Sie war ein wunderbar morbides Gör in den "Addams Family"-Filmen, in "Sleepy Hollow" schlug sie sich mit einem kopflosen Reiter herum, in "Monster" verliebte sie sich in eine Serienmörderin, aber beim Interview erinnert Christina Ricci eher an eine zarte Prinzessin - eng anliegendes weißes Kleid, diamantbesetzte Halskette, kurze, vorsichtige Schritte auf den hohen Absätzen.
In ihrem aktuellen Film, "Black Snake Moan", ist von Elfenhaftigkeit wenig zu sehen. Da spielt sie eine Kleinstadt-Schlampe mit düsterem Geheimnis, die ein bibeltreuer Schwarzer (Samuel L. Jackson) von ihrem Trauma heilt. Doch inzwischen setzt die 27-Jährige auch auf weniger kontroverses Kino. Bis Ende August steht sie in Berlin für den poppigen Actionfilm "Speed Racer" vor der Kamera.
Morgenpost Online: Sie drehen seit ein paar Wochen in Berlin. Was gefällt Ihnen nicht an dieser Stadt?
Christina Ricci: Oh, ich mag Berlin sehr.
Morgenpost Online: Ich wollte aber wissen, was Sie nicht mögen.
Ricci: Ach, das war ein Missverständnis. Aber mir fällt gar nichts ein, womit ich Probleme habe. Halt, eines stört mich. Ich kann nicht verstehen, warum ich im Supermarkt für die Tüten bezahlen muss.
Morgenpost Online: Offensichtlich soll das die Leute anregen, Taschen wieder zu verwenden.
Ricci: Traut denn niemand den Leuten zu, dass sie ihre Tüten recyceln? Das finde ich schon etwas komisch. Aber wie gesagt, davon abgesehen gefällt mir alles.
Morgenpost Online: Mit der berühmten Berliner Schnodderschnauze haben Sie noch keine Erfahrung gemacht?
Ricci: Nein, ich spreche ja die Sprache nicht. Vielleicht sind die Leute grob zu mir, aber ich kann sie nicht verstehen.
Morgenpost Online: Bei Ihrem Film "Black Snake Moan" durften Sie aber nicht so zimperlich sein. Da liefen Sie die meiste Zeit halbnackt herum.
Ricci: Nun, ich spiele da eine Figur, die kein Gefühl und keine Wertschätzung für sich selbst und ihren Körper hat. Da musste ich mein normales Ego ablegen, sonst hätte sich das nicht natürlich angefühlt. Dabei bin ich im Grunde eine ziemlich prüde Person. Aber während des Drehs vergaß ich das völlig. Erst im Nachhinein gab es Momente, wo es mir peinlich war.
Morgenpost Online: Sind Sie in Ihrem eigenen Leben eine Heldin?
Ricci: Wir müssen alle unsere eigenen Helden sein. Niemand wird dich retten außer du selbst.
Morgenpost Online: Was ist die größte Heldentat, die Sie vollbracht haben?
Ricci: Erwachsen zu werden. Das ist eine wirklich schwierige Sache. Jeder hat seine Probleme, aber sich zu einer erfolgreichen, einigermaßen stabilen Person zu entwickeln, das ist wirklich eine Leistung.
Morgenpost Online: Das heißt, Sie sind jetzt glücklicher als vor zehn Jahren.
Ricci: Aber natürlich. Damals war ich 17. Ach du meine Güte.
Morgenpost Online: Was ist so schlimm daran, 17 zu sein?
Ricci: Ich war ein Teenager. Abgesehen von einem Jahr Highschool, das ich wirklich genoss, war das eine harte Zeit. Wie für die meisten Leute. Das ist eben eine Zwischenphase, wo du nichts wirklich verstehst und dich auf das Leben einstellen musst. Für mich war das sehr verwirrend und peinlich.
Morgenpost Online: In den Interviews aus dieser Zeit sagten Sie ziemlich merkwürdige Dinge. Etwa, dass Inzest eine gute Sache sei. Wie stehen Sie heute dazu?
Ricci: Jeder, der mir ernsthaft ein Zitat aus meiner Jugend vorhält, sollte mal seine geistigen Schranken abschütteln. Aber ich bereue nichts davon, ich war ja nur ein Teenager. Und ich bin froh, dass ich immer auf meine Weise ehrlich geblieben bin.
