Sie heißt Angie und ist das Kind amerikanischer Sitcom-Autoren. In den USA hat sich RTL eine neue Comedy-Figur entwickeln lassen – ein deutsches Nachfolgemodell von Miranda aus „Sex and the City“.
Angie ist 30, Single, arbeitet in einer Parfümerie, und wenn sie nicht gerade Luftballons für den Lippen-Aktionstag aufpustet oder mit ihrem schwulen Kollegen (Roland Peek) und ihrer chaotischen Freundin (Charlotte Bohning) „Dirty Dancing“ guckt, träumt sie sich in eine Zeit, als Männer noch Mammuts jagten und auch sonst recht gefährlich lebten: „Der nächste Kerl kriegt eine Keule über den Kopf – und dann ziehe ich ihn zu mir in die Höhle.“ Jene Angie, die zunächst in acht Folgen immer freitags ins Programm kommt, ist Mirja Boes, kesse Blonde aus der Sat.1-Comedy „Die dreisten Drei“.
Für die Lehrertochter aus dem nordrhein-westfälischen Viersen soll die Rolle zum Sprungbrett werden. Sie hat schließlich in Leipzig Musical studiert, ist als Sängerin mit „20 Zentimeter, nie im Leben kleiner Peter“ durch deutsche Festzelte gezogen und hatte erste Erfolge 1996 mit einer Band, die den Schlager durch den Wolf drehte: „Die Fabulösen Thekenschlampen.“
Boes hat eine charmant-raubauzige Art. Sie brachte ihr den Spitz- und späteren Künstlernamen „Möhre“ ein. „Ich habe im Fernsehen immer gerne die ,Rappelkiste’ mit Ratz & Rübe gesehen, den beiden Puppen. Meine Mutter hat gesagt, ich erinnere sie an Rübe, die hat auch so eine wilde Stimme. Die Kinder aus der Grundschule haben Möhre daraus gemacht. Das klingt netter.“
Sat.1 bezeichnet sie auf seiner Homepage als „sexy Blondine mit der großen Klappe“. Wie es scheint, hat sie ihr alter Sender unterschätzt. Mirja, die Möhre, spricht englisch, französisch, spanisch, italienisch. Sie spielt Fagott und Klavier. Sie singt, moderiert und synchronisiert Zeichentrickfilme.
Im nächsten Jahr ist für Mirja Boes Schluss mit den „Dreisten Drei“. „Wenn man vier Jahre lang Sketche gespielt hat, ist man froh, auch mal längere Szenen drehen zu dürfen“, sagt die Freeclimberin. „So ein Sketch dauert maximal drei Minuten. Bevor man sich richtig in eine Figur hineingekniet hat, ist die Nummer vorbei.“
In „Angie“, ihrer eigenen Sitcom, erlebt man Mirja Boes von einer neuen Seite. Hinter der Fassade der Powerfrau schimmert ein zartes Mädchen durch, das ahnt, dass seine Mutter (herrlich gluckig gespielt von Angelika Milster) den Nagel auf den Kopf trifft, als sie nüchtern feststellt: „Angie, dein Leben ist eine Katastrophe. Du hast keinen Mann, trägst scheußliche Klamotten – und dein Arsch wird auch langsam schlaff.“
Mirja Boes bewegt sich in der Rolle mit einer Leichtigkeit, die man ihr nicht zugetraut hätte. Dabei sei ihr die Figur der Parfümverkäuferin nicht schwer gefallen, sagt die 33-Jährige. In „Angie“ stecke viel von ihr. „Ich bin nicht ganz so chaotisch. Aber das Laute, Respektlose hat sie schon von mir. Meine Mutter hat die ersten beiden Folgen gesehen, und gesagt: Mirja, du spielst dich selbst.“
Damit bekam die Kölner Sony-Productions genau das, was sie sich vorgestellt hatte, als sie das amerikanische Autorenehepaar Karen Wengrod und Ken Cinnamon damit beauftragte, der 1,68 Meter großen Kölnerin eine Rolle auf den Leib zu schreiben. Produzent Christian Munder sagt: „Angie sollte sich das Recht herausnehmen, zu tun, was ihr gefällt, auch wenn sie dabei Fehler macht. Wir hatten an eine Figur gedacht wie Bridget Jones aus „Schokolade zum Frühstück“ – nur emanzipierter. Angie soll sich nicht nur über Männer definieren.“
Es war nicht das erste Mal, dass die Kölner Comedy-Fabrik („Die Camper“) auf die Dienste des Autorenehepaars zurückgriff. Von Wengrod & Cinnamon stammen schon die Idee und der Plot für die mehrfach preisgekrönte Krankenhaus-Sitcom „Nikola“ (RTL). Christian Munder sagt, die Amerikaner beherrschten die Kunst, Handlungen zu verdichten. „Wofür ein deutscher Drehbuchautor drei Seiten braucht, das schaffen sie auf einer halben.“
„Angie“, ab 24. November, freitags, 21.45 Uhr, RTL





