Anti-Gewalt-Konzert

Reime wie Eisenstangen - Krach um Bushido

Er rappt von "Schwuchteln", "Opfern", "Nutten". Der Berliner HipHopper Bushido hat viel Erfolg mit schlimmen Texten. Besonders bei jungen "Bravo"-Lesern. Am Samstag will er vorm Brandenburger Tor gegen Gewalt an Schulen singen. Das finden Politiker und Eltern ziemlich mies.

Foto: AP

Für Samstag hat die Zeitschrift „Bravo“ in Berlin ein Konzert gegen Gewalt an Schulen anberaumt, ein Festival unter dem Leitgedanken „Schau nicht weg!“ am Brandenburger Tor. Bereichert wird die Kundgebung von Anis Mohamed Ferchichi, der sich mit dem Kampfnamen Bushido und seinem Gewalt eher lobenden HipHop unter Schülern einer rätselhaften Zuneigung erfreut.

Die „Bravo“ kündigte Bushidos Mitwirken beizeiten an. Ein 56 Meter hoher Starschnitt wurde am Berliner Zoo drapiert. Seither tobt die Debatte, ob man für den guten Zweck den Bock zum Gärtner machen dürfe. „Bravo“ wolle „den Teufel mit dem Beelzebub austreiben“, wettert der geschäftsführende Grüne Volker Beck. Die CDU schickt ihren Generalsekretär Frank Henkel vor, der den „Brutalo-Rapper höchst bedenklich“ findet. Hier und da wird Auftrittsverbot gefordert.

Der rappende Beelzebub und die Politik


Elternaktivisten, Schwulensprecher, Leitartikler debattieren heute heftig über Fragen, die in „Bravo“ aufgeworfen werden. Von Bushido wird der Schwarze Peter dankbar an die Debattierenden zurück gespielt: „Wenn Politiker ihrem Volk einreden wollen, dass ich die Quelle allen Übels sei, nur damit sie besser schlafen können, bitte schön. Ich durfte schon die Welt beim G8-Gipfel nicht retten. Aber wenigstens die Kinder möchte ich retten.“

Die Gewaltandrohungen des Deutsch-Tunesiers aus Tempelhof sind durch den öffentlichen Ärger legendär: „Berlin wird wieder hart, denn wir verkloppen jede Schwuchtel / Du Nutte kannst nach Hause gehen / Ab jetzt ist es Hardcore, du Opfer.“ Oder: „Meine Reime sind Eisenstangen und brechen deine Beine.“ Zur Erklärung weist Bushido häufig auf den Hauptschulalltag hin. Er ist kein leuchtender Lyriker und kein geschmeidiger Rapper.

Seine Stilmittel sind gutes Aussehen und Eloquenz. Vor allem aber das Versprechen des rasanten Aufstiegs, der sich wie von selbst zu meistern scheint. Durch darwinistische Verwünschungspoesie und Machtanmaßung. Kürzlich machte er sich über die bescheidenen Einkünfte der Polizisten lustig. Das Gejohle auf den Pausenhöfen konnte man sich dazu denken. Wer solchen Erfolg bewundert, kauft Bushido alles ab und lässt den Status wachsen. Darum geht es: um die nächste Runde. Oder wie Claus Kleber sich mal einen Rap im „Heute Journal“ leistete: „Bushido lacht sich krank / Auf seinem Weg zur Bank.“

Bravo braucht Bushido und umgekehrt

Am 31. August erscheint Bushidos nächstes Album „7“. Was im Einzelnen darauf zu hören sein soll, wird geheim gehalten. Bisher ist ein Stück bekannt, samt Horror-Video, und das Bild auf der CD: Bushido mit Hannibal-Lecter-Maske. Mit dem Hinweis also auf ein bürgerliches Grusel-Kunstwerk. Es ist seine erste Platte für die Firma Sony BMG bei Bertelsmann, wo man viel Wert auf Ethik legt.

Vom Sony-BMG-Chef Edgar Berger wird Bushido als begabter Musiker verteidigt, der gegen Gewalt an Schulen kämpft und mit der FSK kooperiert. Es geht der Plattenindustrie bekanntlich nicht sehr gut. „Die Ereignisse an der Rütli-Schule haben uns wachgerüttelt“, sagt Tom Junkersdorf als Redaktionsleiter der „Bravo“. Aufgeweckt hat das malade Magazin auch der umstrittene, fotogene und für Jungs höchst interessante Rapper. Hier berichtet „Bu“ von seiner schweren Kindheit, „Bravo“ ist dabei, wenn Bu sich auf den Unterarm den Namen seiner Mutter tätowieren lässt.

In „Bravo“ ruft Bu zum Besuch des Festivals gegen Gewalt auf: „Man terrorisiert keine Mitschüler.“ Auch Ferchichi braucht „Bravo“, um Bushido, seine Kunstfigur, am Popmarkt zu platzieren und aus allen Perspektiven attraktiv wirken zu lassen. Und authentisch: Wegen einer Prügelei in Linz musste Bushido einmal für zwei Wochen ins Gefängnis, und er konnte reumütig die Jugend vor sich selber warnen wie ein wahrer Ghetto-Gangster.

Die Selbstreinigung eines Provokateurs

Als Verbrüderungsorgan klagt „Bravo“, dass „Politiker Jagd auf deutsche Rapper machen“, über die „Moralapostel“ und über Gewalt als „neuem Hauptfach“ an der Schule. Manchmal macht einen die Dialektik schwindelig – was man der Debatte deutlich anmerkt. Die von „Bravo“ und Bushido unterhaltene Verwertungsmühle wird allein durch die geringe Zufuhr von Erregungsenergien betrieben. Wenn etwa Bernd Neumann als Kulturstaatssekretär den Rap verbieten möchte. Oder wenn Bushido sagt: „Ich finde es traurig, dass sich die Öffentlichkeit so leicht provozieren lässt.“ Dann läuft der Laden.

Rollenmodell oder Rollenprosa? Irgendwo dazwischen, wo Bushido sich behaglich eingerichtet hat, muss eine Wahrheit liegen.Selbstverständlich ist die Popgeschichte voller böser Lieder über Sexprotze und Frauenfeinde, Raufbolde und andere schlechte Vorbilder. Sie ist auch voller Böcke, die sich selbst zum Gärtner machen.

„Die Selbstreinigungskräfte der Subkulturen“, beschwört Omid Nouripour. Der Sprecher der Grünen Bundesarbeitsgemeinschaft MigrantInnen und Flüchtlinge begrüßt den morgigen Auftritt von Bushido herzlich: „So entfremdet er seine Reime vom Anspruch der Realness und macht sie zu dem, was sie sind: Liedtexte.“