Mein Onkel ist Zauberer/In Bonn am Rhein... /Hokuspokusmann, hat ne Menge drauf/Doch eines gibt's, was er nicht kann/Eine bessere Welt kann auch er nicht zaubern/Da muß man sich schon selbst drum kümmern/Und ich fang jetzt damit an Udo Lindenberg, 1972

Sogar das familiäre Sonntagabendritual des "Tatort"-Guckens ist mit Udo Lindenberg verknüpft. Er trommelt die Erkennungsmelodie seit 1970. Damals war er 24 Jahre alt und musizierte für Klaus Doldinger. Zunächst galt Lindenberg als Wunderkind im deutschen Jazz. Dann stiftete er eine glaubwürdige deutschsprachige Rockmusik. In dieser Heldenrolle taumelte er drei Jahrzehnte durch die politischen Verhältnisse. Nun kommt er folgerichtig im Museum an.

Haus der Geschichte, Bonn, 20.15 Uhr. Pünktlich mit Beginn des deutschen Feierabends tritt er auf die Bühne im Foyer, dort werden die Reliquien gezeigt. Die Hüte und die "Panik"-Gürtelschnallen. Ein Bundesverdienstkreuz, das Schlagzeug seiner ersten Gruppe Dixie Devils, ein Zigarettenetui mit Marlene-Dietrich-Gravur. Ein Skatspiel mit ihm als Karobuben. Udo - wer ihn nicht als lächerlichen Altrocker verachtet, sondern als historische Figur begreift, sagt Udo -, Udo also, läßt vergnügt sein Hütchen auf der Kopfhaut tanzen und die Hände flattern, jeder Deutsche kennt das. "Ich bin förmlich erschlagen von der eigenen Geschichte", nuschelt er. Der Wahlneffe von Willy Brandt dient sich noch einmal an als "Panikpräsident der Bunten Republik", aber bald eilt ihm seine Band zu Hilfe und begleitet ihn mit Rockmusik. Museumsangestellte, Zeitzeugen und Gäste sind gerührt, sie tragen Ohropax.

Sie haben recht in Bonn. Vom Palais Schaumburg zogen seine Bilder, seine "Udogramme", seine patentierten "Likörelle" geradewegs hierher. "Der Gerd" war da, der Kanzler, und der Maler Markus Lüpertz lobte wieder Udos "Hutromantik". Werk und Udo, sie sind eins. Was Udo sorgt und ihn umtreibt, findet sich in seinen Songs und Bildern wieder. Er nimmt Politik persönlich. So wie Udo sich vor 32 Jahren in ein Ost-Mädchen verliebte, einen sehnsüchtigen Song darüber schrieb und gegen die Berliner Mauer rannte, bis sie nachgab.

Rocker wurde er, als sich die von den Schlachtfeldern Europas Heimgekehrten in der Kneipe darüber beschwerten, daß die Jugend zu Bill Haley ihr Gestühl zerlegte. Udo war ein 58er. Er zog aus der westfälischen Provinz hinaus und kam in Hamburg ausgerechnet 1968 an, als auch die Linken diesen Rock für etwas dümmlich hielten. "Die politischen Masochisten fragten: Wie kann man nach Auschwitz noch Popmusik machen", erinnert Udo. Unbeirrt nahm er nach einem englischsprachigen ein deutsches Album auf. "Daumen im Wind" beschwor den Aufbruch. Freundschaft mit den Eskimos und "Urwaldnegern" statt Alpenglühen und Italienurlaub. Lindenberg erfand die Spaßgesellschaft, allerdings auf dem soliden Fundament eines Gewissens, das er mit dem Bundeskanzler teilte. Willy Brandt versprühte einen ähnlich herben Charme, er mochte seine Zuhörer, er kämpfte um den Osten. Lindenberg nahm in den Siebzigern seine großen Platten auf, die schönsten Moritaten und Balladen. Peter Zadek inszenierte ihm die "Dröhnlandsinfonie". Der "Stern" befragte 1979 die 17- bis 23jährigen nach ihren Idolen. Udo kam auf Platz drei, nach John F. Kennedy und Albert Schweitzer, vor Sepp Maier.

Ein großes Rätsel gibt diese historische Figur des Rockstars auf. Das können auch die aufschlußreichsten Exponate nicht lösen: Warum ließen Udos Lieder so erschütternd nach? 1981 kam "Udopia" heraus, ein letztes durchweg großartiges Album. Dann kam Kohl, die Poesie verlor. Es heißt: der Alkohol. Man sagt: die Harmoniesucht eines unerschrockenen Philanthropen. Vielleicht haben ihn Atomstrom und Raketen nur so sehr empört, daß er sich besser neben Heinrich Böll beim Wahlkampf "Grüne Raupe" aufgehoben fand. Beim Festival "Rock gegen Rechts", im Film "Nachdenken über Deutschland".

Außerdem befand sich Udo auf seiner historischen Mission. Eine Vitrine zeigt aus merkwürdigsten Materialien hergestellte Kleinstikonen, die sich seine Ost-Gemeinde an verwaschene Jeansjacken zu heften pflegte. Ausgestellt ist auch der dickleibige Stasi-Ordner. Udos Songs hatten die DDR längst infiltriert, bevor er sich um ein Konzert bemühte. Mit dem "Sonderzug nach Pankow" und in aller Höflichkeit mit Briefen. Im Oktober 1983 trat er im Palast der Republik auf, "Rock für den Frieden", Funktionäre klatschten artig. Draußen tobte schon das Volk von 1989. Erich Honecker wurde von Lindenberg mit einer Lederjacke überrascht und revanchierte sich mit einer FDJ-Schalmei, die Stücke sind in Bonn zu sehen als zentrale Exponate. Wandel durch Annäherung. 1986 nölte Udo visionär: "Ihr Indianer, Arbeiter und Bauern, wir springen über alle Mauern."

In den Neunzigern wurde der wahr gewordene Lindenberg'sche Lebenstraum verwaltet. Udo trat als Mahner auf: Die Bunte Republik und so, locker gegen Nazis, ne? Er fing zu malen an, auch um sich selbst zu karikieren. Er bewegt sich heute freundlich zwischen den erklärten Enkeln der Sozialdemokratie, weil die den Udo mögen wie ihn schon der Willy mochte. Er verströmt schließlich Geschichte.

"Keine Panik. Udo Lindenbergs bunte Republik", bis 29. Mai