Eröffnungskonzert

Hart, härter, Metallica in der O2 World

Heute erscheint mit "Death Magnetic" das neue Album von Metallica. Und heute Abend wird die kalifornische Metal-Truppe als erste Rockband die längst ausverkaufte O2-World-Halle in Berlin eröffnen und die neuen Songs live vorstellen. Radio-Moderatorin Anja Caspary sprach mit Metallica-Sänger und -Gitarrist James Hetfield.

Die vier gestandenen Familienväter von Metallica gehen inzwischen zurück an ihre musikalischen Wurzeln und klingen so rau wie lange nicht mehr. Anja Caspary im Gespräch mit Metallica-Sänger und -Gitarrist James Hetfield.

Morgenpost Online: Der Erlös der Ticketeinnahmen für ihre Show heute Abend geht an das Deutsche Herzzentrum Berlin. Mit der Spende wird eine Herz-Lungen-Maschine für Kleinkinder finanziert...

James Hetfield: Genau - wobei ich die nach dem Konzert wahrscheinlich selbst gebrauchen könnte! Aber klar, das Wohl von Kindern liegt uns am Herzen. Wir waren schließlich mal selber welche, sogar ich (lacht). Und da ich drei Kinder im Alter von 6, 8 und 10 Jahren habe, weiß ich, wie viel Verantwortung das mit sich bringt und wie wichtig einem ihr Wohlergehen ist. Wir vier von Metallica haben insgesamt 10 Kinder (ich drei, Robert Trujillo hat zwei, Lars Ulrich drei und Kirk Hammett hat zwei - da kommt fast eine Fußballmannschaft zusammen!

Morgenpost Online: Gibt es da nicht eine zusätzliche Konkurrenz unter den Metallica-Vätern - Nicht nur, wer die besseren Songs schreibt, sondern wer der bessere Daddy ist?

James Hetfield: Ha, das ist gar nicht so weit entfernt von der Wahrheit! Natürlich fordern wir uns nach wie vor als Musiker gegenseitig heraus, aber es gibt auch einen Wettbewerb, ein besserer Mensch zu werden und dies unseren Kindern auch vorzuleben.

Morgenpost Online: Beeinflusst das auch Ihre Texte?

James Hetfield: Na ja, ich habe schon bemerkt, dass ich als Vater meine Zunge im Zaum halte und nicht mehr so viel fluche. Irgendwie beunruhigend, aber anscheinend muss ich mit zunehmendem Alter auch nicht mehr alle schockieren. Und was meine Texte angeht, da richte ich mich nach niemandem. Ich schürfe so tief wie möglich und kehre mein Innerstes nach außen. Ich verstecke meine Gefühle ja auch nicht vor meinen Kindern, wie es in meiner Kindheit leider oft der Fall war. Ich versuche Ehrlichkeit vorzuleben.

Morgenpost Online: Manche Texte auf dem neuen Album "Death Magnetic" drücken Todessehnsüchte aus, sie sind so ehrlich und glaubhaft, dass sie von Gefährdeten fast als Anleitung zum Selbstmord verstanden werden könnten!

James Hetfield: Ich hoffe nicht, dass ich Menschen zu etwas anstifte. Ich denke, manche fühlen sich verstanden und denken noch mal drüber nach. Das ist genau das Thema von "Death Magnetic": Die Beschäftigung mit dem Tod. Nicht viele Leute denken gerne an ihr eigenes Ende, ich tue es und Lars auch. Mich fasziniert, dass es, wie bei einem Magneten, eine Seite gibt, die dich anzieht und eine andere, die dich abstößt. Warum werden manche Leute regelrecht zum Tod hingezogen und fühlen sich erst richtig lebendig in der Gefahr? Und warum gibt es Leute, die am liebsten gar nicht übers Sterben nachdenken? Deshalb haben wir ja auch das Sargmotiv auf dem Album: Jeder weiß, dass er sterben wird, aber keiner redet darüber. Wir schon.

