Es ist heute schwer zu sagen, wann er vielen Deutschen, die ihn einmal glühend als Idol verehrten, peinlich wurde. Als die siebziger Jahre abgelaufen waren? Diese merkwürdig bewegte Zeit zwischen dem Aufbruch 1968 und jener angeblich geistig-moralischen Einkehr 1982?
Udo Lindenberg lebt seitdem in Hotels in Hamburg und Berlin. Gelegentlich sogar in Weimar, wo er Hitlers berüchtigte Suite 100 im "Elephant" bewohnt, um unverdrossen braune Geister zu vertreiben. Lindenberg sang in den trüben achtziger Jahren Lieder wie "Wozu sind Kriege da?" oder den "Sonderzug nach Pankow". Er trat im Palast der Republik vor höflich klatschenden Genossen auf. Besonders witzig fand er es, den Spießer Erich Honecker mit einer Lederjacke zu beglücken und dem Glückwunsch "Urbi et Gorbi". Und wenn Lindenberg seither eine der Lindenberg'schen Floskeln aus den siebziger Jahren äußerte, ließ er den Hut auf der trainierten Kopfhaut lustig tanzen.
Viele hörten also damals auf, beim Gehen taumelig zu federn und die Lippen feucht zu schürzen. Kaum noch einer, der zum Zappelgruß "Hallöchen" hauchte. Große Schallplatten wie "Ball Pompös" oder "Galaxo Gang" verschwanden in der zweiten Reihe. Mancher, der die Alben heimlich hörte, weinte noch gerührt ins Kissen, hätte aber nie wieder gewagt, den Sänger, der wie eine Eigenparodie durch zwei gelähmte Achtziger-Jahre-Länder geisterte wie anschließend durch ein vereint verwirrtes Land, als jenen ewig unerreichten deutschen Pop-Dichter zu loben und zu feiern, der er ist. In diesen Tagen bricht der große Udo Lindenberg noch einmal auf zum 30. Geburtstag seines Panik-Orchesters. Die Tournee von Timmendorf nach Berlin. Die Autobiografie "Panikpräsident". Ein weiteres Album seiner besten Lieder.
Niemand muss das sehen, lesen oder hören, um die Scham zu überwinden. Um die kulturellen Leistungen zu würdigen, die Udo Lindenberg an Land und Volk vollbracht hat. Auch wenn er mit Sonderzügen unbeirrt die Republik durchfährt, Pappmauern durchbricht und lallt: "Supergeile Äktschn. Gegen die Mauer in den Köpfen und so."
Vielleicht spricht es für Udo Lindenberg, dass vielen Deutschen heute mehr zu seinem Spott einfällt als zum verdienten Ruhm. Es ist zu lange her, und Udo Lindenberg muss wirklich groß gewesen sein. Er war ein 58-er. Ein schlechter Schüler aus Gronau, Westfalen, der bereits im Rock 'n' Roll Befreiung und Durchlüftung spürte. Als die Väter sich als Kriegsheimkehrer über die Randale bei Bill Haleys Gastspielen empörten, sagte er: "Nun sahen sie in ein paar zerbrochenen Klappstühlen den Untergang des christlichen Abendlandes." Deshalb ging er fort aus der Provinz. Er trommelte als Wunderkind des Jazz und stürzte sich als Liftboy im Düsseldorfer Hotel Breidenbach, im "Nobelpalast der Wirtschaftswundergesellschaft", vom "wärmenden Gronauer Mief in die Eisfluten der Marktwirtschaft".
Lindenberg begann auf ausgesprochen deutsche Art zu schwanken zwischen Fern- und Heimweh, zwischen maritimer Sehnsucht und dem Traum der triumphalen Rückkehr in Ruhm und Reichtum an den Ort seiner Herkunft. Davon handeln seine besten Songs. Das hat den Einen früher Angst gemacht, die Anderen äußerst froh.
Als Lindenberg nach Hamburg kam, im Winter 1968, war der frühe Rock längst wieder fortgezogen. Es ging plötzlich darum, ob sich Pop nach Auschwitz noch gehöre, um das große Ganze und die eigene Kultur. Das erste Album "Lindenberg" erschien auf Englisch und fand 700 Käufer. Lindenberg versuchte es auf Deutsch mit "Hoch im Norden" und schoss in der Hitparade an Roy Black vorbei und Heino. "Nun steh ich wieder an der Autobahn und halt den Daumen in den Wind", begann die erste deutschsprachige Platte Udo Lindenbergs. Sie zählt für alle Zeiten zu den wesentlichen Alben hier zu Lande, neben "Autobahn" von Kraftwerk, "Monarchie und Alltag" von den Fehlfarben und Blumfelds "Ich-Maschine". Folk-Balladen wechseln sich mit Jazz- und Krautrock ab und unkorrekte Tramperpoesie mit damals bereits bangen gentechnischen Zukunftsfantasien. Dass es Lindenberg nie wirklich in die achtziger Jahre schaffte, hat mit Vatermord zu tun. Es hätte ohne ihn die Neue Deutsche Welle nicht gegeben, weder Tocotronic, noch Die Ärzte oder Fettes Brot, nicht Westernhagens seelenloses Röhren noch die aufrüttelnden Hymnen Grönemeyers. Nur es traut sich selten jemand, das so zu sagen.
Lindenberg, der Pionier: "Die eigene Sprache wiederfinden. Sankt-Pauli-Poesie statt Liverpooler Allerlei. Straßensprache. Die Nazis hatten ja auch das Umgangsdeutsch pervertiert. Das Ergebnis war die nachkriegsdeutsche Schlagerunterhaltung. Schwülstige Worthülsen. Ich würde in der Sprache von Goethe und Herder, Leichtmatrosen und Luden jodeln. Mit einer naturbelassenen Stimme, damit ganze Generationen erfolglos rätseln würden, was unwiderstehlich erotisierend war an diesem unmöglichen Gejodel."
Lindenberg hat dafür eine Kunstfigur geformt und sie durch Schelmendramen torkeln oder tänzeln lassen: seinen "Udo". Ein naiver Volkstherapeut hat Hedonismus gelehrt, Androgynität, Außenseitermoral und eine sehr deutsche Form der Coolness, pendelnd zwischen Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn. Der fand die Reime auf der Straße, in Puff oder Suff. Alliterierend bevölkerten tragische Volkshelden wie Rudi Ratlos, Bodo Ballermann oder Votan Wahnwitz das Land der Dichter und Denker in den siebziger Jahren das Land von Otto Waalkes und Günter Netzer. Peter Zadek half ihm, Rock als Volkstheater aufzuführen.
Was sollte er machen in den Achtzigern und später, als ihn seine Epigonen in den Schatten schoben? Er trat als Marlene Dietrich auf und malte Bilder mit Likör. Er liebte Nena und sah in "Rock gegen Rechts" den Ausweg aus jugendkultureller Blödheit. Zuletzt sang Udo Lindenberg: "Hallo Deutschland, kannst mich hören? Hallölöchen, hallo. Joddeldido."
Er bleibt ein Held der deutschen Dichtkunst. Dennoch.
Autobiografie: Udo Lindenberg: Panikpräsident. Random House, München. 290 S., 21,90 Euro. Konzerttermine: 9.2. Frankfurt/M., 11. Rostock, 12. Bremen, 13. Hamburg, 14. Hannover, 15. Berlin.

