ihr entworfen. Das hat es seit Jacques Rivettes "Die schöne Querulantin" nicht mehr gegeben, dass wir den Großteil des Films einem Maler beim Handwerk zuschauen. Wobei das Modell hier mit dem Maler spielt, ihm etwas vormacht, was ihn zur Verzweiflung bringt, weil irgendetwas nicht stimmt in seinem Bild. Bis am Ende der Knoten platzt. Bis hinter der scheinbar längst Erwachsenen noch ein sehr verletzliches Kind durchscheint.
Karoline Herfurth spielt das alles: das Girlie, als das sie in "Mädchen, Mädchen" bekannt wurde, und die verletzte Frau, wie sie sie schon als krebskranke Fußballerin in "Eine andere Liga" gespielt hat. Wenn man ein Bild von ihr malen würde, wie müsste das aussehen? Keine Ahnung, sagt sie spontan. "Vielleicht eine Mischung aus Impressionismus, Expressionismus und Kubismus." Es gebe sehr intro- und sehr extrovertierte Seiten an ihr - und auch etwas sehr Mathematisches, Formsuchendes. Aber eigentlich sei sie viel zu ungeduldig, um wirklich Modell zu stehen: "Ich könnte nicht lange stillstehen."
Wie sie so dasitzt, ein wenig hingefläzt im Hotelstuhl, mag man kaum glauben, dass dies die junge Frau sein soll, die diese Rolle gemeistert hat und so glamourös über den roten Teppich schreiten kann. Da scheint die 24-Jährige wieder ganz der Teenie-Star aus "Mädchen, Mädchen" mit den vielen Sommersprossen zu sein, frotzelnd, frech, eine Berliner Göre. Und doch: Was immer sie sagt, hat Hand und Fuß. Dabei muss sie noch nicht einmal lange überlegen. Ein wandelnder Widerspruch.
Das muss auch ihre Regisseure begeistert haben. Hans-Christian Schmid zum Beispiel, der sie für "Crazy" dem deutschen Kino entdeckte (auch wenn sie als Elfjährige schon einmal in dem ZDF-Film "Ferien jenseits des Mondes" mitgewirkt hat). Dennis Gansel, der gleich zwei "Mädchen, Mädchen"-Filme mit ihr drehte. Buket Alakus, die sie in ihrem Krebsdrama "Eine andere Liga" schon einmal sehr gefordert hat - was ihr einen Grimme-Preis einbrachte. Tom Tykwer, der ihr in "Das Parfum" eine kleine, aber entscheidende Rolle gab: die des Mirabellenmädchens, in das sich der Mörder mit der unsagbar feinen Nase (im Gegensatz zu Süskinds Roman) verliebt. Da war Karoline Herfurth mit ihrem knallorangenen Haar so was wie Franka Potente in "Lola rennt": ein Ideal, der Inbegriff der Liebe.
Oder Roland Suso Richter. In dessen kürzlich gezeigtem Fernsehfilm "Das Wunder in Berlin" über den Fall der Mauer schien Herfurth, 1984 in Ost-Berlin geboren, so etwas wie ihre eigene Kindheit aufzuarbeiten. Schon war man versucht zu glauben, dies sei ihr wichtigster, ihr persönlichster Film. Bis sie nun verriet, dass es eben "Im Winter ein Jahr" sei. Weil noch nie ein Film sie so herausgefordert habe. Weil sie noch nie so sehr an ihre Grenzen gekommen ist.
Ihre Filmfigur muss den Selbstmord des Bruders verarbeiten. Muss sich hinter einem Schutzpanzer verbergen und am Ende, in einem Tanzausbruch, körperlich alles aus sich herauslassen. Und Link, ihre Regisseurin, hat sie ständig vorangetrieben. Schummeln ging da nicht. "Es gab kaum einen Tag, an dem ich nicht eine schlimme, depressive Stimmung hatte", gesteht die Schauspielerin. Sie habe sogar regelrechte Todesängste verspürt. "Natürlich muss eine solche Rolle an die Seele gehen, sonst kann ich sie nicht spielen. Aber trotzdem muss ich mich davor schützen können, ich darf ja keine Narben davontragen." Oder doch: Selbst das würde sie noch akzeptieren. "Aber sie müssen gut verheilen. Und hier ist wirklich viel aufgerissen." Man kann Karoline Herfurth in diesem Film regelrecht beim Erwachsenwerden zusehen - in schauspielerischer Hinsicht.
Herfurth darf sich denn auch einreihen in die Riege junger, hoffnungsvoller Entdeckungen der letzten Jahre. Nach Julia Jentsch. Sandra Hüller. Hanna Herzsprung. Johanna Wokalek. Obwohl sie eben nicht erst auf die Schauspielschule und durch die harte Theater-Lehre ging, um dann entdeckt zu werden. Ihr Weg verlief andersherum. Auf dem Schulhof als 16-Jährige entdeckt, zufällig, weil hitzefrei war, sie aber noch auf dem Schulhof herumlümmelte, hat sie sich erst nach den ersten Filmen bei der Ernst-Busch-Schule angemeldet. Die Frage, ob es anstrengend sei, immer die Hoffnung des Neuen Deutschen Films zu sein, tut sie lässig und mit diesem hellen, ehrlichen Girlie-Lachen ab: Sie sei ja nicht die einzige. "Wir tragen das alle gemeinsam." Das seien auch alles so Superlative, die da bemüht werden, die könnten so schnell verpuffen. Es sei einfach so: "Wenn ich einen Film vor der Nase habe, spiel' ich den. Und dann guck ich, ob ich wieder einen Film vor der Nase habe." So einfach ist das. Und so unspektakulär.
Nur mit einem hat sie wirklich Probleme: Nacktszenen zu spielen. Immer wieder muss sie das tun, für Tykwers "Parfum" und auch jetzt, für Links "Winter". Sie tut es auch, wenn es der Sache, wenn es dem Film dient. Aber sie tut es nicht gern. Sie schreibt sogar derzeit ihre Diplomarbeit zum Abschluss ihrer Schauspielausbildung über dieses Thema. "Über den Konflikt zwischen Figur und Person in Bezug auf Nacktheit in der Öffentlichkeit" lautet der Titel. Der Großteil der Arbeit, die Recherche-Auswertung, ist schon fertig. Es fehle nur noch das letzte Kapitel, das mit den eigenen Betrachtungen. Da schreibt sich jemand den Konflikt mit der Arbeit von der Seele. Wie man Grenzen überwindet, wie man Figur und Person trennt. Und es geht dabei natürlich auch um die Frage, "wie viel man in dieser exhibitionistisch veranlagten Gesellschaft geben muss, um erfolgreich zu sein".
Wenn sie das sagt, spielt sie wohl auch mit ihrem Gegenüber. So wie ihre Figur im "Winter" mit dem Maler. Dass sie sich nicht nur physisch, sondern vor allem psychisch entblößen kann, beweist sie jedenfalls eindringlich in ihrem jüngsten Film. Sie spielt dabei sogar einen berüchtigten Szenenklauer wie Sepp Bierbichler an die Wand, an dem schon gestandene Schauspieler gescheitert sind.
Das Gemälde, das in diesem Film von ihr angefertigt wurde, durfte sie am Ende mit nach Hause nehmen. Als Abschiedsgeschenk. Auch, wie sie meint, "als perfekte Verarbeitung" für all das, was sie bei den Dreharbeiten durchgemacht hat. Aufgehängt freilich hat sie es noch nicht. Mit der Erhebung zur Ikone hat sie es nicht eilig.

