In dem Film „Die Girls from St. Trinian“, der am Donnerstag startet, spielt Rupert Everett, der den Film auch produzierte, eine Doppelrolle: den Vater einer Internatsschülerin und – die Schuldirektorin. Es ist die erste Transenrolle für den offen schwulen Schauspieler. Die "St. Trinian"-Comics von Ronald Searles handeln von einem anarchisch-durchgeknallten Mädcheninternat. In England waren sie so populär, dass schon 1954 der erste Film gedreht wurde, "Die Schönen von St. Trinian". Bis 1980 folgten vier Fortsetzungen.
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Morgenpost Online: Herr Everett, Ihre Schuldirektorin heißt nicht nur Camilla, Sie sieht auch so aus wie Camilla Parker-Bowles. Das ist wohl kein Zufall.
Rupert Everett: „St. Trinian“ war in den fünfziger Jahren eine sehr erfolgreiche Filmserie in Großbritannien. Ich habe die alten Filme geliebt, wenn sie im Fernsehen gezeigt wurden. Und Alastair Sim, der Schauspieler, der meine Rolle damals spielte, war damals einer meiner großen Heroen. Irgendwann wollte ich auch mal diese Rolle spielen. Aber das sollte kein Abklatsch sein. Die Herausforderung bestand darin, etwas Neues zu schaffen. In den alten Filmen hieß die Figur Millie, so kam ich auf Camilla. Am Ende habe ich sogar das schiefe Gebiss von ihr kopiert.
Morgenpost Online: Und der Buckingham Palast ist mal wieder „not amused“.
Everett: Ich wollte mich damit keinesfalls lustig machen. Mindestens so viel wie von Camilla steckt von meiner eigenen Mutter in der Figur. Sie sind ganz ähnliche Frauen. Taff, bodenständig, irgendwie sehr maskulin. So eine Art letztes Relikt des britischen Weltreichs, wie es sie eigentlich gar nicht mehr gibt.
Morgenpost Online: England pflegt eine gewisse Hassliebe im Bezug auf sein Königshaus. Wie stehen Sie dazu?
Everett: Ach, auf ihre altmodische Art haben Sie einen gewissen Unterhaltungswert.
Morgenpost Online: Wie war denn Ihre eigene Schulzeit? Sie waren auf einem von Benediktinermönchen geführten College.
Everett: Es war sehr taff dort. Man wird da mit Gruppen von Kids konfrontiert, die erst mal nicht nett zu dir sind, und muss sich schützen lernen. Man ist vielleicht noch etwas jung dazu. Tatsächlich ist das Leben dort härter als später. Darauf gründete vielleicht das Weltreich England, du wurdest so getriezt, dass du, wenn du entlassen wurdest, um das Empire zu führen, absolut kein Gefühl mehr hattest. Nur: Es gibt kein Empire mehr, also ist es auch eine ziemliche Verschwendung von Energie.
Morgenpost Online:
Später flogen Sie aus dem Central School of Speech and Drama, wegen „Insubordination“.
Everett:
Ich war da sehr enttäuscht. Ich hatte eine romantische, verklärte Vorstellung von einer Schauspielschule, in denen man sich den Musen hingibt. Es war aber wie in meiner alten Schule, irgendwie sehr grob, das hatte fast was Militärisches.
Morgenpost Online:
Jetzt eine völlig unkonforme Schuldirektorin zu spielen, ist das eine Art Rache an dem Ihnen verhassten Schulsystem?
Everett: (lacht) Nun, vielleicht keine Rache. Aber es hat schon Spaß gemacht, einmal die Fronten zu wechseln.
Morgenpost Online: Sie haben immer von einer Doppelrolle geträumt, wollten auch in der Wilde-Verfilmung von „Being Earnest“ eine solche spielen.
Everett: Und ich glaube, das wäre auch besser gewesen. Ich mag Colin Firth wirklich sehr, aber in „Earnest“ sowohl Algy als auch Jack zu spielen, das hätte besser funktioniert. Ich wollte damals aber eigentlich auch alle anderen Figuren spielen.
Morgenpost Online: So wie Alec Guinness in „Adel verpflichtet“?
