"Schlag nach bei Shakespeare, und die Frauen sind hin!" Diesen Abschlepptipp gab einst Cole Porter allen Männern mit auf den Weg und hatte Recht: Shakespeare geht ja immer. Ganz egal, worum sich das Gespräch gerade dreht, da gibt es bestimmt einen Anknüpfungspunkt. Zum Beispiel beim Flurfunk im Büro. Die Abteilung bekommt eine neue Chefin? „Ja, ich hab gehört, das ist eine echte Lady Macbeth“. Wer keine Ahnung hat, wird eifrig nicken, um genau das zu vertuschen, und die anderen wissen nun: Die Neue ist eine Intrigantin, die andere manipuliert, um ihre Machtgeilheit auszuleben und dabei über Leichen geht – spätere Schuldkomplexe, Wahnsinn und Waschzwang nicht ausgeschlossen.
Auf historischen Gemälden mag Shakespeare ein Mann im Wams sein, mit hoher Stirn und neckischem Ohrring. Aber doch irgendwie altertümlich und verdammt weit weg. Doch wer sich erst ein- und dann festliest, merkt: Diesem Mann war nichts Menschliches fremd. Bei ihm findet sich alles, was uns noch heute bewegt. Machtspiele und Mordpläne, Liebe und Sex, Männer in Frauenkleidern und umgekehrt.
Beispiele? Aber gerne. Im „Mittsommernachtstraum“ ist das komplette Liebesleben der Eheleute Strunz und Effenberg vorweg genommen, einschließlich Bäumchen-wechsel-dich und der Erkenntnis, dass am Ende irgendein armer Depp einen Eselskopf aufhat. Seine hysterische, pubertierende Teenagertochter erkennt jeder Vater in Romeos Julia wieder – und kann nur hoffen, dass sie bei der ersten Liebe vielleicht nicht ganz so radikal zur Drama Queen mutiert.
Wie in „Der Widerspenstigen Zähmung“ einer Frau das von verunsicherten Männern erwünschte Verhalten aufgezwungen wird, hat einen Hauch von Eva Herman (nur, dass es bei Shakespeare noch keine Autobahn gab). „Der Sturm“ ist nichts anderes als eine frühe Parabel auf Zivilisation und Klimakatastrophe.
Und Schalkes Sieg im Uefa-Cup 1997 gegen Inter Mailand hat Shakespeare natürlich ebenfalls vorweg genommen: In der Schlacht von Azincourt, in der ein mickriges Häuflein englischer Kämpfer nach einer Motivationsrede von Huub Stevens, pardon, Heinrich dem Fünften die Franzosen besiegt. Von Reiner Calmunds Vorwegnahme als Sir John Falstaff ganz zu schweigen.
Shakespeare ist unkaputtbar. Guildo Horn schaffte es nicht, ihn in Grund und Boden zu spielen. Inszenierungen an Provinztheatern, die sich dank seiner Popularität finanziell sanieren wollen, können ihm nichts anhaben. "Viel Lärm um Nichts" ist gespielt von drei Männern in wechselnden Outfits irgendwo in einem englischen Park nicht weniger unterhaltsam als präsentiert von der kompletten Royal Shakespeare Company. Schauspieler träumen davon, in Würde vom Hamlet zum Lear zu altern.
Und wären die Bosse der Hollywoodstudios schlau, sie hätten während des Autorenstreiks statt drei Handvoll flachster Beziehungskomödien schlicht ein paar Shakespeare-Stücke verfilmt. Schließlich gibt es da reichlich saftige Stoffe, und selbst das größte Drama hat noch einen Trottel vom Dienst, der zwischendurch für Lacher sorgt.
Klar, nicht jeder Zielgruppe darf man mit jedem Shakespearetext kommen. Vegetarier zum Beispiel finden die Debatte um eine Portion Fleisch im „Kaufmann von Venedig“ selten appetitlich. Politische Intriganten haben wenig Spaß an „Julius Cäsar“, weil sich alle immer in Brutus wieder erkennen. Und auch, wer Frauen mit Shakespeare beeindrucken will, sollte eine Faustregel beherzigen: Hüten Sie sich davor, die Auserwählte direkt mit einer Figur aus einem seiner Stücke zu gleichzusetzen.
Schließlich trifft man in Anglistik-Seminaren immer noch mehrheitlich Frauen. Kann also sein, dass die potenzielle Partnerin Ahnung hat von Lady Macbeth (manisch/siehe oben), Julia (hysterisch/ebenfalls), Desdemona (vom Gatten ermordet) und Ophelia (endet als Wasserleiche). Deshalb gilt im Zweifel: Lieber Textkenntnis zeigen als direkte Vergleiche riskieren. Schließlich geht der am Anfang schon erwähnte Cole-Porter-Text aus „Kiss me Kate“ in der deutschen Fassung so weiter: „Deklamierst du ’n paar Zeilen aus Othello, lässt die Gnäd’ge sich streicheln wie’n Cello.“