Morgenpost Online: Das heißt, damals waren solche Aussagen durchaus ernst gemeint?
Ricci: Ich meine, ich blieb meiner Persönlichkeit treu; die Sachen an sich waren natürlich nicht ehrlich.
Morgenpost Online: Wann fühlen Sie sich heutzutage am glücklichsten?
Ricci: Wenn ich mit meinen Hunden zuhause bin und fernsehe. Ich bin ein wahrer TV-Junkie. Momentan ist die Comedy-Serie "The Office" mein Favorit. Ich liebe, liebe, liebe sie.
Morgenpost Online: Aber offenbar werden Sie auch von heftigen Ängsten heimgesucht. Angeblich fürchten Sie sich, allein im Pool zu schwimmen und können Zimmerpflanzen nicht ausstehen.
Ricci: Ach, die Menschen, nehmen einfach alles zu wörtlich. Ich versuchte einfach, schlagfertig zu sein.
Morgenpost Online: Sprechen Sie nur in Interviews so oder auch gegenüber Ihren Freunden?
Ricci: Offensichtlich verhalte ich mich bei meinen Freunden genauso. Man sagt mir nach, ich sei schwer zu entziffern. Die Menschen verstehen nicht, ob ich es ernst meine oder nicht.
Morgenpost Online: Gibt es überhaupt jemand, der Sie verstehen kann?
Ricci: Meine Schwester und mein Freund. Sie durchschauen mich zwar nicht völlig, aber sie kennen mich recht gut.
Morgenpost Online: Sie gehen doch auch seit Jahren zum Psychoanalytiker. Wie wichtig ist das für Ihre Selbsterkenntnis?
Ricci: Sie sind sehr heilsam für mich. Ich muss nicht meine Freunde mit meinen Problemen behelligen, sondern ich bezahle jemanden dafür, dass er mit mir solche Sachen durcharbeitet. So kann ich verstehen, wie ich funktioniere.
Morgenpost Online: Was haben Sie denn zum Beispiel verstanden?
Ricci: Um Gotteswillen, das erzähle ich doch nicht im Interview.
Morgenpost Online: Wie sehr hilft Ihnen die Schauspielerei für Ihre Weiterentwicklung?
Ricci: Sie ist ebenfalls sehr wichtig. Manche meiner Filme hatten zwar keinen Erfolg, aber über so etwas habe ich nun mal keine Kontrolle. Für mich kommt es in erster Linie darauf an, dass ich etwas Neues über mich herausfinde. Und so ein Geschenk bekomme ich bei jedem Film.
Morgenpost Online: Was hat Ihnen "Black Snake Moan" geschenkt?
Ricci: Ich bin insgesamt sicherer geworden. Ich habe es auch gelernt, mein Talent viel mehr zu schätzen. Ich hielt mich schon vorher für eine gute Schauspielerin, aber durch diesen Film begriff ich, dass ich etwas Besonderes tun kann, wozu andere Leute nicht so imstande sind.
Morgenpost Online: Sie haben also zum ersten Mal begriffen, wie gut Sie als Schauspielerin sind?
Ricci: Ich habe begriffen, dass ich eine ganz spezifische Schauspielerin bin.
Morgenpost Online: Und worin besteht dieses Spezifische?
Ricci: Ich bin jemand, der sehr gut darin ist, sich völlig in einer Rolle zu verlieren. Bei diesem Film habe ich sechs Wochen lang auf einem derart hohen Adrenalin-Pegel gelebt, dass ich nachher richtig abgesackt bin. Das Gefühl des Verlusts war so groß.
Morgenpost Online: Wie erwachsen Sie sind eigentlich inzwischen?
Ricci: Noch nicht genug. Ich habe noch einiges vor mir.
Morgenpost Online: Gibt es Grenzen des Wachstums für Sie?
Ricci: Ein Meter 55. Das ist meine Körpergröße. Dabei wünsche ich mir seit Jahren, größer zu sein. Denn da kommst du viel leichter an Sachen ran.
Morgenpost Online: Und das meinen Sie ernst oder ironisch?
Ricci: Das ist wirklich ernst gemeint. Das dürfen Sie mir glauben.