Morgenpost Online: Möchten Sie lieber im Vollbesitz Ihrer Kräfte früh aus dem Leben gerissen werden oder möchten Sie uralt werden, auch wenn es mit körperlichem Verfall und langem Leiden einhergeht?

James Hetfield: Gute Frage. (Denkt lange nach) Ich denke, ich sterbe, wenn es eben so sein soll. Ich will es nicht forcieren, denn das habe ich früher zur Genüge getan. Den Prozess der Vergänglichkeit verschnellern, meine ich... jetzt warte ich lieber gelassen ab.

Morgenpost Online: Die Neugier, was "Death Magnetic" betrifft, wird verständlich, wenn man weiß, dass der Vorgänger "St. Anger" unter großen Problemen entstanden ist, die dokumentiert wurden im Film "Some Kind of Monster". Kommen Sie denn wieder miteinander klar?

James Hetfield: Der Film war ein wunderbarer Spiegel für uns. Er zeigt auf, wie eine Band im Begriff ist, sich selbst zu zerstören. Für den Zusammenbruch eines Menschen vor der Kamera gab es kein Drehbuch. Ich bin ja nicht der Typ, der einen Kameramann herbeiwinkt, wenn ich mich schlecht fühle und sage: "Hey, film mich mal." Einer der größten Bandkiller ist das Ego und der Umstand, dass Leute irgendwann nicht mehr miteinander klar kommen.

Morgenpost Online: War die Gefahr nicht gegeben, dass im Studio bei den Aufnahmen zu "Death Magnetic" wieder die Egos aneinander geraten?

James Hetfield: Nein, diesmal gab es keine Kämpfe mehr. Es ist ja auch nichts Schlechtes daran, die Initiative zu ergreifen. Irgendeiner muss das Steuer ja in der Hand halten und in der Regel sind das bei Metallica nun mal Lars oder ich. Die anderen können aber jederzeit etwas dazu beitragen und das funktioniert.

Morgenpost Online: Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

James Hetfield: Zuerst einmal haben wir eine sehr gute Platte gemacht und es ist kein Blut dabei geflossen. Niemand ist im Krankenhaus gelandet. Wir sind 27 Jahre zusammen. Dafür will ich einen "Award" verliehen bekommen. Es gibt nicht viele Bands, die so lange dabei sind und noch Relevanz haben. Aber das größte Zeichen für unseren anhaltenden Erfolg ist wohl, dass die Leute immer noch zu unseren Shows kommen.

Morgenpost Online: Gibt es überhaupt Momente, wo Sie ganz "normal" sein können?

James Hetfield: Ja, erst kürzlich war ich mit meinen Kindern bei einem Konzert von Tenacious D, der Band des Schauspielers Jack Black. Die Kids kamen angerannt, ihre Augen waren weit aufgerissen:. "Dad, wir haben gerade Jack Black gesehen. School of Rock! Au Mann, wir haben noch nie vorher jemand berühmten getroffen, das ist ja Waahnsinn!!!" Und dann dachte ich mir: Klar, ich bin in ihren Augen nicht berühmt, das ist alles eine Frage der Wahrnehmung. In der Öffentlichkeit ist es dagegen schwierig, besonders, wenn Du mit deiner Familie unterwegs bist und dir die Berliner Mauer angucken möchtest. Dann kommen die Leute gleich auf dich zugerannt. Ich will nicht jammern. Aber warum bitte haben Paparazzi ein Auge auf uns? So spannend wie Lindsay Lohan oder Paris Hilton können wir doch wirklich nicht sein, wir schmeißen auch keine kleinen Kinder aus dem Fenster, was wollen die bloß von uns?

Morgenpost Online: Nun, Sie haben seit 1983 mehr als 100 Millionen Platten verkauft, Metallica sind ein Markenzeichen auf der ganzen Welt, es gibt keinen Flecken auf der Erde, wo man Sie nicht kennt....

James Hetfield: Doch, bei mir zu Hause. Da muss ich sogar den Müll runterbringen.