Everett: Wir haben da eine gewisse Tradition im britischen Kino. Unser altehrwürdiges Ealing-Studio hat einige Filme dieser Art produziert.
Morgenpost Online:
Lieben Sie Verkleidungen, Kostümierungen, Travestien?
Everett:
Sie meinen, als Kind?
Morgenpost Online:
Nein.
Everett:
Vielleicht für Sex. (lacht) Nein, sonst nicht. Ich musste mit dieser Rolle auch keinen Fetisch ausleben.
Morgenpost Online:
Was denken Sie über John Travolta als Frau in „Hairspray“ (
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)?
Everett:
Ich habe das nicht sehr gemocht, muss ich sagen. Er war beileibe nicht so gut wie Dustin Hoffman in „Tootsie“.
Morgenpost Online: Als Ihre Karriere mit „Another country“ begann, war es noch ein Risiko, einen schwulen Charakter zu spielen. Heute gehört ein solcher in jede Soap Opera.
Everett: Ist das so? Nun, vielleicht ist Deutschland da liberaler. Bei uns in England und auch in Amerika ist das nach wie vor nicht so. Natürlich wurde einiges erreicht. Andererseits: Wenn Travolta mal auf Transe macht, bestätigt das in gewisser Weise auch wieder nur die alten Klischees. Aber eigentlich finde ist, das ist eine langweilige Diskussion. Es gibt Wichtigeres als über Homosexuelle in Filmen zu reden.
Morgenpost Online: Und das wäre?
Everett: Im Showbiz gibt es einfach eine große Furcht, was nicht ankommen könnte. Das macht die Produkte immer schlechter und wirkt sich leider auf Kultur im allgemeinen aus. Heute geht es nur noch um Celebrities und Ruhm. Film war mal ein Spiegel unserer Gesellschaft. Die meisten Produktionen, die zurzeit herauskommen, haben einfach keinen Inhalt, keinen Gehalt mehr. Das ist viel bedenklicher, darüber sollten wir uns Gedanken machen.
Morgenpost Online: Wieso sperren Sie sich vor dem Thema? Sie haben vor zehn Jahre selbst angekündigt, Sie wollten ein Drehbuch über einen schwulen James Bond schreiben.
Everett: Das hätte ich gern getan. Aber der Film, den ich im Kopf hatte, hatte so gar nichts mit dem zu tun, was die anderen machen wollten. Mein Film sollte keine Verulkung, es sollte ein brutaler, aggressiver Actionfilm sein. Aber das war wohl nicht zu vermitteln. Schwuler Bond – da dachten alle nur an eine Komödie.
Morgenpost Online: Sind Sie auch deshalb Produzent geworden – um mehr Einfluss auf Ihre Stoffauswahl zu haben? Weil Produzenten Sie eher meiden?
Everett: Sagen wir so: So ziemlich alles, was ich derzeit mache, habe ich in irgendeiner Weise mit auf die Beine gestellt. Sonst wäre ich womöglich arbeitslos. Ab einem gewissen Alter muss man sich selber darum kümmern, im Geschäft zu bleiben.
Morgenpost Online: Wäre Ihre Karriere eine andere, wenn Sie heterosexuell wären?
Everett: Mit Sicherheit. Das Filmbusiness, die ganze Unterhaltungsindustrie wird nun mal von sehr heterosexuellen Interessen bestimmt.
Morgenpost Online: Die man mit einem Film über ein Mädcheninternat dann mit den eigenen Waffen schlägt?
Everett: Ich bin kein Guerillero. Aber ja, eine Mädchenschule, das kommt schon sehr gut an. „St. Trinian“ ist in England einfach Bestandteil der Kindheit, so etwas wie ein soziokulturelles Bindeglied. Alle wollten mitspielen, die National Gallery hat uns sogar Dreherlaubnis gegeben, was sonst nie vorkommt. Alle lieben „St. Trinian“. Wir sind ganz hoffnungsfroh, dass es auch zu Fortsetzungen kommen könnte.
Morgenpost Online: Sie planen das?
Everett: Ja. Die Schülerinnen könnten vielleicht wechseln, aber der Stab, die Lehrerschaft sollte gleich bleiben.




